Es lebe die Totenmesse, möchte man nach der Solothurner-Aufführung von Mozarts «Requiem» loben, so imposant erklang das Juwel der Kirchenmusik. Dabei hinterliess der Salzburger Meister nur ein unvollständiges Fragment. Bei nur wenigen Werken des heutigen Konzert-Repertoires ist die Entstehungsgeschichte so geheimnisvoll und von Legenden überlagert wie beim Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart.

Spätestens, seit der Forman-Film «Amadeus» 1983 die Spekulationen und Mysterien erneut entfachte und jeder zu wissen scheint, was sich im Jahr 1791 zugetragen hat: Ein geheimnisvoller Bote soll Mozart beauftragt haben, ein Requiem zu schreiben. Der bereits kranke Komponist beginnt mit der Arbeit. Ahnend, dass es seine eigene Totenmesse werden könnte und stirbt, bevor er sein Werk fertigstellen kann. Seine Frau Constanze bittet Franz Xaver Süssmayr, die Messe zu vervollständigen.

Dichte Atmosphäre

Jenseits aller romantischer Verklärungen und Mystizismen steht auf einigen Notenblättern Mozarts Requiem, vollendet von seinem Schüler Süssmayr. Seine Fassung ist die heute gebräuchlichste. Keine verzweifelte Trauermusik, sondern Gesänge, die vom ewigen Licht und dem Hoffen auf Erlösung künden. Diese Aspekte waren auch im Konzertsaal zu spüren. Der Konzertchor leitete das Konzert, in dessen Zentrum die Totenmesse stand, mit Zelenkas «Miserere in C-Moll» und das Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Barbers «Adagio for Strings» ein. Adalbert Roetschi zog die Stückfolge ohne Zwischenapplaus oder Pause durch, schuf so eine dichte Atmosphäre. Der Chor sang klangschön und in den Stimmgruppen ausgewogen.

Da im Konzertsaal keine Orgel vorhanden ist, spielte Evelyne Grandy auf dem Flügel, wurde eins mit dem Instrument und dem Gastorchester. Die Mozart-Kultur des Sinfonie Orchesters Biel Solothurn überzeugte einmal mehr, klang unter Adalbert Roetschis gemässigten Tempi wuchtig und mahnend, ohne zu romantisieren.

Solistenquartett liess aufhorchen

Der musikalische Leiter legte den Fokus auf den Chorpart, was vor allem den Turba-Chören des Requiems zugutekam, die beweglich und vital seinen Intentionen folgten. Obschon hin und wieder Intonationsschwächen auftraten, gelang es dem Konzertchor und seinem Dirigenten immer wieder, mit ungewöhnlichen Effekten und Akzenten zu überraschen und mit Hörgewohnheiten zu brechen.

Aufhorchen liess auch das ausgezeichnete, mit sakraler Musik bestens vertraute Solistenquartett. Ana Maria Labin besitzt einen erstaunlich wandlungsfähigen Sopran. Ihr warmer Glanz auf Spitzentönen, wie auch ihr Piano, welches sie in der Höhe problemlos an- und abschwellen lassen kann, sind atemberaubend. Mezzosopranistin Roswitha Müller stand ihr in nichts nach, agierte voluminös und ausdrucksstark, begeisterte mit schönem Timbre. Tenor Nino Aurelio Gmünder und der sowohl als Oratoriensänger, Dirigent und Chorleiter erfahrene Bass Patrick Oetterli überzeugte mit verinnerlichtem Singen. Wie gut die vier Stimmen harmonieren, war vor allem im «Benedictus» zu bewundern.

Der jüngste Tag

Für einige Momente wurden Mitwirkende und die Zuhörenden dann in eine andere Sphäre entrückt: Im «Dies irae» erlebte man den jüngsten Tag durch die Wucht des Orchesters, während der Chor im «Lacrimosa» bewegend um Gottes Erbarmen betete. Im «Sanctus» und «Benedictus» wurde Gottes Allmacht gepriesen, bevor das Ewige Licht («Lux aeterna») die Milde des Allmächtigen auf die Verstorbenen hinablässt. Eine «lebendige Totenmesse», enthusiastisch gefeiert.