Als Vreneli nachts durch die Fegetzallee heimwärts zog, sah es die Fenster des Patrizierlandsitzes «Blumenstein» erleuchtet. Begleitet vom Rufen des Kauzes öffnete sich das schmiedeiserne Tor wie von Geisterhand. Kerzen flackerten im Gebäudeinnern und aus einem der Fenster lachte ihr ein hübscher Jüngling entgegen, der sich urplötzlich in einen grossen schwarzen Hund verwandelte.

Als das Mädchen das Kreuzzeichen machte, löste er sich im Nichts auf. Der Junker hatte den Zorn der Geister auf sich gezogen, weil er einen guten Jagdhund nach Italien verkauft hatte.

Von Generation zu Generation

Geschichten dieser Art «geisterten» zu Hunderten in den Köpfen unserer Vorfahren herum und wurden auf der Hausbank, am Küchentisch oder in der Gaststube weitererzählt. Das Sagengut – meist aus der germanischen Mythologie stammend – wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Wer es hörte, wusste, dass das Unheil auch ihn treffen konnte.

Zu den Unglücklichen gehörte denn auch ein Knecht, der in der «Krone» diente und in einer Vollmondnacht einem Zug von schwarzen Gestalten begegnete, die einen Sarg die Kronengasse hinauftrugen und dabei Psalmen murmelten. Dem Knecht war klar: Wenn der Totenzug das nächste Mal unterwegs sein wird, wird auch er dazugehören.

Das «Doggeli» trieb sein Unwesen

Ein Ort, den man in der Stadt meiden sollte, war das Altwiiberhüsli. Die armen Leute, die dort untergebracht waren, wussten aus Erfahrung, dass das Weib, das im alten Gemäuer herumgeisterte, einem den Weg abschneiden und dann plötzlich im Boden versinken konnte. Auch das «Doggeli» plagte Mensch und Tier, zog junge Mädchen an den Haaren, zupfte an der Bettdecke oder drückte aufs Gemüt der Menschen. Nicht weniger heftig beschäftigte die «Wilde Jagd» die Bewohner.

Die Stadtführerin Marie-Christine Egger zeigt die Wahrzeichen der Stadt Solothurn in historischen Kostümen und gibt Einblick in die Mode des Mittelalters.

Marie-Christine Egger führt durch Solothurn

Die Stadtführerin Marie-Christine Egger zeigt die Wahrzeichen der Stadt Solothurn in historischen Kostümen und gibt Einblick in die Mode des Mittelalters.

Ein Bauer aus Langendorf begegnete ihr unverhofft, nachdem er im «Roten Turm» nach dem Kirchgang noch einen Schlummertrunk eingenommen hatte. Zusammen mit ihrem Anführer, Wotan, kam sie auf schwarzen Rossen oder Ziegenböcken daher – begleitet von schwarzen Hunden mit feurigen Augen. «Hunde haben besondere Kräfte und sind geistersichtig», erklärte Egger. Und es sei nicht zufällig, dass auch an der Schwelle zum Jenseits ein Hund stehe, der auch Pluto genannt wird.

«Habt Acht auf dem Heimweg»

Wie überall in europäischen Landen versuchten auch die Solothurner, sich gegen unheilvollen Zauber abzusichern: mit Kreuzen, Amuletten, Salz, das sie vor die Türschwelle streuten, einem im Haus aufbewahrten spitzen Schuh (einer davon wurde im Von-Roll-Haus gefunden) oder indem sie Schutzpatrone zu Hilfe nahmen. Auch im Solothurner Rathaus, wo einst ein Sessel von unsichtbarer Hand immer wieder an denselben Ort gerückt wurde, sah man sich vor, indem an der Hauptfassade Fratzen in den Stein gemeisselt wurden, um das Böse abzuwenden.

Auf dem besagten Stuhl sass übrigens einst ein Richter. «Der so genannte ortsgebundene Spuk war erst vorbei, als man 1835 das Haus umbaute. Wahrscheinlich hat jemand den armen Richter erlöst», gab die Stadtführerin zu bedenken.

Um vorzubeugen, hatte sie bereits vor dem Rundgang den achtzehn Teilnehmenden ein Pentagramm verteilt. Und verabschiedete sich schliesslich mit den Worten: «Habt Acht auf dem Heimweg, es kann gefährlich sein.»