Simona, die Hauptfigur des Erstlings von Alan Schweingruber, fühlt sich in den Ferien in Nizza eingeengt von ihrem Leben mit Ehemann und Tochter. Für einige Tage entflieht sie ihrem Alltag und landet bereits in der zweiten Nacht mit einem anderen Mann im Bett. Etwa zur gleichen Zeit geschieht auf der Promenade des Anglais in Nizza das, womit niemand gerechnet hat: Ein Mann fährt mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge.

Ein Ereignis, das ganz Europa erschütterte. Simonas Seitensprung bleibt von ihrem Ehemann nicht unbemerkt. Und dadurch löst sich kurze Zeit nach der Rückkehr in die Schweiz ihr bisheriges familiäres Leben in Luft auf. Ehemann und Tochter verlassen sie. Psychisch angeschlagen, gibt sie ihr Leben in der Schweiz auf und landet per Zufall wieder an der Côte d’Azur. Dort lernt sie Antoine kennen, der genauso mit dem Leben hadert wie sie. Durch ihre Begegnung und die daraus entstehende Beziehung, finden die beiden nicht nur zueinander, sondern auch wieder zu sich selbst.

In Simonas Gedankenwelt

Schweingruber erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Die Szenen sind sprunghaft und diskontinuierlich, genauso wie Simonas Gedankengänge. Dem Autor gelingt durch diese Erzählweise, dass der Leser sich in die psychisch instabile und im normalen Leben verlorene Simona hineinversetzen kann. Verstärkt wird dieser Effekt durch die szenische Sprache, kurze und einfache Sätze und viel direkte Rede.

Der Roman fesselt weniger mit der Handlung als vielmehr mit der psychologischen Tiefe. Es ist schwer das Buch aus der Hand zu legen, weil man wissen will, wie sich Simonas Schicksal entwickelt und ob sie es schafft, das Leben wieder in den Griff zu bekommen. Denn of fühlt man sich bei gewissen Szenen oder Gedankengängen der Figuren an sich selbst erinnert.

Etwas verwunderlich, aber sicher bewundernswert ist die Tatsache, dass Schweingruber, gelernter Kaufmann und Journalist, eine derart psychologisch fundierte Geschichte über eine Frau gelingt. Durch das Verweben von Simonas Geschichte mit dem Anschlag in Nizza wird dem Leser eindrücklich vor Augen geführt, was ein einziges Ereignis für eine Person bewirken kann.

Simonas Leben ist nach ihrer Nacht mit dem fremden Mann nicht mehr dasselbe und zur ungefähr gleichen Zeit ändert sich das Leben der vom Anschlag Betroffenen ebenfalls auf sehr tragische Art und Weise. Es fällt aber auf, dass der Anschlag in Nizza keine direkte Auswirkung auf das Leben der Hauptfigur hat. Ob der Autor Simona als Personifizierung des französischen Volkes sieht, welches durch den Anschlag wiederum erschüttert wurde?

Alles in allem bietet Schweingrubers Debütroman eine spannende Geschichte mit psychologischer Tiefe und einem guten Gespür für Schicksalsschläge, die das Leben prägen. «Simona» ist ein Roman für alle, die den Mut haben, der Realität ins Auge zu sehen, und sich mit dem Leben auseinandersetzen. Schliesslich betreffen sie jeden, die unvorhergesehenen Ereignisse, die uns und unser Leben von einer Sekunde auf die andere verändern können.

Alan Schweingruber: «Simona», bei Weissbooks GmbH, Fr. 32.90, 978-3-86337-170-8. Eine offizielle Vernissage findet am 25. September 2018, 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich statt.