Solothurner Filmtage
Seraina Rohrer: «Filme verfolgen mich bis in die Träume»

Die Filmtage-Direktorin bilanziert die Visionierung der eingereichten Werke. Eine wahre Flut von Produktionen musste gesichtet werden. In den letzten Wochen waren es rund 600 Filme. In einem Monat wird das Programm bekannt gegeben.

Michael Hugentobler
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Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer

Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer

Zu Beginn des Interviews trägt Seraina Rohrer anfangs eine Sonnenbrille. Nicht dass sie überaus eitel wäre, es ist ihr einfach zu hell an der Sonne. «Wir haben in den letzten Wochen rund 600 Filme geschaut – da ist man sich das Sonnenlicht nicht mehr gewöhnt», sagt die Direktorin der Solothurner Filmtage. Unter den Filmen waren Musikclips, Kurzfilme und solche von über 60 Minuten. «Bei den längeren Filmen waren es total etwa 150 Stunden Filmmaterial.»

Einige der Produktionen kannte Rohrer allerdings bereits. Weil die Solothurner Filmtage eine Werkschau sind, werden nicht nur neue Werke gezeigt, sondern auch Filme, die schon im Kino oder an Festivals liefen. Da Rohrer in Kontakt mit Produzenten und Regisseuren steht, kannte sie teilweise schon Rohschnitte und wusste bei einigen Filmen, was sie erwartete.

Trotzdem sei die Anzahl der Produktionen, die geschaut werden mussten, eine Flut gewesen: «Die Filme verfolgten mich bis in die Träume.» Im Schlaf sei der Auswahlprozess der Visionierung weitergelaufen. Zum Abschalten sei sie jeweils morgens ausgiebig joggen gegangen.

Jury bevorzugt umstrittene Filme

Das sechsköpfige Auswahlteam sass jeweils vom Vormittag bis um 23 Uhr im Kinosaal. Sie hatten eine Stunde Mittagspause und eineinhalb Stunden Pause am Abend. Die Jury war nicht immer gleicher Meinung, verrät Rohrer. «Es gab schon heftige Diskussionen.» Die Regel lautete, dass jeder Film ganz geschaut wurde. Wenn die Kommissionsmitglieder nach 20 Minuten einstimmig zum Schluss kamen, dass gespult werden kann, wurden die Visionierungen jedoch teilweise etwas abgekürzt. «Jedoch nie bei potenziellen Premieren», sagt Rohrer. Entschieden sei damit aber noch nichts gewesen.

«Manchmal war der Röstigraben zu spüren», sagt Rohrer. Die unterschiedlichen Mentalitäten würden auch vor Filmen nicht haltmachen. Zwei der Jurymitglieder waren Romands, eine Tessinerin, die in der Romandie lebt, und drei Deutschschweizer. «Es kam vor, dass die Deutschschweizer einen Dialog in ihrer Muttersprache künstlich fanden, die Romands aber geistreich – oder umgekehrt.» Solche Filme seien besonders heftig diskutiert worden. Allerdings gab es auch hier eine Regel: «Es ist unsere Philosophie, ins Programm aufzunehmen, was heiss umstritten ist», sagt Rohrer. Denn ein Film solle beim Publikum eine Debatte auslösen.

Thematisch wurden letztes Jahr viele Filme eingereicht, die die ländlichen Gebiete der Schweiz zum Thema hatten. Dieses Jahr ging die Tendenz in eine andere Richtung: «Das Thema Alter dominierte.» Und zwar jeder Aspekt des Alters, vom Älterwerden über den Umgang mit Verlust bis hin zu Demenz. Auch seien dieses Mal im Gegensatz zum Vorjahr fast keine Amateurfilme eingereicht worden. Die Konsequenz davon sei gewesen, dass die Anzahl eingereichter Filme leicht tiefer und das professionelle Niveau hoch war.

Das Auswahlverfahren war am Freitagnachmittag vorbei. Die Regisseure und Produzenten werden in den nächsten Wochen informiert, ob sie ans Festival aufgenommen wurden oder nicht. Einen ganz bestimmten Favoriten hat Rohrer noch nicht. «Ich habe verschiedene Favoriten – aber ein Highlight dieses Jahr ist sicher ‹Sister› von Ursula Meier.» Aber auch andere sehr gute Filme seien dabei, und auch einige tolle Überraschungen.

Nun geht die restliche Planung des Festivals los. Auch hier wartet noch viel Arbeit auf die Direktorin des Festivals. Am 17. Dezember wird das Programm bekannt gegeben. Danach müssen die Filmkopien für die Ausstrahlung beschafft und geprüft werden. Die total rund 200 ausgewählten Filme werden an den 48. Solothurner Filmtagen vom 24. bis 31. Januar gezeigt.