Ja, ich erinnere mich noch gut», sagt die heute 91-jährige Martha Trüssel. Die ehemalige Solothurner Bäckersfrau lebt seit «2 Jahren und 8 Monaten» im Alterszentrum  Wengistein und erzählt, als wäre es erst gestern gewesen, von den ersten Tagen der Kriegsmobilmachung am 31. August 1939. «Ich war seit 4 Monaten bei einer Bauernfamilie in Ballaigues, einem Grenzdorf im Waadtländer Jura, als Au-pair angestellt.»

Das habe damals einfach zur Ausbildung gehört, dass man nach der Schule ein Jahr ins Welschland ging. «Nach dem Mittagessen an diesem heissen Augustnachmittag kam eine Frau aus dem Dorf auf den Bauernhof angerannt und schrie: ‹C’est la guerre, c’est la guerre.› Ich höre sie noch heute schreien. Es entstand eine grosse Aufregung im Haus. Der Bauer unterbrach sofort seine Arbeit, holte seine Militärsachen, zog sich um und ritt mit seinem Pferd ziemlich wortlos davon. So ging er in den Krieg und kam dann erst nach einigen Wochen erstmals wieder nach Hause.»

«Wichtig, dass wir genug zu essen zu bekommen»

Seine Frau habe unaufhörlich geweint und geschrien. «Ich verstand sie, denn sie hatte den grossen Bauernhof mit einem alten Grossvater, drei kleinen Buben von zwei, drei und vier Jahren und zwei Deutschschweizer Landdienstlern zu bewältigen. Da konnte ich sie doch nicht allein lassen, obwohl meine Mutter mich, nachdem sie mich endlich nach vier Tagen am Telefon erreichen konnte, sehnlichst darum bat, nach Hause zu kommen.»

Martha Trüssel war eines von vier Kindern, aufgewachsen in Rohrbach bei Huttwil. Ihren Vater verlor die Familie schon in den 20er-Jahren. «Er starb an einer Lungenentzündung, die er sich bei der Jagd holte.» Doch sie habe trotzdem eine schöne Kindheit gehabt, sagt die muntere Seniorin. Liebe Grosseltern und eine liebe Mutter.

Sie blieb – wie abgemachtein Jahr bei der Bauernfamilie im Waadtland. «Die französische Grenze war keine 50 Meter vom Haus entfernt.» Sie habe immer die fremden Soldaten beobachten können, wie sie die Grenze sicherten. «Auch Schweizer Militär war natürlich im Dorf einquartiert und beherrschte den Alltag.» Angst habe sie aber nie gehabt, obwohl man den Geschützdonner gut hören konnte.

Auch Flüchtlinge habe sie an diesem Ort nie wahrgenommen. «Uns war es einfach wichtig, genug zu essen zu bekommen. Und als Selbstversorger war das eigentlich kein Problem.» Dafür habe man hin und wieder einem Aussenstehenden mit Esswaren ausgeholfen, obwohl das streng verboten war. «Einmal musste ich mit dem Zug nach Vallorbe fahren, um einer Schwester der Bäuerin ein Schinkli zu bringen. Gottseidank ist kein Kontrolleur gekommen, denn die hätten mir sofort angesehen, dass ich etwas Unerlaubtes tat.»

Gelernt, mit dem Militär zu leben

Überhaupt gab es viele Kontrollen auf den Bauernhöfen. Aber man habe es verstanden, damit zu leben. Auch mit dem Militär. «Wenn es im Winter kalt wurde, hat die Bäuerin den französischen Soldaten jeweils heissen Tee in Kübeln an die Grenze gestellt.»

Viel gewusst über den Grund des Krieges habe sie damals als 16-Jährige eigentlich nicht. Vor allem im Welschland habe sie nichts davon erfahren. «Als ich dann hin und wieder nach Hause nach Rohrbach reisen konnte, habe ich im Radio schon das eine oder andere vernommen.»

Nach dem abgemachten Au-pair-Jahr absolvierte die junge Frau eine einjährige «Saallehre» im Hotel Fontana in Biel. «Mein künftiger Mann arbeitete zu dieser Zeit als Bäcker-Konditor in Biel. Aber das wussten wir damals noch nicht. Wir lernten uns in Huttwil an einem Tanzanlass kennen, so wie das damals meistens war.» 1945, nach dem Krieg, wurde geheiratet. 1970 eröffnete sie mit ihrem Mann den Bäckereiladen in Solothurn.

Trotz der harten Jahre habe sie eine schöne Jugend erlebt, meint Martha Trüssel rückblickend und fügt hinzu: «Im Alterszentrum Wengistein gefällt es mir gut.» Sie nehme an fast allen Anlässen im Haus teil, und wenn ihr die Zeit trotzdem lang werde, stricke sie an Socken für den Schwiegersohn.