Solothurn

So tanzte man zur Zeit der alten Eidgenossen

Ein Tanz zu zweit beim Château de Grandson. Rutschmann und seineTanzpartnerin machen einen «Stebelîn sprunc» über das Kreuz am Boden.

Ein Tanz zu zweit beim Château de Grandson. Rutschmann und seineTanzpartnerin machen einen «Stebelîn sprunc» über das Kreuz am Boden.

Der Solothurner Andreas Rutschmann lehrt den Menschen Tänze aus dem Mittelalter und der Renaissance. An Festen tritt er auch als umherziehender Spielmann auf.

Schalmeienklänge ertönen, um im gewundenen Treppenhaus zur Wohnung von Andreas Rutschmann zu finden. Der Raum, in welchem wir uns treffen, ist schlicht eingerichtet, denn er dient auch für den Tanzunterricht. An der einen Wand eine ganze Anzahl historischer und traditioneller Saiteninstrumente, auf einem Gestell etwa 20 verschiedene Schalmeien und 40 Flöten, dazu mittelalterliche Trommeln.

Sie werden gespielt an seinen Kursen für Tänze des Mittelalters, der Renaissance und für traditionelle Tänze aus England und Frankreich. Es kann sein, dass Spaziergänger beim Wengistein schon auf Tänze im Freien gestossen sind, welche er dort animiert. Weil dies nicht alltäglich ist, haben wir uns mit Andreas Rutschmann unterhalten.

Andreas Rutschmann, wie sind Sie eigentlich zum Tanzen gekommen?

Andreas Rutschmann: In der Schulzeit hatte ich klassische Gitarre gespielt und die Stücke singend durchbewegt, und zwar genau ihrem inneren Leben entsprechend. Auf das Konservatorium hatte ich – zum Glück – verzichtet, da es viel zu äusserlich an die Musik heranging. Durch meine folgende Gärtnerzeit und viele Bewegungskurse wurde ich gut geerdet und habe damit den rhythmischen Teil der Musik stärker erlebt, der Weg war offen für den Tanz. An einer Schule in der Toskana, wo ich dann Musik und Gymnastik unterrichtete, waren die Jugendlichen völlig begeistert von den israelischen Volkstänzen – und da zündete es auch bei mir.

Aber das hatte doch noch nichts mit Tänzen des Mittelalters und der Renaissance zu tun?

Richtig. Zuerst lernte ich die traditionellen Tänze Frankreichs, Englands und Israels kennen, an Ort und Stelle, an unzähligen Festen und Kursen und intensiv ihre Hintergründe erforschend. Diese bilden die eine Hälfte meines heutigen Repertoires. Sie sind recht leicht zugänglich, vor allem die englischen Tänze. Hierzulande gänzlich unbekannt, wurden sie für viele die Entdeckung ihres Lebens. Die andere Hälfte, die historische, kam als natürliches Pendant dazu mit der Frage: Was hat man denn früher in England und Frankreich getanzt? Auch dafür gibt es keine reguläre Ausbildung. Ich habe Kurse in ganz Europa besucht und intensive Quellenforschung betrieben.

Warum sind Sie im Zeitalter der Renaissance stehen geblieben?

Zum einen sind diese Tänze und ihre Musik relativ einfach, und deshalb eine grosse Chance, sie auch erlebnismässig nachzuvollziehen. Zum andern kann ich nur weitergeben, was mich selber wirklich berührt, und womit ich mich gründlich auseinandergesetzt habe. So wurde mein Tanz-Garten eingezäunt, aber in der Beschränkung liegt ja auch der Reichtum. Ich baue die Tänze möglichst Schritt für Schritt auf, um nicht nur Historisches und Traditionelles äusserlich zu kopieren, sondern alles nachzuschöpfen und für uns ganz persönlich fruchtbar zu machen. Jeder Tanz bringt eine andere Saite in uns zum Erklingen. Ich bin also nicht in der Renaissance stehen geblieben, sondern voll ins 21. Jahrhundert durchgestartet.

Wie sind Sie zu den vielen Instrumenten gekommen und können Sie diese alle spielen?

Ja, jedes hat einen Klang und eine Stimmung gemäss seiner Herkunft. Volksinstrumente habe ich einige im französischen St. Chartier gekauft beim jährlichen Treffen von etwa 160 Instrumentenbauern. Historisches muss man oft in Auftrag geben bei Spezialisten in ganz Europa. Diese Dolzaina und diese Schalmei (er entlockt jedem Instrument einige Töne) sind jedoch von Christoph Schuler aus Langenthal. Als Saiten-Instrumente sehen Sie hier an der Wand eine Zitole, diverse Scheitholte und Lauten.

Woher wissen Sie, wie damals getanzt wurde?

Seit der Renaissance (15. und 16. Jahrhundert) gibt es recht gute Tanzbücher. Ich konzentriere mich auf französische und englische Tänze, ihr Unterschied ist recht markant. In Frankreich sind die Tänze noch viel in der archaischen Form des Kreises. Die englischen Tänze sind als «social game» in diversen Formationen viel offener und moderner bezüglich der Tanzgeschichte. Aus dem Mittelalter gibt es keine Tanzbücher. Man muss alles Mögliche an schriftlichen Aufzeichnungen und Bildern zusammensuchen und dann noch richtig interpretieren können. Ich habe so schon etwa 50 Tänze geschaffen, quasi wie sie hätten sein können.

Sie tragen jeweils auch ein Kostüm.

Ja, für die historischen Tänze jeweils der Epoche entsprechend. «Kostüm» klingt nach Verkleidung, Theater und Folklore. «Gewandung» ist passender. Mein mittelalterliches Kleid zum Beispiel ist wie damals von Hand gesponnen und gewoben, mit Pflanzenessenzen gefärbt und von Hand genäht. Das fühlt sich angenehm an und gibt eine zeitgemässe Stimmung, so wie die Räume in die meine Kurse und Animationen «eingebettet» sind: Schloss Chillon, Aigle, Gruyère, Grandson, Yverdon oder Laupen, Thun, Liebegg und Lenzburg.

Werden Ihre Kurse vor allem von Frauen besucht?

Im Allgemeinen schon. Die Männer haben noch nicht entdeckt, wie leicht man ins Tanzen hineinkommen kann mit einer menschenfreundlichen Methodik.

Was steht als Nächstes an?

Am Mittelalterfest in Grandson vom 16./17. August trete ich als umherziehender Spielmann auf. Nach den Sommerferien das Tanzen beim Wengistein und die Kurse hier drin.

Infos unter www.historisch-traditioneller-tanz.ch

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