Solothurn
So lange, bis der Tod uns scheidet

In närrischen Zeiten werden Tabus ausgelotet und auch durchbrochen. Eine Bilderbuchfasnacht geht heute zu Ende, am Aschermittwoch läutet den Narren das Totenglöcklein.

Wolfgang Wagmann
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Sinnbild für den heutigen Aschermittwoch: Die Fasnacht wird von den «Wüüde» zu Grabe getragen. om Sinnbild für den heutigen Aschermittwoch: Die Fasnacht wird von den «Wüüde» zu Grabe getragen. om

Sinnbild für den heutigen Aschermittwoch: Die Fasnacht wird von den «Wüüde» zu Grabe getragen. om Sinnbild für den heutigen Aschermittwoch: Die Fasnacht wird von den «Wüüde» zu Grabe getragen. om

Solothurner Zeitung

Der Böögg verbrennt in Minutenfrist, die Narrenlaterne wird gelöscht. Die Fasnacht ist wie ein Leben im Zeitraffer: Lange angekündigt erblickt sie im weissen Chesslerhemd mit viel Lärm das Licht der Fasnachtzeit, aus den Kindern am Umzug des Donnerstags werden Erwachsene, die vier Nächte lang das pralle Fasnachtsleben geniessen. Doch immer dazu gehört der Blick auf die Uhr, das Bemessen der Restzeit bis zum Ende. Es hat auch in der ausgelassensten Zeit seinen festen Platz – aber bis dato in Honolulu erst am Aschermittwoch.

Ist der Tod närrisch? Die Wagenbauer der «Wüüde» meinen «Ja», und setzten zweimal einen makabren Kontrapunkt zur gewohnt bunten, fröhlichen Umzugsparade. «Voll krass», würden jüngere Umzugfans dazu sagen. Düstere Mönche schleppen einen Sarg vor dem Leichenwagen her, jenseitige Gesänge und Räucherwerk verbreiten Endzeitstimmung. Beklommenheit macht sich breit. Was hat das mit der Fasnacht zu tun? Für Luzerner schon seit langem sehr viel. Je makabrer, desto besser.

Keine Rückschlüsse auf den Auftritt

Für Solothurn ist solches shocking. Aber toleriert. «Wir übernehmen keine Verantwortung für die Inhalte – das ist Sache der einzelnen Umzugsgruppen», tönt es etwa von Pius Rüegger, der gestern letztmals als Umzugschef für die Vereinigte Fasnachtsgesellschaft UNO geamtet hat. Das eingereichte Sujet – «Sch warm, so chunnts use, eifach angersch aus mä mängisch dänkt» – liefere noch keine Rückschlüsse für den Auftritt am Umzug. «Und bei der UNO-Inspektion vor zwei, drei Wochen haben wir schon über den bereitstehenden Leichenwagen diskutiert.» Die «Wüüde» hätten gewusst, auf was sich einliessen, meint Rüegger, «sie haben mit Reaktionen bewusst gerechnet.»

«sie wissen, was sie tun» lautet also das Motto für alle Auftretenden.. Das Abtasten der Gürtellinie gehört zur Fasnacht, seit es sie gibt. Und oft wurde diese Linie zu weit unten gefunden. Blasphemie, die Gotteslästerung, war im Mittelalter die grösste Provokation gegenüber der kirchlichen Obrigkeit. Die zurückschlug, mit aller Macht, die sie damals besass. Die Kapuziner verhängten im 16. Jahrhundert eine eigentliche Fasnachtssperre über Solothurn. Damit bekam man auch das zweite damalige Fasnachtsübel, die verbreiteten sexuellen Ausschweifungen, oft gepaart mit Gewaltexzessen gegenüber Frauen, weitgehend in den Griff. Solothurn wurde bigott und blieb es weit in die heutige Zeit hinein. Solothurn ist stolz auf seine «anständige» Fasnacht ohne barbusige Bardamen und Anmache-Bars à la Ostschweiz. Und wer diese Norm bricht, wird geächtet.

Bleibt das Tabuthema Tod. Er ist mitten unter uns, allgegenwärtig, auch an der so lebensfrohen Fasnacht. Umso unerträglicher, wenn er plötzlich als inszeniertes Bild vor uns aufsteigt, mitten im närrischen Trubel. Damit umzugehen, das haben wir verlernt. Doch wir konnten es einmal: Der Basler Totentanz zeugt davon, oder auch nur die Fassade des Zeitglockenturms. Dort dreht Zentimeter neben dem Narrenkönig der Tod sein Stundenglas. Nur ein Bild – aber eben ein besonders kräftiges.