Das Prädikat ist dem hiesigen Theaterfan schon als stehende Wendung in den Wortschatz eingegangen: «Ältestes Barocktheater der Schweiz». Doch bei allem nostalgischen Feuer, welches das Stadttheater entfachen mag: Hinter der altehrwürdigen Fassade, hinter unerwartet aufgetauchten Brüstungsmalereien steckt Hightech, schlummert der «Gott aus der Maschine». «Deus ex Machina» – so wurde schon in der Antike der göttliche Zauber genannt, den man durch trickreiche Bühnentechnik heraufbeschwor; zumindest dann, wenn die verkörperten Figuren (und die Dramaturgen) an ihre Grenzen stiessen. Auch 2500 Jahre später ist Bühnentechnik nicht weniger wichtig. So erfreut sich auch das Stadttheater einer ausgefeilten technischen Ausstattung, die im Zuge der Sanierung mitrealisiert wurde.

Acht fleissige «Lichthelfer»

Und so wird seit der Übergabe durch die Bauleitung an die Theaterverantwortung im Dezember an den Feinheiten der Bühnenmaschinerie geschliffen. Die Zeit läuft – so soll das Theater am 30. Januar mit Henry Purcells Oper «King Arthur» vom Stapel laufen. Derweil behält der technische Direktor Thomas Märker die Arbeiten im Auge und schwärmt von den Neuerungen, mit denen das Theater aufwartet.

Allen voran nennt er die Lichttechnik: Wo zuvor im Saal je nach Aufführung bis zu 70 Scheinwerfer hingen, gibt es deren nun lediglich ein gutes Dutzend. Was vordergründig Platz spart, hat hintergründig weitere Vorzüge. Vor dem Umbau mussten die Lichtkörper ihrem vorgesehenen Zweck entsprechend eingestellt werden und blieben über die Dauer der Vorführung in diesem Zustand.

Nun sorgen neben weiteren Scheinwerfern acht so genannte Moving Lights für neue dramaturgische Möglichkeiten. Es sind quasi programmierbare Roboter, deren Ausrichtung, Farbe und Breite des Lichtkegels dynamisch verändert werden können. Auch können diese Lichtanlagen, die auf der Galeriebrüstung angebracht sind, in zeitlich festgelegten Sequenzen Bewegungsabläufe beleuchten. Allein die erstmalige Feineinstellung der «Lichtroboter» erforderte einiges an Geduld.

Seit Freitag ist die Anlage komplett in Betrieb, seit Samstag überdies auch das Beschallungssystem. Die bisherigen manuellen Scheinwerfer werden hinter der Bühne unter klassischen Bedingungen wieder in Betrieb genommen. «Ausserdem können wir mit der Solothurner Einrichtung nun auch das Bieler Haus aufwerten», erklärt Märker. So wird einiges an Equipment nach Biel ausgelagert und soll darüber hinaus auch bei Gastspielen in anderen Städten zum Einsatz kommen.

Den Platz schlau nutzen

«Technisch ein Riesengewinn ist auch die Regiekabine», stellt Märker fest. Zur Erinnerung: Diese war in der Sanierungsphase für einige Aussenstehende zum Stein des Anstosses geworden, da sie das Erscheinungsbild des Theatersaals beeinflusse: «Nun wissen wir, dass bei geringem Platzverlust die neue Regiekabine eine grosse Hilfe ist, um auf das Bühnengeschehen Einfluss nehmen zu können.»

Auch die Technik hinter der Bühne wird auf Vordermann gebracht. Mobile Portale für seitliche Kulissenelemente und ein geräumiger Bühnenturm schaffen bei sonst beengten Verhältnissen neue Flexibilität. So lassen sich ganze Scheinwerferzüge und Kulissenelemente in der Höhe verstauen. Platzsparend und unsichtbar in den Rängen installiert sind zudem Videobeamer, die Projektionen ermöglichen.

Licht und Bühnenmaschinerie, sowie Lautsprecher und Lichtanlagen inner- und ausserhalb des Theatersaals lassen sich auch drahtlos per Laptop oder iPad steuern. «Die Zeit war reif für eine technische Neuerung», sagt Märker. Eine, die sich als Herausforderung herausstellte, wenn man bedenkt, dass das technische «Räderwerk» der historischen Bausubstanz einverleibt werden musste. «Es waren einige Gespräche mit der Denkmalpflege vonnöten, um die Brillanz und Ästhetik so hinzubekommen, wie sie heute ist.» Und auch die Technik wurde soweit möglich an die optischen Erfordernisse angepasst.

Rund 1800 Mannstunden, so rechnet Märker vor, werden insgesamt nötig gewesen sein, um das Stadttheater bis Ende Januar technisch auf Vordermann zu bringen. Hinzu kommen extern beauftragte Hilfskräfte, sowie Putzpersonal, das stets nachreinigt, solange die vorbereitenden Installationsarbeiten andauern.

Ideen umsetzen dank Technik

Mit Notizblock bewaffnet, wirft auch Sonja Horisberger einen ersten Blick ins umgebaute Theater. Sie ist Regieassistentin, Abendspielleiterin und Inspizientin, hauptsächlich in der Sparte Musiktheater. In ihrer Funktion als Schaltzentrale zwischen Technik und der dramaturgischen Federführung zeichnet sie verantwortlich für die Abläufe – wie Kostümwechsel oder Lichtanweisungen – während einer Darbietung. Dies gilt erst recht, wenn bei allfälligen technischen Pannen schnelle Entscheidungen nötig sind.

Auch Horisberger freut sich über die aufgerüstete Infrastruktur: «Es handelt sich dabei aber nicht einfach um Spielzeug», betont sie. «Vielmehr können wir so neue Ideen umsetzen, die früher nur improvisiert verwirklicht werden konnten.» Als Beispiel nennt sie den verbesserten Seilzug, mit dem Objekte nun zum Verschwinden oder Erscheinen gebracht werden können.

Aktuell bereitet sie sich auf «King Arthur» vor. Heute Dienstag nämlich wird der Probebetrieb auf die Theaterbühne verlagert. «Auf den Probebühnen beim Bahnhof arbeitet man immer mit Vermutungen: Jetzt gilt es zu schauen, wie wir die Inszenierung vor Ort umsetzen.»

Purcells Oper soll als spartenübergreifende Produktion ein besonders grosser Wurf werden. «Damit werden wir das Theater mit einem Paukenschlag eröffnen», so Horisberger. Tatsächlich handelt es sich dabei quasi um eine Leistungsschau der Infrastruktur, aber auch der Personen hinter dem Stadttheater. Vor der Bühne ziehen sämtliche Sparten – Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Chor –, hinter der Bühne auch die technischen Bereiche alle Register für das königliche Stück.