Stadttheater Solothurn
Schwierige Teenager halten Eltern den Spiegel vor

Das Stück «Ephebiphobia» wird im Stadttheater Solothurn als Schweizer Erstaufführung gezeigt – ein bitterböses Vergnügen.

Fränzi Zwahlen-Saner
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«Mäuschen» (Tatjana Sebben) macht ihrer Mutter (Margit Maria Bauer) das Leben alles andere als einfach.

«Mäuschen» (Tatjana Sebben) macht ihrer Mutter (Margit Maria Bauer) das Leben alles andere als einfach.

Ilja Mess

«Ephebiphobia» – ein ungewöhnliches Wort, noch nie gehört oder gelesen, und deshalb im Lexikon nachgeschlagen: «Angst, Abscheu vor Teenagern» heisst es da. Das Wort scheint es tatsächlich zu geben. Angst vor jungen Leuten, die rund 16 Jahre alt sind? «Ephebiphobia», dieses Wort hat die Autorin des 2012 in Linz uraufgeführten Stückes, die Engländerin Tamsin Oglesby, als Inspiration für ihr Drei-Personen-Stück genommen.

Die Angst vor Teenagern zeigt sich in der Existenz von Bootcamps – Erziehungslager für junge Menschen, in die manche Eltern ihre Kinder schicken, wenn sie mit ihnen nicht mehr klarkommen. Wie kommt es dazu? Und sind solche Massnahmen nicht eher der Beweis für die Unfähigkeit der Eltern, die schwierigen Teenagerjahre auszuhalten, fragt die Autorin. Denn es stimmt schon: Teenager sind schwierig, sie stellen die Erwachsenen infrage, sie schwanken zwischen Selbstbewusstsein und Ängstlichkeit, zwischen Kindheit und Abgeklärtheit, sie übertreiben, sie sind lethargisch, sie loten Grenzen aus. So, dass Eltern an ihre Grenzen stossen und oft Hilfe von aussen brauchen.

Im Stück suchen El (Margit Maria Bauer) und Jim (Günter Baumann) auch erst einmal Hilfe bei einer Therapeutin. Ihrem «Mäuschen» (Tatjana Sebben), das nicht mehr zur Schule will, das nervt und alles infrage stellt, kann vielleicht eine psychologisch geschulte Person helfen.

Doch braucht wirklich «Mäuschen» Hilfe? Sind es nicht doch eher die beiden Erwachsenen, die nach 16 Jahren ihrer Eltern- und Partnerschaft müde und frustriert sind; die glauben, nicht mehr jung und genügend attraktiv zu sein? Aber nein, wir Eltern wissen doch, wie das Leben geht. «Mäuschen» soll die Sitzungen besuchen, damit sie erkennt, wie gut sie es doch hat. Sicher nicht ins Bootcamp mit ihr, vorerst.

Halb Frau und halb Kind

Es ist ein rasantes Kammerspiel, welches die drei Schauspieler während eindreiviertel Stunden ohne Pause auf der Stadttheaterbühne zeigen. Margit Maria Bauer als Mutter El schreit, weint, schnurrt. Einmal ist sie strenge Mutter, dann wieder liebe Verbündete oder die reizvolle Geliebte. Günter Baumann, als Vater Jim, der völlig verunsichert ist – als Ehemann, als Vater und als selbstständig arbeitender Künstler.

Wo sind die Träume, wo der Erfolg im Beruf oder bei den Frauen geblieben? Die junge Tatjana Sebben, Studentin der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, mimt die aufmüpfige, aber ebenso verunsicherte Fran, genannt Mäuschen. Halb Frau, halb Kind, auf der Suche ihrer Identität, geplagt von Zweifeln und Ängsten, Leistungsdruck in der Schule und bei ersten sexuellen Erfahrungen. Eine Rolle, bei der die ganze emotionale Palette ausgespielt werden muss. Es gelingt.

Hohes Tempo

Regisseur Dominik von Gunten lässt die Schauspieler agieren, gibt ihnen den Raum für ihre Rollen. Kostüme und Bühnenbild von Gabriela Neubauer sind aus einem Guss. Das Tempo im Stück ist gewaltig, die Pointen sitzen. Den Zuschauern bleibt hin und wieder das Lachen im Halse stecken. Ein Vergnügen, das nachwirkt, bei Teenagern und allen, die es einmal waren.

Weitere Aufführungen: 22.9., 1.10., 21.10., 6.11., 21.11, Premiere Biel: 29.9.