Lockerung

«Simulierte Normalität» – ein etwas anderer Shoppingbummel in Solothurn

Die Geschäfte und Restaurants in Solothurn versuchen die nächste Phase der Lockerung der Corona-Massnahmen mit der gebotenen Vorsicht in Angriff zu nehmen. Ein Bummel durch das Stadtzentrum zeigt, wie die Gewerbebetriebe – und ihre Kunden – diese Herausforderung angehen.

Es regnete am Montagmorgen. Alle Aussenwirtschaften waren leer und durchnässt. Ausser diese auf dem Marktplatz. Dort hatten es sich zwei ältere Herren unter einem Sonnenschirm gemütlich gemacht und genossen einen Aperol Spritz. Zugegeben, die Wiedereröffnung des Gewerbes und der Gastronomie am Montagmorgen fühlte sich etwas surreal an. Abstandslinien weisen einem nun in die Läden, wie beispielsweise in den Manor oder in die Brasserie Fédérale.

Die Ein- und Ausgänge sind hier ganz klar abgetrennt, um den nötigen Abstand zu gewährleisten. Das ist nach wie vor höchstes Gebot. Zusätzlich stehen den Kunden jeweils überall Händedesinfektionsmittel mit Anwendungsanweisungen zur Verfügung. Manche sind dankbar dafür, andere laufen daran vorbei.

Wieder ein Stück Freiheit zurück

Die simulierte Normalität hat an jenem Morgen Einzug in die Gassen Solothurns gehalten. Es herrschte reges Treiben, trotz der Verhaltensregeln und trotz des miesen Wetters. Als ob sich die Leute unbedingt wieder ein Stück ihrer Freiheit zurückholen wollten, die ihnen am 16. März genommen wurde. Der Regen, die patrouillierenden Polizisten und die vorgeschriebenen Prozeduren hinderten die Wenigsten am Besuch im Lieblingsladen. So tummelten sich beispielsweise auch im «Chuchilade» an der Hauptgasse bereits am Morgen die ersten Kunden. Sie schienen kein klares Ziel zu haben, aber: «Ich bin froh, dass die Läden wieder geöffnet sind», sagt eine Dame, die mit einem kleinen Päckchen in Richtung Kasse geht. Online einkaufen sei einfach nicht mit dem physischen Shoppen vergleichbar.

Der Onlineshop des Ladens allerdings sei in den vergangenen Wochen regelrecht explodiert, wie Inhaber Daniel Wagmann, erzählt. «Wir haben sehr viel ins Marketing investiert und mit Rabatten gearbeitet.» Insbesondere Grills und Küchengeräte, wie Pasta-Maschinen, seien sehr beliebt gewesen. «Man hat gemerkt, dass die Leute das frei gewordene Ferienbudget anders investieren wollen», sagt er. Der Online-Umsatz sei aber keineswegs vergleichbar mit den Einnahmen im Laden. Besonders der Wochenmarkt, der nun aber vorübergehend von der Hauptgasse auf den Schanzenplatz verlegt wurde, bringe viele Kunden in den Laden. «Der muss zwingend wieder zurück in die Stadt», sagt er. Ohnehin sei die Wiedereröffnung momentan eher ein Versuch. «Wir werden sehen, wie sich der Verkauf entwickelt.»

Stammkundschaft holt in Solothurn Restaurants aus der Zwangspause

Stammkundschaft holt in Solothurn Restaurants aus der Zwangspause

Neben Schulen und Geschäften haben auch Bars und Restaurants seit heute wieder geöffnet. Wirte dürfen aufgrund der Abstandsregeln zwar weniger Gäste als üblich empfangen. Die Stammkundschaft fand jedoch schnell in die Lokale zurück.

Grosses Bedürfnis: Arbeit und Kleidung

Trotz der langersehnten Wiedereröffnung stand manch ein Kunde am Montagmorgen noch vor einem geschlossenen Laden und konnte lesen: «Montag: geschlossen». Andere öffnen laut schriftlichen Mitteilungen an den Türen erst am Dienstag oder Mittwoch wieder. Nicht so der Schuhmacher Antonio Sturzo an der Schaalgasse mit seiner Schuhmacherei «Calzoleria», wo bereits wieder die Maschinen rattern. Er sei froh wieder in seinem Atelier stehen zu können, obwohl er noch nie so viel Freizeit gehabt habe, wie während des Lockdowns. «Ich war in den ersten zwei Wochen sehr viel in der Natur aber danach hatte ich genug», sagt er lachend. Er sei sehr dankbar für seine Vermieterin, wie er mehrmals betont. Zwei Monatsmieten habe sie ihm erlassen, ohne das Geld zurückzuverlangen. Wenn dem nicht so gewesen wäre, wäre es mit den Erwerbsersatzleistungen sehr schwierig geworden für ihn. «Es ist schön, dass in diesen Tagen das Menschliche wieder etwas mehr durchdringt», sagt er. «Ich hoffe, wir haben alle etwas aus der Krise gelernt.»

Geöffnet haben an diesem Morgen auch die vielen Kleiderläden. Dem Anschein nach, kommt man damit einem grossen Bedürfnis der Menschen nach: In der Kinderabteilung der Modekette «C&A» beispielsweise herrschte grosser Andrang. Die Warteschlange zog sich wegen der Abstandsregeln bis zur Rolltreppe. «Die Tochter meiner Nichte wächst aus allen Kleidern heraus», sagt eine Frau, die den Laden gerade mit einer dicken Tasche verlässt. Eine andere «schnöiggt» beim Laden gegenüber. Sie wolle einfach schauen und nicht unbedingt shoppen. «Aber es ist schon nicht dasselbe mit den Abstandsregeln stets im Hinterkopf», sagt sie.

Meistgesehen

Artboard 1