Alt werden in Solothurn
Sie zogen vom Zürichsee an den Aarestrand

Heidi Stocker und Ursus A. Winiger wohnen seit zehn Monaten in der Stadt und schätzen den wöchentlichen Markt, die Aare sowie die Freundlichkeit der Menschen hier.

Agnes Portmann-Leupi
Drucken
Teilen
«Wir haben Solothurn seit je als ‹schaurig› schön empfunden.»

«Wir haben Solothurn seit je als ‹schaurig› schön empfunden.»

Agnes Portmann-Leupi

Sie lebte 45 Jahre, er sogar seit seiner Geburt in Rapperswil-Jona. Sie kannte man als Schalterbeamtin bei der Hauptpost, ihn als Künstler. Und doch haben Heidi Stocker und Ursus A. Winiger beschlossen, ihren Lebensabend anderswo zu verbringen. Seit vergangenem Dezember wohnen sie im Obachquartier in Solothurn. Ihre Wahl, das «wunderhübsche Stedtli am blaue Aarestrand», bringt die 68-Jährige und den 72-Jährigen ins Schwärmen. «Die Altstadt ist stimmungsvoll und lieblich. Solothurn hat Ausstrahlung und Geschichte und bietet Kultur», sagt Ursus A. Winiger.

Die Menschen seien freundlich, offen und dienstbereit in grossen wie in kleinen Läden, und sie sagten noch «Danke». In Solothurn werde man geschätzt. «Das kleine Gewerbe gefällt uns», sagt Heidi Stocker und erwähnt dabei etwa den Schuhmacher und den wöchentlichen Markt, dessen Besuch für sie bereits zur Tradition geworden ist. Die beiden Senioren erzählen begeistert von Spaziergängen in der Einsiedelei oder der Aare entlang. Noch etwas – was vielleicht verwundern mag – betont Ursus A. Winiger: «Die Autofahrer halten vor dem Fussgängerstreifen an.» Das sei im aggressiven Verkehr von Rapperswil-Jona längst nicht mehr an der Tagesordnung. Einen negativen Punkt findet Heidi Stocker dann doch noch, nämlich: «Die Höhe der Steuern war eine böse Überraschung.»

Serie: Alt werden in Solothurn

In einer kleinen Serie stellen wir Seniorinnen und Senioren vor, die ihren Lebensabend in der Stadt verbringen.

Solothurn machte das Rennen

Was im Alter anders sein könnte, kursierte schon lange in den Köpfen der beiden langjährigen Lebenspartner. Zuerst zogen Heidi Stocker und Ursus A. Winiger einen Wechsel ins Tessin in Erwägung, liessen diese Idee aber wieder fallen. «Wir informierten uns im Internet, bereisten die Schweiz, schauten uns viele Städte an und schlenderten durch deren Quartiere», erzählen sie. Von ihren Romandie-Fahrten her und den darauf folgenden Nachtessen hätten sie Solothurn seit je als «schaurig» schön empfunden. Plötzlich ging dann alles sehr schnell. Rund um das Haus mit ihrer Dachwohnung in Rapperswil-Jona entstehen nämlich fünfstöckige Wohnblöcke in verdichteter Bauweise, verbunden mit «katastrophalem» Lärm. Sie entschieden sich für Solothurn und regelten innerhalb weniger Tage den Umzug und alles Nötige. Am vergangenen Neujahrskonzert im Konzertsaal konnten sie hier bereits auf ihr neues Zuhause anstossen.

Genug vom Berühmtsein

Wie aber schafft man es, im Alter als bekannte Persönlichkeiten den Heimatort zu verlassen? Macht sich da nicht eine leise Wehmut breit? Zumal Ursus A. Winiger als einer der bekanntesten und markantesten Künstler – freischaffend seit 1967 – der Ostschweiz gilt. Die künstlerischen Tätigkeiten des Konstruktivisten reichen von Plastiken, Installationen, Kunst am Bau, Lithografien, Radierungen, Siebdruck. Viele Auszeichnungen durfte er dabei entgegennehmen. Was den Künstler besonders freut, ist die Lizenziatsarbeit über sein Schaffen «Der räumliche Schein im räumlichen Sein», die Sabine Koller verfasst hat und die in einem 140-seitigen Buch vorliegt. Stets hat er sich auch für die Anliegen der Künstler eingesetzt, sei es im Zentralvorstand des Berufsverbands «visarte» oder auch in verschiedenen Stiftungen.

Das Loslassen fiel Heidi Stocker und Ursus A. Winiger dennoch leicht. «Früher war Berühmtsein wichtig, damit wir überleben konnten», bemerkt er. Irgendwann habe man genug. «Nun fühle ich mich frei», offenbart er gelassen und sein Gesichtsausdruck untermalt das Gesagte. Er arbeite noch jeden Tag und habe viele Ideen, aber keinen Druck mehr. «Es ist wunderbar, alles hinter sich zu lassen», doppelt Heidi Stocker nach. Heimweh geplagt zumindest sieht das Paar nicht aus. Ein bisschen bedaure sie, so gibt Heidi Stocker preis, dass sie nicht mehr im See baden könne und dass die Kinder und Grosskinder entfernter lebten. Diesen jedoch gefalle Solothurn mittlerweile ebenfalls bestens.

Aktuelle Nachrichten