«Könnten Sie bitte in Ihrem Artikel schreiben, dass es uns noch gibt?», bittet uns Marc Ueter. «Wir haben zwar nach wie vor eine grosse Kundschaft in Übersee und Fernost, aber in unserer Heimat gehen wir gelegentlich etwas vergessen.» Von aussen betrachtet betreiben Marc Ueter und sein einziger, langjähriger Mitarbeiter Otello Diotallevi einen bescheidenen Feinmechanik-Reparaturbetrieb in einem Industriequartier von Yverdon-les-Bains.

Inhaber Ueter erledigt im Büro die Administration und pflegt Kundenkontakte, während Diotallevi im Nebenzimmer mit ruhiger Hand alte Filmkameras testet und repariert. Daneben ist Platz für einen kleinen Test-Vorführraum und ein Ersatzteillager.

In der Fabrik von Marc Ueter werden heute noch neue Bolex-Kameras gebaut.

  

Tatsächlich sind die beiden Männer die weltweit wichtigsten Ansprechpartner einer Kultmarke, die heute nochauf einen guten Ruf bauen kann: Bolex. Als in den Dreissigerjahren erstmals portable Schmalfilmkameras für Privathaushalte und rasende Reporter entwickelt wurden, etablierten sich die Produkte der Waadtländer Firma und wurden zum Kassenschlager.

Auch Spielberg übte mit Bolex

Bolex-Produkte eigneten sich zum Einfangen von historischen Ereignissen oder Familientreffen, aber durch ihre Vielseitigkeit wurden sie auch in der Werbe- und der Kunstszene zu begehrten Objekten: Für den Pop-Art-Pionier Andy Warhol etwa waren sie ein Ansporn für seine Filmexperimente, der Filmemacher Jonas Mekas erfand gar die Kunstform des audiovisuellen Tagebuchschreibens, und auch die Bilder des berühmten Surfer-Films «Endless Summer» (1966) wurden mit einer Bolex-Kamera eingefangen.

Diverse klingende Namen des heutigen Filmgeschäfts – Wim Wenders, David Lynch, Steven Spielberg – erlernten in den Sechzigern und Siebzigern ihr Handwerk mit Bolex-Kameras: Die Modelle waren erschwinglich, die Möglichkeiten unbegrenzt.

Das sind die Filmtipps der Redaktion für die Solothurner Filmtage:

Heute schreiben wir unsere audiovisuellen Tagebücher mit dem Smartphone und gehen unseren künstlerischen Ambitionen mit digitalen Spiegelreflexkameras nach. Trotzdem besteht weiterhin ein globaler Bedarf an Bolex-Kameras: Sie werden in Yverdon nicht nur repariert, sondern auf Anfrage auch neu hergestellt.

«Unsere Kunden sind keine Hobbyfilmschaffende im Rentenalter», stellt Marc Ueter klar. «Es sind junge, professionelle Kameraleute. Sie benutzen Bolex-Produkte aus ästhetischen Gründen – weil sie das Korn, die Farbpalette und die Tiefenschärfe von klassischem Filmmaterial mögen. Gerade die Generation der Digital Natives geniesst es, wenn das Filmen mit einem leisen Rattern und mit der Handhabung von greifbarem Material verbunden ist.»

Ueter wirft einen kritischen Blick auf mein Handy, das zum Mitschneiden des Gesprächs auf dem Tisch liegt. «Glauben Sie, dass Sie dieses Gerät in vier Jahren noch brauchen? Wohl kaum, oder? Wir reparieren hier Kameras, die oft über fünfzig Jahre alt sind. Und wir bringen sie wieder zum Laufen.» Ueter will damit nicht sagen, früher sei alles besser gewesen. Heute noch seien Bolex-Kameras aber in vielen Belangen der Konkurrenz überlegen, führt er aus: «Viele Kunden schätzen die Bolex-Modelle wegen ihrer Robustheit: Sie halten extreme Temperaturen aus, sie funktionieren ohne Strom, sie lassen sich mit einer Schutzhülle unter Wasser einsetzen, und sie halten starken Vibrationen stand.»

Einsatz im Weltall und im Krieg

Vulkanausbrüche würden damit gefilmt, und es befänden sich zudem Abwandlungen von Bolex-Kameras in einer Weltraumsonde, erzählt Ueter weiter. Ein anderes spannendes Einsatzgebiet seien Kriegsschauplätze: «Mit einer Bolex kann man auch drehen, wenn gerade keine Steckdose in der Nähe ist.» Und in brenzligen Situationen seien Bildaufnahmen auf einer 16-Millimeter-Filmrolle manchmal besser aufgehoben als auf einer Speicherkarte. «Vor einiger Zeit hatten wir eine Kamera auf dem Tisch, die bei einem Anschlag beschädigt worden war: Das war kein schöner Anblick», erinnert sich Ueter.

Ein weniger aufregendes, dafür solideres Kundensegment sind die vielen Filmschulen in aller Welt. Viele Lehrpersonen würden nach wie vor die Ansicht vertreten, dass man die mechanischen, technischen und optischen Grundlagen des Filmemachens kennen lernen sollte, bevor man eine automatisierte Digitalkamera in die Hand nimmt. «An einer Bolex kann man während des Drehens auf zahlreiche Einstellungen und Tricks zurückgreifen, die man an modernen Kameras vergeblich sucht.»

Der Alleskönner

Diese Vielseitigkeit hat den Bolex-Kameras den Ruf eingebracht, sie seien das «Swiss Army Knive» unter den Kameras – auf Deutsch Alleskönner, derb ausgedrückt: eierlegende Wollmilchsäue.

Der Anschluss an die digitale Welt ist kein Tabu, wie Ueter ausführt: «Ein junger Kalifornier hat uns vor einiger Zeit die Idee einer digitalen Bolex präsentiert. Im Gegensatz zu den eher chaotischen Geschäftsvorschlägen, die uns gemacht werden, kamen wir hier zum Schluss, das Projekt sei wirklich ausgereift.» Das Produkt habe es dann auch gegeben, aber es wurde zum Flop: «Der Hauptaktionär wollte die Kamera nicht als Liebhaberartikel, sondern als Massenprodukt vermarkten. Das war ein Fehler.»

Der Traum einer digitalen Bolex sei damit noch nicht ausgeträumt, sagt Ueter: «Der junge Kalifornier macht auf seiner Seite weiter, es ist sein Baby. Wir sind in Kontakt, aber im Stand-by-Modus», kommentiert er die Zukunftsidee.

Wichtiger jedoch ist Ueter die Gegenwart: «Wir reparieren und konstruieren hier solide Kameras und Projektoren, wir digitalisieren altes Filmmaterial, aber vor allem vertreten wir eine Qualitätsmarke. We are Bolex.»