Wenn Wände reden könnten, dann wäre es zwischen den dicken Mauern des Krummturm noch unheimlicher als ohnehin schon. Wobei: Richtig gespenstisch ist es im zweiten Stock des ältesten Solothurner Gebäudes (Baubeginn 1462) nicht. Eher gemütlich. Denn seit letzter Woche stehen hier ein weiches Boxspring-Bett, ein Tisch mit Designerstühlen in Pastellfarben, eine hübsche Kommode. Gruselig ist eher das Wissen um die historischen Gemäuer, etwa, dass unter dem Erdgeschoss ein Verlies ruht, in das man einst Verbrecher (oder zumindest vermeintliche) einkerkerte – herabgelassen in ein Loch ohne Fenster und ohne Fluchtmöglichkeit. Sogar der Turm-Baumeister selbst soll dort hingesiecht sein. Aber dazu später.

Klingt nach Geheimtipp, riecht nach Abenteuer

Der sagenumwobene, fast 600-jährige Wehrturm an der Westseite der Vorstadtbefestigung eignet sich also bestens als besondere Schlafstätte, wie sie im Rahmen der Städtekampagne «Swiss Urban Feeling» von Schweiz Tourismus lanciert wurde: ausgefallen und einzigartig sollte sie sein – und bisher noch nicht als Hotelzimmer in Gebrauch.

Der Schweizer Tourismusverband will mit den so genannten Pop-up Hotelzimmern, die letzte Woche in elf Schweizer Städten gleichzeitig eröffnet wurden, für das besondere Städte-Gefühl werben. Eines, das nach Geheimtipp klingt und nach Abenteuer riecht. Oder im Fall des Zimmers im Krummturm: nach kaltem Stein, altem Holz und Schiesspulver. Dies zumindest könnte man sich einbilden.  

Schwerter, Dolche und Kanonen

«Wir erfüllten die Bedingungen», sagt Roland Furrer. Er ist Direktor des Hotels an der Aare, welches das Pop-up Zimmer im Krummturm betreibt. Pop-up steht für «plötzlich aufgetaucht»,  und irgendwann wieder verschwunden, im Fall der Pop-up Hotelzimmer nach drei Monaten. Zu den Bedingungen gehörte auch, fliessend Wasser anbieten zu können, «aber da das Zimmer in der ehemaligen Turmwächter-Stube ist, war sogar schon ein WC vorhanden», so Furrer.

Auf eine Nasszelle und damit den üblichen Hotelzimmer-Komfort muss also bei einer Übernachtung nicht verzichtet werden. Die neuen Armaturen, aber auch die neuen Designermöbel passen wunderbar in die alten Tuffsteingemäuer. Urban trifft auf historisch, und das gefällt nicht nur dem Sinn für Geschmack, auch demjenigen für geschichtsträchtige, ja Geschichten erzählende Gebäude, wie es das älteste noch vorhandene in Solothurn nicht besser tun könnte.

PopUp-Hotels: Probeschlafen im Krummturm

PopUp-Hotels: Probeschlafen im Krummturm

Im ältesten Gebäude der Stadt Solothurn kann man nun für kurze Zeit übernachten. Wir haben unseren Reporter zum Testen geschickt.

Eine Nacht im Krummturm beschert das volle Wehrturm-Erlebnis: Schwere Eisenschlüssel statt einer Karte öffnen die knarrenden Holztüren, im Innern dringt das Licht hauptsächlich durch die Schiessscharten ein. Zum Zimmer führen schmale, steile Holztreppen. Allerlei Kriegsgerät wie alte Büchsen, Schwerter und Dolche, Kanonen und Munition, das dem im Turm ansässigen Artillerieverein Solothurn gehört, lässt nicht nur das Kriegsfan-Herz höher schlagen.

Die Sage um den boshaften Baumeister

Und dann ist da eben noch das so genannte Angstloch, der Eingang beziehungsweise einzige Ausgang des zwei Stockwerke tiefen Verlieses. Hier kann besonders im Dunkeln gut hineingeschaut werden, denn dann beleuchtet eine schummrige Funzel die feuchte Arrestzelle.

Laut Sage soll auch der Turm-Baumeister zur Strafe hier hinabgelassen worden sein. Dies, weil er einem jungen Zimmermann den Auftrag gegeben hatte, einen geraden Dachstock auf den unregelmässigen, fünfeckigen Turm zu bauen – was bautechnisch nicht möglich ist. Mit dieser Aufgabe wollte der boshafte Baumeister den jungen Zimmermann quälen, da dieser ein Verhältnis mit seiner Tochter hatte. Was ihm gelang: Aus Verzweiflung, keinen anständigen Turm hinzubekommen, soll sich der Zimmermann vom Gemäuer des Turms in die Aare gestürzt und dort den Tod gefunden haben. Woraufhin der Baumeister im Kerker des Turmes landete, den er selbst gebaut hatte. Wer dieser Tage zwei Stockwerke über dem Verlies im weichen Federbett liegt, kann ihn vielleicht noch rufen hören. Denn muxmäuschen still ist es allemal in der alten Baute. 

Übrigens: Das Frühstück kann im Turm (etwas bescheidener) oder im Hotel an der Aare eingenommen werden. Liegestühle, um die Abendsonne auf der eigenen «Terrasse» (der Krummturm-Schanze) geniessen zu können, sind vorhanden. Verpflegung gibt’s aus der Minibar.

Buchen können Sie das Zimmer unter www.myswitzerland.ch/popup. Eine Übernachtung gibt es ab 220 Franken. 

Und dies sind die anderen zehn ausgefallenen Übernachtungsmöglichkeiten: