Solothurn
Schulweg ins Hermesbühl ist für Vorstadt-Kinder «nicht zumutbar»

Obwohl die Solothurner Stadtpolizei sagt, dass der Schulweg für Kinder aus der Vorstadt ins entfernte Hermesbühl-Schulhaus «nicht zumutbar» ist, dürfen sie in keinen anderen Kindergarten.

Christoph Neuenschwander
Drucken
Teilen

Um es milde auszudrücken: Die Vorfreude auf den ersten Tag im Kindergarten ist getrübt. Jedenfalls bei drei besorgten Familien aus der Vorstadt. Anlass zur Sorge gibt der Schulweg ins weit entfernte Hermesbühl, den ihre Kleinen nach den Sommerferien antreten müssen. Dieser sei, das bestätigt die Stadtpolizei, «nicht zumutbar». Der Schuldirektorin ist das aber ziemlich egal – diesen Eindruck haben zumindest die Eltern.

Alles begann mit einem Brief, der die Familien Huber, Haudenschild und De Giorgi darüber informierte, dass ihre Söhne in den Kindergarten Hermesbühl eingeteilt wurden. Dies, obwohl die Kindergärten Wassergasse und Dreibeinskreuz deutlich näher an den Wohnorten der Vorstadt-Familien liegen. Zu lang und zu gefährlich sei der Weg über den Amthausplatz und die Bielstrasse, fanden die Eltern.

Zumutbar oder zu gefährlich?

Nachfragen oder gar Kritik seitens der Vorstädter hat Schuldirektorin Irène Schori mit Pragmatismus beantwortet: Eine Voraussetzung für guten Unterricht seien ausgeglichene Klassengrössen, und «mit der aktuellen Klassenplanung ist es uns möglich, gesamtstädtisch die Qualitätsanforderungen zu erfüllen», schrieb sie in einer Verfügung, die den Knatsch mit den unzufriedenen Eltern beenden sollte. Zusätzlich verwies sie auf einen Bundesgerichtsentscheid, wonach für Eltern keine Wahlfreiheit hinsichtlich Schul- und Klassenzuweisungen bestehe.

Das liessen die drei Familien nicht auf sich sitzen und erhoben Beschwerde. Brisant: Während Irène Schori in einem Brief betont hatte, dass der Weg von den «Verantwortlichen» als zumutbar erachtet werde, schlug Konrad Müller andere Töne an – und Müller ist als Dienstchef Verkehrsinstruktion bei der Stadtpolizei Solothurn genau einer jener Verantwortlichen. In einer Stellungnahme an die Beschwerdekommission der Stadt schrieb er: «Wir sind der Meinung, dass bei einem fünfjährigen Kind der Verkehrssinn noch nicht so weit ausgebildet ist, dass es den weiten Weg von der Vorstadt ins Hermesbühlschulhaus alleine gehen kann. Es ist schlichtweg viel zu gefährlich.» Zudem erklärte er, dass die Schulwege für Kindergartenkinder so kurz wie möglich zu halten seien. Er bezeichnete es als wichtig, dass ein Kind den Schulweg alleine meistern könne, denn dies beinhalte soziale Aspekte, die Einfluss auf die Entwicklung haben.

Auswirkung auf ganze Planung

Die Beschwerde wurde Anfang Juli gutgeheissen: Der Weg sei «für ein fünf- bis sechsjähriges Kind nicht zumutbar», hiess es. Besonders heikel sei die Überquerung der Kantonsstrasse mit mehr als 10 000 Fahrzeugen pro Tag. Und so kommentierte die Beschwerdekommission: «Die Absicht der Schuldirektion, einen qualitativ hochstehenden Unterricht anzubieten, ist lobenswert. Jedoch ist die Voraussetzung für einen guten Unterricht, dass das Kind gesund und heil im Kindergarten ankommt.»

Mit dieser markigen Aussage, so könnte man meinen, wäre die Sache eigentlich geregelt. Doch zu einer Umteilung der Kinder ist es bis heute nicht gekommen. Schliesslich gehen nicht bloss die drei Kinder der beschwerdeführenden Familien jenen Weg, sondern insgesamt 15 Kinder des Kindergartens und der ersten Klasse im Hermesbühl. Schori hatte bereits in ihrer Stellungnahme darauf hingewiesen: Sollte der Weg als zu gefährlich eingestuft werden, müsste man auch die anderen Kinder umteilen. Dies wiederum, so Schori, hätte «gravierende Auswirkungen auf die Planung».

Vorgeschlagener Fussweg vom Dornacherplatz zum Schulhaus Hermesbühl

Vorgeschlagener Fussweg vom Dornacherplatz zum Schulhaus Hermesbühl

zvg

Um also jene Auswirkungen auf die Planung abzuwenden, hat sich die Schuldirektion eine Hintertür im Entscheid der Beschwerdekommission zunutze gemacht: Statt einer Umteilung gibt es einen Pedibus – die Begleitung aller betroffenen Kinder durch einen Erwachsenen. Auch wenn damit der Weg nicht alleine gegangen werden kann, wie sich die Polizei das gewünscht hätte. «Das Kindeswohl steht an letzter Stelle, es geht nur darum, dass die Schuldirektorin ihren Willen durchsetzen kann», interpretieren die Eltern das Vorgehen.

Frustrierende Situation

Hubers, De Giorgis und Haudenschilds sind frustriert. «Man hat uns zwar recht gegeben, aber an der Situation hat sich nicht viel geändert.» Was die Eltern zusätzlich wurmt: Wenn es schon ein Pedibus sein muss, dann wollten sie wenigstens die künftige Wegbegleitung ihrer Kinder noch vor Schulbeginn kennen lernen. Schuldirektorin Schori wollte hingegen sämtliche Infos zu jenem Pedibus am ersten Schultag bekannt geben, wenn die Eltern ohnehin gemeinsam mit den Kindern ins Hermesbühl gehen. «An diesem Tag wollen wir uns aber auf unsere Kinder konzentrieren, das soll schliesslich ein Freudentag sein», so die Eltern. Sicher wolle man nicht schon am ersten Morgen bei der Schuldirektorin antraben.