Wer Franz Schubert (1797–1828) bisher vor allem als Meister des Kunstliedes kannte, erlebte in seiner kurz vor seinem Tod komponierten Messe in Es-Dur D 950 eine beglückende Offenbarung. Denn statt mit Stilmitteln klassischer Strenge verwandelte er die sechs in lateinischer Sprache gesungenen Teile Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei in ein persönliches, sehr farbenprächtiges Gemälde.

Schubert, der diese seine Komposition selbst nie gehört hat, verlieh den Worten des Messetextes in romantischer Klangfärbung eine packend neue Bedeutung. Gefühl, Schilderung und Atmosphäre erlebten in diesem Werk eine intensive Verfeinerung, die Chorsätze und Möglichkeiten der Instrumentation erweiterte. Reiches Figurenspiel zeichnete die Orchesterbegleitung aus, die von der Philharmonie Baden-Baden – im vorderen Teil der Bühne angesiedelt – charakter- und ausdrucksvoll wahrgenommen wurde.

Der Grundton blieb lyrisch in der Mehrzahl der Sätze, die durch Einzelklänge der Holz- und Blechbläser, der Impuls gebenden Trommeln und Pizzicati der Kontrabässe sowie durch die grosse Gruppe der Streicher vertieft und insgesamt mit dramatischer Dynamik aufgewertet wurden. Spannung erzeugte Schubert in wenigen, sorgsam dosierten Dissonanzen.

Der den oberen Bereich der Konzertsaal-Bühne mit weit über hundert Mitsingenden füllende Chor erwies sich in der Vielstimmigkeit als ein sehr gefällig wirkender, kompakter Klangkörper. Prominent platziert in der oberen Mitte befand sich sein «Bouquet» an tragenden Männerstimmen, die vor allem in den als Fugen gestalteten Partien kraftvolle Akzente setzten.

Berührender seelischer Gehalt

Der Chor, den Chorleiter Adalbert Roetschi ebenso wie das Orchester dirigierte, interpretierte seine Einsätze der textlichen Aussage entsprechend mit Begleitung und a cappella. Mal zart und lieblich wie auch feierlich, mal im «Gloria» in überströmendem Jubel, dann gehaucht, fast flüsternd in banger Angst, Verzweiflung und Demut sowie abschliessend im «Dona nobis pacem» in hoffnungsvoller Zuversicht.

Roetschi hatte alle vokalen Aufgaben dem Chor übertragen und auf mögliche Solisten verzichtet. So blieb das Publikum, das sich nach der Aufführung mit reichem Applaus bedankte, auf den berührenden seelischen Gehalt dieser Komposition konzentriert.

Traumhaft sicher

Als Gast bereicherte der Solo-Hornist Christian Holenstein dieses Musikereignis, das er gemeinsam mit dem Orchester im Hornkonzert Nr. 4 KV 495 in 3 Sätzen eröffnete. Wie im Programmheft zu lesen war, komponierte Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) dieses Werk für Ignaz Leutgeb, den ehemaligen Hornisten aus Salzburger Tagen. Verglichen mit dem heutigen Ventilhorn, auf dem Halbtöne und Tonleitern gespielt werden können, waren damalige Horn-Instrumente nur zur Wiedergabe von Naturtönen oder mithilfe «Stopfens» zum Halbtonspiel geeignet.

Leutgeb muss ein begnadeter Hornist gewesen sein, der trotz begrenztem Tonvorrat diese anforderungsreiche Komposition spielen konnte. Holenstein, der als Solist und Dirigent mit vielen weltbekannten Ensembles zusammenarbeitet und als Dozent unterrichtet, spielte die Vielfalt melodischer Themen mit hohem Schwierigkeitsgrad auswendig in traumhafter Sicherheit. Das Orchester untermalte seine satte Tongebung mit geschmeidigem Klang. Der 3. Satz, das Rondo/Allegro Vivace, war als frisch-fröhliche Jagdmusik angelegt. Als Zugabe spielte Holenstein noch eine kurze heitere Impression mit dem «Posthorn», die Bruno Leuschner für ihn geschrieben hat.

Besonders gut gefallen hat neben dem Klangerlebnis der Blick auf Chor und Orchester, dessen Mitglieder sich beim Aufmarsch einige Zeit stehend dem Publikum präsentierten, bis die Chorangehörigen ihre Plätze erreichten.