Wer sich vor den Sommerferien in der Zentralbibliothek ein Buch auslieh, erspähte am Ausleihschalter vielleicht ein neues Gesicht: Yvonne Leimgruber begann am 1. Juni «als Lehrling» – wie sie sagt – in der «Zenti». Ihre Absicht: sich auf den Posten vorzubereiten, den sie mittlerweile einnimmt – als Nachfolgerin der Direktorin Verena Bider.

«Ich wollte zunächst Haus und Personal kennen lernen und mit dem Publikum in Kontakt treten», erklärt die 52-Jährige. Eingeführt von Bider, übernahm Leimgruber am 1. Juli definitiv das «Zenti»-Zepter. Zuvor war die promovierte Erziehungswissenschafterin und Historikerin als Fachreferentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern tätig, wo sie auch für Teilbereiche der digitalen Medien verantwortlich zeichnete.

Von früh auf fasziniert an der Institution Bibliothek

Ihre Leidenschaft zum geschriebenen Wort aber reicht weiter zurück: «Bereits als Jugendliche, die in der Stadtbibliothek Schaffhausen ein und aus ging, war ich positiv überrascht: Hier konnte man einfach Bücher ausleihen.» Bereits vor dem Bücherregal der kleinen Primarschul-Bibliothek stehend, machte sie sich einen Sport daraus, möglichst schnell alles zu lesen. «Und während des Studiums ging ich oft zum Lernen in die Bibliothek. Für sie «ein Ort, um Medien auszuleihen, aber auch ein Ort zum Arbeiten.»

Betriebswirtschaftliche Optik auf die «Zenti»

Auch wenn ihr der physische Ort Bibliothek seit je zur Heimat geworden ist: Mit dem Wechsel nach Solothurn betritt Leimgruber neues Terrain. Nämlich, mit betriebswirtschaftlicher Optik eine Bibliothek zu führen und seine Inhalte einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ebenfalls im Erfahrungsrucksack führt sie Weiterbildungen im Bereich Management mit sich. Heisst: Finanzflüsse und Mittelbeschaffungen, das Personalwesen und die Strukturierung des Betriebs werden sie beschäftigen.

Historische Forschung als Herzensangelegenheit tritt in den Hintergrund, dafür werden das Erschliessen, Zugänglichmachen und Vermitteln von Wissen sowie die Weiterentwicklung des Betriebs vor dem Hintergrund digitaler Entwicklungen zur Kerntätigkeit.

«Es geht darum, möglichst effizient zu werden»

So sollen die Bibliotheksbereiche und ihre Prozesse auf ihr sinnvolles Zusammenwirken überprüft werden. «Es geht darum, möglichst effizient zu werden», sagt Leimgruber. Dazu gehört auch die Frage, inwiefern einzelne Tätigkeiten und Funktionen umgelagert werden müssten. Ein konkreter Fall betrifft die Selbstausleihe per Computerterminal, die Leimgruber stärken will, um personelle Ressourcen für neue Aufgabenfelder zu nutzen. «Wir wollen dem Publikum Informationskompetenzen vermitteln.»

Ziel: Bibliotheksbesucher sollen selbst recherchieren, durchsuchen, Zugang finden können. Erreicht werden soll dies durch aktives Zugehen aufs Publikum, durch Schulungen oder durch Tandem-Modelle, wobei beispielsweise Gymi-Schüler Senioren bei der digitalen Recherche helfen.

Die Vermittlungsaufgaben werden inskünftig umso wichtiger werden, da ein Wechsel der Software für Bibliotheksdienste bevorsteht. Das in der Schweiz seit langem bewährte Aleph wird durch Alma, eine Weiterentwicklung des bisherigen Systems, abgelöst. Damit verbunden ist eine Integration in die überkantonal organisierte bibliothekarische Plattform SLSP, die eine weitgehende Auffindbarkeit und Nutzung physischer und digitaler Medien ermöglichen wird. Voraussetzung für eine Recherche der hier zugänglichen Medien ist eine Bedienungskompetenz.

Das Buch wird die Digitalisierung überleben

Wird nun die «physische Bibliothek» im Zuge der Digitalisierung überflüssig? Abgesehen davon, dass der Kanton die Gesamtsanierung der Zentralbibliothek und die Aufstockung des Verwaltungstrakts zwischen 2022 und 2029 plant, glaubt Leimgruber nicht ans jähe Ende gedruckter Bücher und begehbarer Regalreihen: «Es schätzen immer noch viele Leute den haptischen Zugang zum Buch. So ergänzen sich analog und digital», betont sie – selbst wenn die Zugriffszahlen für E-Book-Dienstleistungen stetig zunehmen.

Eine Idee Leimgrubers zielt auf die Realisierung eines publikumsoffenen Cafés im Zetter-Haus noch vor der Gesamtsanierung. Dadurch soll die «Zenti» als erweiterter Raum wahrgenommen werden: Über Konsumation, Zeitschriften, Begegnungen soll das Medium Buch niederschwellig zugänglich gemacht werden – durch alle Schichten, für alle Kulturen. Weiter sollen der grosse Saal im ersten Stock des Querbaus und der bislang kaum genutzte Barockgarten verstärkt für Veranstaltungen von Externen urbar gemacht werden.

Am Ideensammeln

«Im Moment sammeln wir Ideen und Kontakte, um unserer gesamtgesellschaftlichen Integrationsaufgabe nachzukommen.» Auch die Leseförderung für Menschen jeglicher kultureller Herkunft zählt dazu. Eine weitere Idee betrifft die «Public Science», die es sich zum Ziel macht, die interessierte Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Forschungen zu beteiligen und ihre Erinnerungen und Erfahrungen digital zugänglich zu machen.

«Hier haben wir aber noch Hindernisse punkto Persönlichkeits- und Eigentumsrechte zu bewältigen», weiss Leimgruber. Die Direktorin ist sich bewusst, dass vor dem Hintergrund beschränkter finanzieller Mittel Partnerschaften und Kollaborationen mit externen Institutionen von grosser Bedeutung sind, um allfällige Projektideen überhaupt umsetzen zu können.

Bevor die neue Direktorin jedoch all die keimenden Ideen auf ihre Tauglichkeit abklopfen kann, konsolidiert sie den gegenwärtigen Stand der Dinge: «Seit 1. Juli prasselt es auf mich ein: Handlungsbedarf, Ansprüche, Erfordernisse.» Umso mehr möchte Leimgruber im freizeitlichen Ausgleich Solothurn und die Gegend entdecken, beispielsweise wandernd. «Die Region ist ein Juwel und nicht dem breiten Tourismus ausgesetzt wie Luzern. Solothurn kann noch atmen. Das schätze ich sehr.»