Graue Panther

Sie ist die gute Fee und das Grosi des Klassenzimmers

Senioren helfen im Unterricht mit – eine Idee, die in der Schule Schule machte. Eine von diesen «Schulgrosis» ist Irène Privé-Rickli. Die 68-Jährige ist während einem Morgen pro Woche im Klassenzimmer und hilft den Schülerinnen und Schülern.

«Sie ist die kleine Fee, die immer hilft», sagt die neunjährige Anna. Ein zustimmendes Kichern geht durchs Klassenzimmer. Nun ist die Fee, von der Anna spricht, aber keine Fantasieperson, sondern eine aus Fleisch und Blut: Irène Privé-Rickli. Die zierliche Seniorin schaut jeden Freitagmorgen bei der dritten Klasse im «Hermesbühl» rein. «Ich würde mich selbst aber eher als ‹Gimmerlängmer› bezeichnen», sagt das 68-jährige «Schulgrosi».

Privé assistiert Corinne Kaiser, indem sie Schülern bei aufkommenden Fragen hilft, Aufgaben korrigiert oder Arbeitsgrüppchen übernimmt, um sie zu fördern – wenns in einem Fach hapert, aber auch für jene, die auf der Überholspur sind: «In kleinen Gruppen erreicht mal eher Erfolgserlebnisse als in der ganzen Klasse.»

Ab 2005, als das Vorhaben der hiesigen Grauen Panther, Senioren in den Schulunterricht einzubeziehen langsam Form annahm (siehe Kasten), sei das Thema der Integration noch nicht sehr präsent gewesen, sagt Privé. Inzwischen ist aber nach Einschätzung Privés genau deswegen das individuellere Arbeiten in Gruppen wichtig geworden. Doch es sei gefährlich und falsch anzunehmen, dass damit eine Position ausgefüllt oder ersetzt wird, die von einer Fachperson im Rahmen der integrativen Förderung besetzt werden muss.

«Ein eingespieltes Dream-Team»

Privé arbeitete zuvor unter anderem als Sekretariatsleiterin beim hiesigen Stadttheater und «würde jetzt nichts mehr machen, was ich im Beruf gemacht habe.» Wäre sie zuvor Lehrerin gewesen, so könnte sie sich heute wohl auch nicht als Assistentin unterordnen, findet sie. So oder so – die Chemie stimmt, sind sich Lehrerin und Hilfskraft einig: «Wir sind ein eingespieltes Dream-Team», freut sich Corinne Kaiser. Und Privé macht ihrerseits nichts ohne Absprache mit der Lehrerin.

Wichtig sei für sie, dass man die Lehrperson entlaste: «Es darf nicht zur Beschäftigungstherapie werden.» Ebenfalls gehe es nicht um das Werk eines Gutmenschen: «Ich fühle mich einfach frisch und will aktiv sein. Ich habe die Energie, etwas zu bewirken», sagt Privé, die zudem noch ehrenamtlich als Chauffeuse für ein Frauenhaus arbeitet.

Der «Grosi»-Sonderstatus

Gibt es aber auch Momente, in denen kindlicher Übermut die Seniorin zur Weissglut bringt? «Nein, nie», sagt sie ohne Zögern. Übernimmt man die Funktion der «Oma», so habe man einen Status, der nicht mit direkter Verantwortung zu tun hat, wie sie die Generation dazwischen – also die Eltern oder die Lehrperson – habe. Und der «Grosi»-Einsatz scheint für einige Schüler besonders Sinn zu geben – auch abseits vom Büffeln und Lernen, wenns um sonstige Sorgen der Schüler geht: «Viele Kinder haben ihre Grosseltern in einer anderen Region oder gar in einem anderen Land», erklärt Privé. Eine Lücke, die sie ausfüllt, und die sie gut ausfüllt, wie an den strahlenden Augen der Kinder abzulesen ist.

Auf den Freitagmorgen freuen sie sich stets besonders. «Braucht Ihr Hilfsmaterial?», fragt Corinne Kaiser ihre Klasse. «Wofür?», erschallt es im Schulzimmer, «Wir haben ja Frau Privé.» Dankbarkeit steht auch dem «Schulgrosi» selbst ins Gesicht geschrieben: «Das Arbeiten mit ‹de Chnöpf› ist das Sinnvollste, das ich je gemacht habe – ein Geben und Nehmen, obwohl ich mehr bekomme als ich gebe...»

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