Der Weg zum Konzert- oder Theaterticket ist heute nur wenige Mausklicks entfernt. Auf Online-Portalen sichert man sich im Vorverkauf seinen Wunschplatz in der ersten Reihe. Der Siegeszug des Internets lässt keinen Zweifel: Mit einer «physischen» Vorverkaufsstelle ist heute kein Blumentopf zu gewinnen.

Dennoch zeigt das Beispiel der städtischen Zentralen Vorverkaufsstelle am Ritterquai, dass es sich auf andere Art lohnt. Dort nämlich blickt Helene Eigenmann auf 20 ereignisvolle Jahre als Verantwortliche zurück.

Zuvor schon hatte sie als Musikalienhändlerin und Abteilungsleiterin im Notensortiment von Musik Hug dasselbe Amt inne. Als jedoch das Traditionsgeschäft seine Pforten für immer schloss, spürte sie den Ruf, den Service Public weiterzuführen. «Plötzlich standen die Vereine, die über uns ihre Konzerte vermarktet haben, im Niemandsland. Die Leute taten mir leid.»

Verkaufs-«Eggeli» am Ritterquai

Nachdem sie sich mit dem damaligen Tourismusdirektor Erich Egli und alt Stadtschreiber Peter Gisiger getroffen hatte, erhielt sie im Tourist Office Asyl. Vor drei Jahren dann zog ihr Verkaufs-«Eggeli» vom Kronenplatz in die Säli-Buchhandlung am Ritterquai um. In dieser Zeit hat sie Anlässe wie die Thuner Seespiele, das Lucerne Festival, die Sommeroper Selzach, aber auch das Classic Openair sowie andere hiesige Veranstalter betreut. Sie bestellte Abrechnungen, druckte Billette, übernahm Online-Bestellungen für Leute ohne Internet, kam mit den Kunden in Kontakt: jeweils vormittags von Dienstag bis Samstag und zum Teil an der Abendkasse der Anlässe.

«‹La Traviata› habe ich mindestens zehnmal gehört – und die Solisten und die Darbietung über die Zeit hinweg verglichen», meint die 70-Jährige. Dass sie an vielen Konzerten quasi als Entschädigung dabei war, kam der musikinteressierten Bernerin entgegen. Darüber hinaus erhielt sie eine Provision in kaum konkurrenzfähiger Höhe. «Von diesem Job allein könnte man nicht leben», gerade mit der Online-Konkurrenz könne man hinsichtlich Menge nicht mithalten. «Was ich gemacht habe, ist eine Dienstleistung, mit der sich kein Geld verdienen lässt», sagt Eigenmann.

Ausserdem hat sich für sie zuletzt kaum mehr eine Möglichkeit ergeben, in einem anlassarmen Zeitfenster Ferien zu nehmen. Die Saure-Gurken-Zeit, die vom Bild menschenleerer Gassen geprägt ist, ist passé, stellt sie fest. Und dann gibt es jene Momente, wo man in die Rolle des Blitzableiters und der Kummertante schlüpfen muss. Oder der Kundschaft erklärt, warum Figaro in Bizets «Carmen» nicht zu finden sei.

«Ich werde Sie vermissen»

Dass sich die aufopfernde Tätigkeit über die Jahre dennoch gelohnt hat, beweisen die Kunden, die die Vorverkäuferin ins Herz geschlossen haben und nun noch einmal vorbeischauen. «Ich werde Sie vermissen», findet eine langjährige Klassikliebhaberin. Denn Eigenmann übergibt ihr gehegtes «Eggeli» der Buchhandlung Säli selbst und verschiebt ihren Lebensmittelpunkt nach Italien, in die Nähe von Lugano.

Dass die Solothurner Vorverkaufsstelle weiterhin Sinn ergibt, erklärt sie selbst: «Vielerorts gehören Ticketstellen und Buchhandlungen zusammen. Auch in Solothurn hat sich die Symbiose bewährt.» Als Beispiel nennt sie das vergangene Kinderkonzert «Die Schneekönigin». Dazu könne man das gleichnamige Buch anbieten.

Nun befindet sich nicht nur der Ticketvorverkauf, sondern auch der Buchhandel in stürmischen Zeiten, wie Geschäftsführerin Sabine Schafroth-Dürr anmerkt: «Über der Branche hängt ein Damoklesschwert», stellt sie fest und nennt als Herausforderungen die Preisbindung, den Siegeszug der E-Books, die Übermacht des Online-Shoppings und Währungsschwankungen.

«Wenn die Preise sinken, schrumpft auch unsere Marge», erklärt sie. Zumindest auf die E-Books hat sie bereits reagiert und führt sie nun ebenfalls im Angebot: «Dies, obwohl unsere spezifische Kundschaft das Buch zum Anfassen bevorzugt.» Und indem man durch Kinder- und Jugendliteratur bei der jungen Kundschaft ansetzt, hofft man auf nachhaltige Kundenbindung.

Ein Hort der Begegnung

Letztlich sorgt die neu übernommene Vorverkaufsstelle auch für eine Diversifizierung des Angebots. Mit dem Einarbeiten konnten die drei Säli-Mitarbeiterinnen schon im vergangenen Jahr anfangen, beispielsweise während Eigenmanns Ferienabwesenheit. «Der Einstieg war nicht ohne, doch mit ‹learning by doing› haben wir ihn gemeistert.» Wichtig sei es, die Saalpläne vor dem geistigen Auge präsent zu haben. Schweissausbrüche gab es höchstens in einem Fall, als ein Konzertplatz versehentlich zweimal verkauft wurde. «Diesen Albtraum haben wir nun also hinter uns.»

Zuversicht vermittelt die «emeritierte» Ticketverkäuferin Eigenmann ihrer Kollegin allemal: «Was eben zählt, ist Beratung und Gespräch, hier, wo die Leute noch Zeit haben, sich hinsetzen und ein Buch lesen.»