Kurz vor dem Mittagessen ist die alltägliche Aktivierung zu Ende. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Alters- und Pflegeheims Magnolienpark sitzen im Wintergarten der Cafeteria, unter ihnen auch Erika Trösch und Niklaus Hänggi. Beide sind nicht sehr digital unterwegs. Hänggi erklärt, dass er ein Handy besitze. «Ich brauche es aber nur, um zu telefonieren, SMS verstehe ich nicht.» Trösch hat zwar ein Handy, kann aber damit nicht umgehen. «Ich habe einen Fernseher in meinem Zimmer. Den brauche ich.»

Hänggi wirft ein: «Ich benütze den Fernseher, um Filme zu schauen und vor allem, damit ich den Teletext lesen kann.» Vom Internet wollen die beiden nichts wissen. «Internet verstehe ich nicht so gut», meint Hänggi und Trösch ergänzt: «Mit dem Internet muss man aufpassen.» Auf die Frage, ob sie denn den Umgang mit Smartphone, Internet und Co. nicht noch lernen wollen, antworten beide mit nein. Sie seien zufrieden so wie es ist.

Eine Frage der Desorientiertheit

Sepp Haldi, der Heimleiter, erklärt: «Nur eine Bewohnerin hat einen PC, für alle anderen ist das Telefonieren am wichtigsten. Bei uns sind drei Viertel der Bewohner desorientiert.» Das macht das Lernen von etwas komplett Neuem natürlich nicht einfacher. «Wir haben das TV-Angebot von GAW im ganzen Haus verfügbar, ausserdem auch Wlan.»

Letzteres werde vor allem von den Besuchern genutzt und nicht unbedingt von den Bewohnern. Haldi geht davon aus, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Digitalisierung auch in Altersheimen Einzug hält. «Wenn jemand in ein Altersheim kommt, will er möglichst viel, dass er oder sie zu Hause hatte, auch hier haben.» Folgende Generationen zögen wahrscheinlich nicht mehr ohne PC ein, meint der Heimleiter.

«Youtube ist fantastisch»

Das Altersheim Tertianum auf der Sphinxmatte in Solothurn hat mehrheitlich selbstständige Bewohner. Sie leben in Alterswohnungen oder haben ein Zimmer in der Pflegeabteilung. Der Unterschied macht sich auch im Gespräch mit den Bewohnern bemerkbar. Evelyn Reinhardt sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung und erzählt: «Ich habe zwei Computer und ein Smartphone, ausserdem einen Fernseher mit Swisscom TV.» Den Fernseher brauche sie zwar nur selten, aber ein Leben ohne Smartphone könne sie sich nicht vorstellen. Aber auf den sozialen Netzwerken sei sie nicht unterwegs. «Ich mache mit dem Computer auch E-Banking, es geht so einfach.» Gelernt hat sie den Umgang mit PC und Co. während ihrer Berufstätigkeit. «Ich habe die ganze Entwicklung mitgemacht, von der Schreibmaschine bis heute. Ich finde es falsch, zu sagen, man sei zu alt für diese Dinge. Mir tun die Leute leid, die so etwas sagen.»

Das Tertianum bietet einen Festnetzanschluss in jedem Zimmer, so wie einen Anschluss für den Fernseher. «Die Bewohner bringen eigentlich das mit, was sie schon zu Hause hatten und wir richten es ihnen dann ein. Dafür ist unser technischer Dienst zuständig», erklärt Larissa Hildbrand, Leiterin der Administration im Tertianum. «Bei uns findet auch die Computeria Solothurn statt, dort haben die Bewohner einmal im Monat die Möglichkeit sich digital weiterzubilden, wenn sie das möchten.» Ansonsten helfe der technische Dienst bei jeglichen Anliegen.

Auch Paul Friedli ist sehr digital unterwegs. Er wohnt ebenfalls in einer der Alterswohnungen im Tertianum. Der 90-Jährige ist ein grosser Fan von seinem PC. Er schreibt damit viele Mails, liest Zeitungen, spielt Sudoku oder schreibt wissenschaftliche Dokumentationen. «Youtube ist fantastisch», meint Friedli. Er höre gerne Musik und ihm gefalle, dass man auf Youtube alles anhören kann. «Ich bin froh, dass ich den Umgang mit dem Computer beherrsche. Vor 20 Jahren hatte ich die Möglichkeit einen PC-Kurs zu machen und dachte, warum nicht?» Seither sei er ein PC-Fan. Hildbrand erklärt, dass die Digitalisierung noch nicht bei allen eingetroffen und ein fester Bestandteil des Lebens sei. «Bis jetzt ist es noch nicht von allen gewünscht, digital unterwegs zu sein.»

Der digitale Graben

Ida Boos von der Pro Senectute Solothurn erklärt: «Das Ziel der Pro Senectute Schweiz ist die Schliessung des sogenannten digitalen Grabens, also quasi die Herstellung einer Verbindung zwischen digitalen und nicht-digitalen Generationen. Das ist sehr wichtig für die Integration der älteren Generationen in der Gesellschaft.» Dazu bietet die Pro Senectute Kurse an, die älteren Menschen den Umgang mit Handy, PC und Co. vermittelt. Die Nachfrage nach solchen Kursen nehme immer mehr zu, erklärt Boos.

Einerseits aufgrund des Zwangs, digital unterwegs zu sein wie die jüngeren Generationen auch, andererseits seien viele ältere Leute auch interessiert an der digitalen Welt. Nebst Kursen zu diversen digitalen Themen bietet die Pro Senectute auch ein online Suchportal an, wo verschiedenste Altersfragen mit wenigen Mausklicken beantwortet werden. «Ich finde es wichtig, dass auch Altersheime für die Digitalisierung wappnen, die nötigen Voraussetzungen für ein ‹digitales› Leben im Altersheim sollte gegeben sein», erklärt Boos.

Blumenstrauss online bestellen

Dem stimmt Hansruedi Moor, Heimleiter des Alterszentrums Wengistein zu. «Die Institution sollte als Vorbild vorangehen und schrittweise das neue digitale Zeitalter auch im Altersheim einläuten, das ist wichtig.» So habe das Wengistein beispielsweise Bildschirme, die Informieren über Veranstaltungen und Ähnliches. «Durch diese Bildschirme machen wir einen ersten Schritt in Richtung Digitalisierung.» Das Wengistein bietet seinen Bewohnern ausserdem Internetstationen, dort kann mit Computern gesurft werden. «Diese werden allerdings meist nur zusammen mit Angehörigen genutzt.»

Wlan sei im ganzen Haus installiert. «Die Frage, ob wir Wlan haben oder ob Internet im Zimmer verfügbar ist, kommt immer öfter vor bei Eintritten. Ich denke, in fünf Jahren werden 40 bis 50 Prozent der Bewohner mit Smartphones ausgestattet sein und ihre Angst vor dem Internet überwunden haben.» Diese Angst vor dem Internet sei aber momentan noch vorherrschend. «Wir versuchen, in der Aktivierung diese Angst abzubauen, indem wir beispielsweise zeigen, wie man online einen Blumenstrauss bestellt.»