Verenaschlucht
Schwester Benedikta ist eine gute Besetzung

An ihr scheiden sich die Geister: Schwester Benedikta, die Eremitin in der Solothurner Verenaschlucht. Die Frau polarisiert: Sie begeistert, berührt und fasziniert die einen – während sie die anderen gleichzeitig irritiert, misstrauisch macht.

Urs Mathys
Urs Mathys
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Schwester Benedikta identifiziert sich weiterhin mit der Einsiedelei. Felix Gerber

Schwester Benedikta identifiziert sich weiterhin mit der Einsiedelei. Felix Gerber

Felix Gerber

Anders als manche Vorgänger – insbesondere auch ihre direkte Vorgängerin – hat Schwester Benedikta keinerlei Berührungsängste. Sie zieht sich nicht demonstrativ zurück in ihre Klause, sondern geht auf Menschen zu. Sie verweigert sich keinem Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern und trägt mit dazu bei, dass die Verenaschlucht inzwischen weit über die Region hinaus ein Begriff ist. So weicht sie auch Medienanfragen nicht aus, sondern steht Red und Antwort, wo sie gefragt wird. Ja, im Herbst wird sogar ihre Autobiografie in Buchform erscheinen, in der sie sich und ihren Werdegang von der (reformierten) Hausfrau und Mutter bis hin zur (katholischen) Eremitin beschreibt.

Lieber aufgeschlossen als bärbeissig oder abgehoben

Tatsächlich: Medienscheu ist diese Einsiedlerin keineswegs. Sogar ein gewisses (auch) mediales Sendungsbewusstsein mag sie haben. Ist sie deswegen sogar «mediengeil» und wäre sie in diesem Fall dann überhaupt die «richtige Besetzung» für dieses Amt? Diese Frage hat jüngst ein Journalisten-Kollege besorgt gestellt. Fragt sich wohl zunächst, in welchem Umfeld eine Einsiedelei liegt: Weit weg von jeder Zivilisation – oder eben nur ein paar Schritte neben dem Zentrum von Solothurn.

Hier einen menschenscheuen, bärbeissigen Einsiedler wirken zu lassen – wie es ihn auch schon gab – würde an diesem Ort heute nicht mehr goutiert. Schwester Benedikta aber ist eine Einsiedlerin der Jetzt-Zeit – und damit eine gute Besetzung für eine Einsiedelei, die «mitten im Leben» liegt. Die Einsiedelei sei längst eine «Scheinsiedelei» geworden, hat man in dieser Zeitung kürzlich lesen können: Wohl wahr, denn tagtäglich – und dies zu jeder Jahreszeit und bei fast jeder Witterung – sind bis zu mehreren hundert Menschen in der Verenaschlucht anzutreffen. Für jeden und jede von ihnen ist die Einsiedelei etwas anderes: attraktives Naherholungsgebiet direkt vor der Haustüre, Schauplatz für verschiedenste sportliche Aktivitäten, idyllische Natur-Oase, Ort der Einkehr und des Gebets – bis hin zum «Kraftort» für esoterisch angehauchte Zeitgenossen.

Mit Elan und Einsatzfreude stellt sich Schwester Benedikta ihren vielfältigen Aufgaben. Aufgaben, die sie vergleichsweise «für Gottes Lohn» erfüllt, mit einem Spektrum, das Arbeit für mindestens zwei bieten würde.

Der Einsiedelei mehr spirituelles Leben eingehaucht

Der heutigen Einsiedlerin ist aber vor allem zu verdanken, dass der Einsiedelei inzwischen auch spirituell wieder mehr und regeres Leben eingehaucht worden ist. Dazu tragen unter anderem ihr tägliches öffentliches Gebet in der Martinskapelle bei und schlicht die Tatsache, dass Schwester Benedikta stets ein offenes Ohr für Menschen mit ihren vielfältigen Anliegen, Sorgen und Nöten hat.

Ganz so, wie einst die heilige Verena, die der Sage nach in der Schlucht den Hilfesuchenden ebenfalls mit Rat und Tat beigestanden hat. Und dann war da ja auch noch der berühmteste Einsiedler der Schweiz, Bruder Klaus. Der lebte im Ranft zwar viel abgeschiedener und zurückgezogener, doch seinen weisen Ratschlägen haben die Solothurner immerhin zu verdanken, dass sie 1481 (zusammen mit Freiburg) in den Bund der Eidgenossen aufgenommen worden sind.

Auch so gesehen hat die Bürgergemeinde der Stadt Solothurn, die für die Einsiedelei und für die Besetzung der Einsiedlerstelle zuständig ist, mit Schwester Benedikta also durchaus eine gute Wahl getroffen. Wer weiss, vielleicht kann ja auch heute der eine oder andere Politiker dann und wann einen weisen Ratschlag abholen.