Solothurner Filmtage
Sogar Steven Spielberg erlernte sein Handwerk mit dieser Waadtländer Kamera

Die vielseitig einsetzbaren Waadtländer Bolex-Kameras begeisterten Künstler und Surfer. Auch heute haben sie iPhones und Co. vieles voraus. Ein Besuch in der Fabrik in Yverdon.

Georges Wyrsch
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Die Bolex eroberte ab den 30er-Jahren den Markt. An den Solothurner Filmtagen steht sie im Zentrum der Sektion «Histoires du cinéma suisse».

Die Bolex eroberte ab den 30er-Jahren den Markt. An den Solothurner Filmtagen steht sie im Zentrum der Sektion «Histoires du cinéma suisse».

KEYSTONE

«Könnten Sie bitte in Ihrem Artikel schreiben, dass es uns noch gibt?», bittet uns Marc Ueter. «Wir haben zwar nach wie vor eine grosse Kundschaft in Übersee und Fernost, aber in unserer Heimat gehen wir gelegentlich etwas vergessen.» Von aussen betrachtet betreiben Marc Ueter und sein einziger, langjähriger Mitarbeiter Otello Diotallevi einen bescheidenen Feinmechanik-Reparaturbetrieb in einem Industriequartier von Yverdon-les-Bains.

Inhaber Ueter erledigt im Büro die Administration und pflegt Kundenkontakte, während Diotallevi im Nebenzimmer mit ruhiger Hand alte Filmkameras testet und repariert. Daneben ist Platz für einen kleinen Test-Vorführraum und ein Ersatzteillager.

In der Fabrik von Marc Ueter werden heute noch neue Bolex-Kameras gebaut.   

In der Fabrik von Marc Ueter werden heute noch neue Bolex-Kameras gebaut.   

Tatsächlich sind die beiden Männer die weltweit wichtigsten Ansprechpartner einer Kultmarke, die heute nochauf einen guten Ruf bauen kann: Bolex. Als in den Dreissigerjahren erstmals portable Schmalfilmkameras für Privathaushalte und rasende Reporter entwickelt wurden, etablierten sich die Produkte der Waadtländer Firma und wurden zum Kassenschlager.

Auch Spielberg übte mit Bolex

Bolex-Produkte eigneten sich zum Einfangen von historischen Ereignissen oder Familientreffen, aber durch ihre Vielseitigkeit wurden sie auch in der Werbe- und der Kunstszene zu begehrten Objekten: Für den Pop-Art-Pionier Andy Warhol etwa waren sie ein Ansporn für seine Filmexperimente, der Filmemacher Jonas Mekas erfand gar die Kunstform des audiovisuellen Tagebuchschreibens, und auch die Bilder des berühmten Surfer-Films «Endless Summer» (1966) wurden mit einer Bolex-Kamera eingefangen.

Diverse klingende Namen des heutigen Filmgeschäfts – Wim Wenders, David Lynch, Steven Spielberg – erlernten in den Sechzigern und Siebzigern ihr Handwerk mit Bolex-Kameras: Die Modelle waren erschwinglich, die Möglichkeiten unbegrenzt.

Das sind die Filmtipps der Redaktion für die Solothurner Filmtage:

Freitag, 26. Januar: Emma – il colore nascosto delle cose Von Silvio Soldini. 11.45 Uhr, Reithalle: Emma (Valeria Golino) ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind. Eines Tages verliebt sie sich in Theo. Doch Theo ist vergeben, und Emma misstraut der Liebe eines Sehenden.
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Freitag, 26. Januar: A Long Way Home Von Luc Schaedler. 15.00 Uhr, Landhaus: Fünf chinesische Künstler erforschen die Erschütterungen der chinesischen Geschichte. Sie setzen sich für eine demokratische Gesellschaft ein und sind Teil einer mutigen Gegenkultur.
Samstag, 27. Januar: Das Leben vor dem Tod Von Gregor Frei. 15.00 Uhr, Landhaus: Zwei ältere Männer leben in einem ausgestorbenen Dorf im Tessin. Der eine will mit 70 «abtreten». Darf man einfach so sterben? Der Regisseur dokumentiert die aufwühlende Debatte.
Samstag, 27. Januar: Chris the Swiss Von Anja Kofmel. 21.15 Uhr, Landhaus: Kroatien, 1992: Während des Jugoslawienkrieges wird die Leiche des jungen Schweizer Journalisten Chris gefunden. 20 Jahre später begibt sich seine Cousine auf Spurensuche.
Sonntag, 28. Januar: Boomerang Von Nicole Borgeat. 17.15 Uhr, Reithalle: Theo, ein ehrgeiziger Politiker mit fremdenfeindlicher Gesinnung, ist im Wahlkampf. Doch eines Tages wacht er in der Haut seiner Putzfrau auf, einer muslimischen Asylsuchenden.
Sonntag, 28. Januar: Fell in Love with a Girl Von Kaleo La Belle. 20.00 Uhr, Konzertsaal: Eine Patchwork-Familie wandert in die USA aus. Ein wirklichkeitsnahes und intimes Porträt, das grundlegende Fragen zu heutigen Lebensformen aufwirft.
Montag, 29. Januar: Tranquillo Von Jonathan Jäggi. 18.00 Uhr, Reithalle: Ein Tinnitus zwingt den Mittzwanziger Peter, seinen egoistischen, urbanen Lebensstil zu überdenken. Das Zeitzeugnis einer Generation kam ohne öffentliche Filmförderung zustande.
Montag, 29. Januar: Mario Von Marcel Gisler. 20.45 Uhr, Reithalle: Mario steht am Anfang einer Fussball-Karriere. Da verliebt er sich in seinen Mitspieler Leon. Das bleibt anderen im Klub nicht verborgen, bald verbreiten sich erste Gerüchte.
Dienstag, 30. Januar: Vakuum Von Christine Repond. 14.45 Uhr, Reithalle: Inmitten der Vorbereitungen auf ihren 35. Hochzeitstag erfährt Meredith, dass sie HIV-positiv ist. Als Überträger kommt nur ihr Mann André infrage. Hält das ihre Ehe aus?
Dienstag, 30. Januar: Die Vierte Gewalt Von Dieter Fahrer. 17.45 Uhr, Reithalle: Durch das Internet ist die Wirtschaftlichkeit und Unabhängigkeit des Journalismus in Gefahr. Der Regisseur taucht in den Alltag diverser Redaktionen ein und reflektiert kritisch.
Mittwoch, 31. Januar: Des moutons et des hommes Von Karim Sayad. 9.30 Uhr, Landhaus: Anstatt Tierarzt zu werden, kauft sich der 16-jährige Habib wie andere Männer in Algerien einen Schafbock für Kämpfe. Der soll ihm zu Ruhm und zu einem Einkommen verhelfen.
Mittwoch, 31. Januar: Cercando Camille Von Bindu de Stoppani. 20.45 Uhr, Reithalle: Die pflichtbewusste Camille geht mit ihrem an Alzheimer erkrankten Vater auf Reise. Sie muss lernen, ihn loszulassen und ihr eigenes Glück zu finden. Eine herzerwärmende Komödie.

Freitag, 26. Januar: Emma – il colore nascosto delle cose Von Silvio Soldini. 11.45 Uhr, Reithalle: Emma (Valeria Golino) ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind. Eines Tages verliebt sie sich in Theo. Doch Theo ist vergeben, und Emma misstraut der Liebe eines Sehenden.

Schweiz am Wochenende

Heute schreiben wir unsere audiovisuellen Tagebücher mit dem Smartphone und gehen unseren künstlerischen Ambitionen mit digitalen Spiegelreflexkameras nach. Trotzdem besteht weiterhin ein globaler Bedarf an Bolex-Kameras: Sie werden in Yverdon nicht nur repariert, sondern auf Anfrage auch neu hergestellt.

«Unsere Kunden sind keine Hobbyfilmschaffende im Rentenalter», stellt Marc Ueter klar. «Es sind junge, professionelle Kameraleute. Sie benutzen Bolex-Produkte aus ästhetischen Gründen – weil sie das Korn, die Farbpalette und die Tiefenschärfe von klassischem Filmmaterial mögen. Gerade die Generation der Digital Natives geniesst es, wenn das Filmen mit einem leisen Rattern und mit der Handhabung von greifbarem Material verbunden ist.»

Ueter wirft einen kritischen Blick auf mein Handy, das zum Mitschneiden des Gesprächs auf dem Tisch liegt. «Glauben Sie, dass Sie dieses Gerät in vier Jahren noch brauchen? Wohl kaum, oder? Wir reparieren hier Kameras, die oft über fünfzig Jahre alt sind. Und wir bringen sie wieder zum Laufen.» Ueter will damit nicht sagen, früher sei alles besser gewesen. Heute noch seien Bolex-Kameras aber in vielen Belangen der Konkurrenz überlegen, führt er aus: «Viele Kunden schätzen die Bolex-Modelle wegen ihrer Robustheit: Sie halten extreme Temperaturen aus, sie funktionieren ohne Strom, sie lassen sich mit einer Schutzhülle unter Wasser einsetzen, und sie halten starken Vibrationen stand.»

Einsatz im Weltall und im Krieg

Vulkanausbrüche würden damit gefilmt, und es befänden sich zudem Abwandlungen von Bolex-Kameras in einer Weltraumsonde, erzählt Ueter weiter. Ein anderes spannendes Einsatzgebiet seien Kriegsschauplätze: «Mit einer Bolex kann man auch drehen, wenn gerade keine Steckdose in der Nähe ist.» Und in brenzligen Situationen seien Bildaufnahmen auf einer 16-Millimeter-Filmrolle manchmal besser aufgehoben als auf einer Speicherkarte. «Vor einiger Zeit hatten wir eine Kamera auf dem Tisch, die bei einem Anschlag beschädigt worden war: Das war kein schöner Anblick», erinnert sich Ueter.

Ein weniger aufregendes, dafür solideres Kundensegment sind die vielen Filmschulen in aller Welt. Viele Lehrpersonen würden nach wie vor die Ansicht vertreten, dass man die mechanischen, technischen und optischen Grundlagen des Filmemachens kennen lernen sollte, bevor man eine automatisierte Digitalkamera in die Hand nimmt. «An einer Bolex kann man während des Drehens auf zahlreiche Einstellungen und Tricks zurückgreifen, die man an modernen Kameras vergeblich sucht.»

Der Alleskönner

Diese Vielseitigkeit hat den Bolex-Kameras den Ruf eingebracht, sie seien das «Swiss Army Knive» unter den Kameras – auf Deutsch Alleskönner, derb ausgedrückt: eierlegende Wollmilchsäue.

Der Anschluss an die digitale Welt ist kein Tabu, wie Ueter ausführt: «Ein junger Kalifornier hat uns vor einiger Zeit die Idee einer digitalen Bolex präsentiert. Im Gegensatz zu den eher chaotischen Geschäftsvorschlägen, die uns gemacht werden, kamen wir hier zum Schluss, das Projekt sei wirklich ausgereift.» Das Produkt habe es dann auch gegeben, aber es wurde zum Flop: «Der Hauptaktionär wollte die Kamera nicht als Liebhaberartikel, sondern als Massenprodukt vermarkten. Das war ein Fehler.»

Der Traum einer digitalen Bolex sei damit noch nicht ausgeträumt, sagt Ueter: «Der junge Kalifornier macht auf seiner Seite weiter, es ist sein Baby. Wir sind in Kontakt, aber im Stand-by-Modus», kommentiert er die Zukunftsidee.

Wichtiger jedoch ist Ueter die Gegenwart: «Wir reparieren und konstruieren hier solide Kameras und Projektoren, wir digitalisieren altes Filmmaterial, aber vor allem vertreten wir eine Qualitätsmarke. We are Bolex.»

Die Solothurner Filmtage zeigen Bolex-Filme u.a. von Maya Deren, Jonas Mekas, Barbara Hammer, Bruce Brown und Clemens Klopfenstein. Der Dokumentarfilm «L’aventure Bolex» erinnert zudem an den Bolex-Erfinder Jacques Boolsky.

Im Künstlerhaus S11 wird der Bolex-Kamera eine Ausstellung gewidmet. Vernissage am Freitag, 26. Januar 2018 um 19 Uhr.

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