Tanz ist wie Musik: Ohne Sprache versteht man, was mit dem Körper und teils mit Mimik und Gestik expressiv und emotional ausgedrückt wird. Eine bunte Truppe um die Solothurner Werkjahrs-Preisträgerin Anja Gysin vermittelte einen Einblick in zeitgenössischen Bühnentanz und brachte gleichzeitig neuen Wind ins Stadttheater. Denn: Diese Bühne hat zwar schon viel erlebt. Neben Sprech- und Musiktheater und regelmässigen Fasnachtsabenden gehört ein Ballettschulabend alljährlich zum Programm. Doch erstmalig sah hier ein inspiriertes, überwiegend junges Publikum Kurzbeispiele für modernen künstlerischen Tanz.

Vom klassischen Tanzstil losgelöst

Die beiden aus dem Kanton Solothurn stammenden Tänzer und Choreografen Anja Gysin und Oleg Kaufmann hatten die Tanzschaffenden Daniela Vitale (Italien), Nathalie Cadet (Frankreich), Laura Heineke (Deutschland), Fluris Kappenberger (Schweiz), Lea Kieffer (Frankreich), Alyssa Lynes (USA), Anna Neuber (Deutschland) und die beiden Performerinnen Annette Pflug und Lotte Mueller (Deutschland) zu Darbietungen eingeladen.

Ihr gemeinsames Ziel war, diese seit den 1920er-Jahren als Ausdruckstanz entwickelte künstlerische Bewegungsform in aktuellen Beispielen zu zeigen. Den Pionierinnen um Isidora Duncan, Mary Wigmann, Martha Graham und weiteren sowie der bis kürzlich tätigen Pina Bausch schwebte vor, ein von den klassisch-traditionellen Tanzstilen befreites szenisches, beziehungsreiches Gestalten zu begründen.

«Home 1» als Premiere

Nicht nur der gesamte Anlass bildete eine spannende Premiere fürs Stadttheater Solothurn, sondern auch die tänzerische «Home 1» betitelte Solo-Gestaltung, mit der Anja Gysin zum Auftakt die Aufmerksamkeit fesselte. Noch unbeleuchtet betrachtete sie von der Bühne her ihr Publikum aus entspannter Sitzhaltung, die sie – in sich ruhend – in dehnenden Bewegungen veränderte. Im Stand schliesslich erkundete sie weit ausgreifend den Raum, liess sich wie selbstvergessen vom Rhythmus der Musik tragen, bis die moderne Welt mit ihren Aussengeräuschen in die Friedlichkeit des Zuhause einbrach. Davon getrieben verfällt sie in schmerzliche Hektik, deren Überwindung sie aber schliesslich doch noch schafft.

Akrobatische Fähigkeiten erforderte der Gruppenauftritt «The last Dance of M.Z.», den Juha Marsalo choreografiert hatte. Acht Ensemble-Mitglieder erzählen auf skurrile Weise, wie das Leben der männlichen Hauptperson in Rausch oder Traum fremdbestimmt verläuft. Kaum fühlt er einen Wunsch in sich, sind dienende, fantasievoll auftretende Kräfte in burlesker Szenerie am Werk, seine Welt neu zu gestalten. Auf witzige Weise mit gelegentlich orgastischem Lachen werden Sessel, Kühlschränke, Lampen und acht Kästchen bewegt, in die sich die ganze Truppe symbolisch anschliessend wieder zurückziehen kann.

Mit «Edith and me» zeigten Annette Pflug und Lotte Mueller, so wie es die Schreibende interpretiert, ein packendes Psychogramm einer sich auffächernden Persönlichkeit. Zuerst synchron und harmoniebedacht erkennt sich das Individuum – plötzlich offenbar makelbehaftet – im Spiegel. Wie angstbesetzt soll dieses störende Selbstbild in rasend phobischen Kasteiungen abgeschüttelt werden. Doch als dies nicht gelingt, bricht ungezügelte Aggression aus, die endlich in selbstbewusste Akzeptanz und Kontrolle übergeht.

Heiterer Schlusspunkt

Keineswegs alles ist im zeitgenössischen Bühnentanz choreografisch festgelegt; schliesslich soll ja der Körper das persönliche Ausdrucksmittel sein. Deshalb servierten die gesamte Truppe mit Unterstützung einiger Tanzbegeisterter aus dem Publikum noch eine vergnügliche Improvisation, in der das «Aufeinander-Reagieren» im Mittelpunkt stand.