Solothurn

Schwester Sara Martina setzt sich seit 20 Jahren für Randständige ein

Noch immer unermüdlich im Einsatz: Schwester Sara Martina vor ihrer Spielzeugwerkstätte an der Unteren Steingrubenstrasse. Felix Gerber

Noch immer unermüdlich im Einsatz: Schwester Sara Martina vor ihrer Spielzeugwerkstätte an der Unteren Steingrubenstrasse. Felix Gerber

Seit 20 Jahren arbeitet Schwester Sara Martina nun auf der Gasse. Ihre Arbeit begann in blutverschmierten Herrenpissoirs unter der Wengibrücke. Die offene Drogenszene existiert nicht mehr: Sara Martina hat aber noch immer genug zu tun.

Manchmal fragt sich Schwester Sara Martina schon, ob das alles normal ist. Doch dann schaut sie in die Räume ihrer Spielzeugwerkstatt, blickt zu den Randständigen, die an einem Holztisch Spielzeug reparieren, und sagt: «Doch, doch, das ist real. Ich bin ja da.» Seit zehn Jahren ist die Ordensschwester jetzt mit ihrer Spielzeugwerkstatt im ehemaligen Gibelin-Kindergarten an der Steingrubenstrasse. Kartonschachteln, voll mit repariertem Spielzeug, stapeln sich an den Wänden. Bald holt ein Lastwagen das Material ab und bringt es in osteuropäische Spitäler.

Arbeitslose, Alkoholkranke und Drogenabhängige finden bei Sara Martina eine Beschäftigung. Sie reparieren Spielzeug, fertigen mit der Laubsäge Puzzleteile nach, machen aus alten Kalenderblättern Couverts und schneiden für Strassenkinder Briefmarken aus. 20 Jahre leistet Sara Martina nun Gassenarbeit. Vorbei sind die Zeiten, als sie sich fragte, warum in der schönsten Barockstadt der Schweiz, Drogenabhängige in Pissoirs hausen.

Leprakranke betreut

Rückblende 1992: Mit Brot und Tee tauchte die Ordensfrau erstmals bei der Drogenszene an der Wengibrücke auf. Es war ihr «mulmig» zumute, als sie an die Türe des Herrenpissoirs klopfte. «Was denken die, wenn sie eine Schwester sehen?» Der Boden war blutig. Bis zu 15 Personen quetschten sich ins Pissoir.

Im Februar 1992 war der Platzspitz in Zürich geschlossen worden, im März der Kocherpark in Bern. Neben dem Zürcher Letten gab es nur noch in Solothurn und Olten eine offene Drogenszene. «Hätten Sie den Mut, dort zu arbeiten?», fragte die Oberin. Sara Martina war aus Asien ins Kloster Visitation zurückgekehrt. «Ich habe gelernt, wie man draussen stehen muss», sagt Sara Martina. Drei Mal hat sie in Indien bei Mutter Teresa Leprakranke auf der Strasse betreut. In Macao hat sie in einem Sterbehaus gearbeitet. «Ein zu schönes Wort für die grausamen Zustände.» Und sie gründete dort eine Unterkunft, in die entlassene Sträflinge kommen konnten. «Mit einer festen Adresse fanden sie am Hafen Arbeit als Fischträger.»

«Sucht das Elend»

«Geht nach Hause in eure Städte und sucht das Elend», habe Mutter Teresa gesagt. In Solothurn trifft Sara Martina auf Spritzen beim Aaremätteli, in der Unterführung beim Bahnhof hausen Leute. Abgemagert, verdreckt. Einige Hundert Süchtige geben sich in der Vorstadt täglich den Kick. Die Behörden konstatierten «Entvölkerung, Verluderung und Bildung eines zwielichtigen Umfeldes». Sara Martina handelte. Sie hat ihren Teecontainer aufgestellt, führte die Notschlafstelle zwei Winter lang, gründete einen «Zmorgentisch» für Randständige und eröffnete die Spielzeugwerkstatt. «Es gibt da einen Trick mit dem Herrgott», sagt Sara Martina. «Wenn ich alles getan habe und nicht mehr weiter weiss, setze ich mich an den Küchentisch, bete und sage: Ich habe alles versucht. Jetzt warte ich.»

Mit der weissen Haube und der blauen Tracht fällt die Velo fahrende Ordensfrau auf. Bald erhält sie auf der Strasse Spendengelder, die sie in einem Schuhkarton sammelt, ohne es je zu zählen. «Wenn ich kein Geld mehr habe, höre ich auf», hat sie zu Beginn gedacht. «Es reichte immer.» Irgendwann hatte sie dann doch ein Bankkonto, obwohl: «Spendengelder muss man vor dem Herrgott abrechnen.»

Alles gratis

Sara Martina hatte sich in den Kopf gesetzt, einen Zufluchtsort für Drogensüchtige aufzustellen. Sie ging zur SBB, forderte einen leeren Bahnwagen, dann versuchte sie ein altes Schiff zu organisieren. Im Park einer alten Villa wollte sie einen gespendeten Baucontainer aufstellen. «Können Sie denken.» Sie lacht. «Die Schwester ist ja schon recht, aber ihr Rattenschwanz», hiess es. Sie klopft mit dem Finger auf den Tisch, lächelt. «Man muss das akzeptieren.» Im Januar 1993 stand der Container dank der Stadtbehörden schliesslich auf dem Dornacherplatz. Alles war gratis. «Wer ein Portemonnaie hervornimmt, will dealen.»

Neben ihrer Zelle im Kloster hatte Sara Martina nun ein spärliches Zimmer in der Altstadt. Nachts erkennen sie Süchtige an ihrer weissen Haube. Ihr selbst gibt dies Schutz. Im Winter 1993/94 löst die Notschlafstelle in der Zivilschutzanlage des Bürgerspitals den «Drogencontainer» vorläufig ab. Zwei Winter führte Sara Martina mit 40 Freiwilligen die Notschlafstelle. Freude hatten nicht alle. Die Schwester musste einen Transport organisieren. Um 22 Uhr holte sie die Drogenkranken beim Dornacherplatz mit einem roten Toyota-Bus ab und fuhr in die Unterkunft. Wer selbst zum Spital hochkam, blieb vor der Panzertüre stehen.

Busse im Fahrverbot

Zum letzten Mal stellte Sara Martina den Container im Herbst 1995 hinter der Reithalle auf. Die Stadt war zuerst nicht einverstanden, der Ort sei ein Renommierplatz, hiess es. «Renommierplatz, was ist das?» fragt Schwester Sara Martina, hält sich die Hand vor die Augen, lacht und schüttelt den Kopf. In ihren Augen blitzt Schalk auf. Graue Haarspitzen schauen unter der Haube hervor, das Gesicht hat einige Falten. Ihr Alter gibt sie nicht preis. «Irgendwann wird man das dann lesen.»

Behörden lernten ihre Hartnäckigkeit kennen. Einmal stellte ihr die Polizei eine Busse aus, als sie im Fahrverbot Lebensmittel für den Container auslud. Der Stadtpräsident erhielt Besuch, die Schwester drohte den Polizisten, der Pfarrer werde die nächsten Messe-Opfer für ihre Parkbussen ausrufen. Ein anderes Mal kämpfte sie um einen Besen, den ihr der Werkhof nicht geben wollte. Man habe wohl gedacht, die Auflösung der offenen Szene könne bei der Öffentlichkeit eher durchgesetzt werden, wenn alles dreckig ist.

An Regeln der Schwester gewöhnt

Es ist Pause in der Spielzeugwerkstätte im ehemaligen Kindergarten. «Wenn der nicht aufhört, muss ich ihm die Feile wegnehmen». Sara Martina steht oben am Tisch. Die Männer haben sich schon auf die Holzbänke gesetzt. Sie warten auf Michael, der an einem alten Holzstuhl feilt. Auf dem Tisch sind Brotschnitten, Reste vom Frühstück bei der evangelisch-methodistischen Kirche, das Sara Martina vor neun Jahren mitgegründet hat. Als Michael endlich kommt, ist es mucksmäuschenstill am Tisch. Sara Martina spricht ein Gebet. An ihrem Ärmel ist Holzstaub. Sie stand kurz zuvor mit dem jungen Mann am Werkbank, hat am Stuhl mitgeschliffen, hat über Schulden, Rechnungen und seine Verspätung gesprochen.

Einige Männer sagen Amen. An die Regeln der Schwester haben sie sich gewöhnt. Michael schläft fast ein, erzählt vom Besuch der Ex-Freundin am Abend zuvor, erwähnt den morgendlichen Gang in die Abgabestelle. An der Wand neben der Türe sind mit blauem Filzstift Kreuze auf einem vergilbten Plakat aufgebracht. Daneben stehen 27 Namen. «Wir sind die einzigen, die alle diese Menschen kennen, die gestorben sind. Es gibt manchen, an den gar nichts mehr erinnert, bei dem die Eltern nicht einmal einen Grabstein wollten», sagt Sara Martina und blickt auf die Jahreszahlen. «Jetzt sterben weniger.» Doch es gibt auch dies: Auf der anderen Seite der Türe steht auf einer Karte. «Hallo Sr. Sara. Wie geht es dir? Ich danke Dir für die Unterstützung in düsteren Zeiten. Nun hat sich Vieles geändert, bin clean und habe Familie.»

«Wie Dreck behandelt»

1995 war ein Wendepunkt. Als sich die Räumung des Lettens abzeichnete, änderten die Solothurner Behörden ihre Drogenpolitik. Eine Sondertruppe der Polizei hob im Januar 1995 die offene Drogenszene auf. Drogenabhängige wurden in ihre Herkunftsgemeinden zurückgebracht. Die Polizei konnte sie 24 Stunden festhalten. Sie erhielten Einweg-Papier-Unterwäsche. Innerhalb der ersten zwei Wochen wurden 144 Personen weggewiesen. «Auch als Schwester muss ich hören, man solle diese Parasiten doch verrecken lassen», schrieb Sara Martina in einem Leserbrief. «Abhängige wurden teilweise wie Dreck behandelt.»

Im Sommer desselben Jahres kam die staatliche Heroinabgabe. Es wurde möglich, mit den Leuten zu sprechen. Drogenkranke wurden teilweise wieder arbeitsfähig, konnten alleine wohnen. Ihren Container bezeichnete Sara Martina nicht mehr als Überlebensstätte zur Verpflegung, sondern als «Stube, wo man Zeit findet für Lebensprobleme.»

Immer Arbeit

In einem roten Ordner sammelt sie Zeitungsartikel. Aussagen der Behörden, es gebe eine Tagesstruktur, hat sie 1995 noch mit Leuchtstift angestrichen und ein Fragezeichen dahinter gesetzt. Sara Martina hat für durchgehende Tagesstrukturen gekämpft. «Überall gibt es heute etwas mehr soziale Hilfe.» Es gibt den «Adler», die «Perspektive», Essensbons, es gibt Wohnungen. «Vieles hat sich verbessert. Die Leute sind integrierter, haben saubere Kleider, einen Coiffeur.» In den letzten Jahren hat sie keine Zeitungsartikel abgelegt. «Es gab nichts zu berichten. Alles lief.» Noch immer kommen täglich bis zu zehn Leute in die Spielzeugwerkstätte. Für mehr reicht der Platz nicht. An einzelnen Tagen muss Sara Martina Überzählige wegschicken. Aufhören will sie nicht. «Wir haben Glück, der Herrgott schickt immer Arbeit. Ich muss sie nur verteilen.»

Sara Martina ist auf altes Spielzeug und Briefmarken angewiesen. Sie können jederzeit an der Unteren Steingrubenstrasse 29 in Solothurn vorbeigebracht werden. Spendenkonto: Sr. Sara Martina Giger, Konto 882596-50 Credit Suisse Solothurn. IBAN: CH94 0483 5088 2596 5000 0.

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