Arthur Gloor wurde 1869 in Zofingen geboren und legte, erst 23-jährig, in Basel das medizinische Staatsexamen ab. Im Sommer 1899 eröffnete er in Solothurn eine augenärztliche Praxis an der Judengasse und von 1904 bis 1941 leitete er als erfolgreicher Augenarzt die Augenabteilung am Bürgerspital.

Der in fünf Bänden zusammengefasste Nachlass besteht aus 67 Tagebüchern, in denen auf mehr als 30 000 Seiten die Krankengeschichten von 45 319 Patienten lückenlos festgehalten sind.

Auf Einladung der Freunde der Zentralbibliothek Solothurn gab dessen Enkel, Balder Gloor, emeritierter Professor an den Universitätsaugenkliniken Basel und Zürich, vor über 50 Zuhörern einen Einblick in das aussergewöhnliche Werk, in dem die Leser auch auf die Krankengeschichte von etlichen Solothurner Persönlichkeiten stossen.

Medizinische Aufzeichnungenaus Gloors Nachlass.

Medizinische Aufzeichnungenaus Gloors Nachlass.

Arthur Gloor war nicht nur ein äusserst sorgfältiger und in die Zukunft blickender Augenarzt, der minutiös die ausgeführten Behandlungen festhielt, sondern auch ein leidenschaftlicher und hervorragender Zeichner. Dies zeigen die zahllosen, im Text enthaltenen kleinen Skizzen und rund 700 Zeichnungen auf separaten Blättern.

Auch ein Stück Sozialgeschichte

«Die Krankengeschichten der einzelnen Patienten und der Einfluss der Krankheiten auf das Leben der Betroffenen sind über die ganze Zeitperiode exakt und ausführlich geführt worden und widerspiegeln das Gesicht der praktischen Augenheilkunde in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts», analysierte Balder Gloor das Wirken seines Grossvaters.

Doch die Tagebuchaufzeichnungen und Kommentare gehen weit über die Augenheilkunde hinaus. Sie sind mit ihren zahlreichen Anekdoten zur Stadt- und Kantonsgeschichte sowie der Geschichte des Bürgerspitals Solothurn auch ein interessantes Stück Sozial- und Gesellschaftsgeschichte.

Nebst seiner Praxistätigkeit war Arthur Gloor, an den sich ältere Solothurner wohl noch erinnern, 1908 auch Mitbegründer der Schweizerischen Ophtalmologischen Gesellschaft. 1922 erwarb er die erste Zeiss-Spaltlampe, die eine neue Zeit in der Augenheilkunde ankündete und für Arthur Gloor «viele schöne Details» sichtbar machte.

Nebst den üblichen Augenkrankheiten wie Netzhautablösungen, Augenentzündungen und dem Katarakt ist in den Krankengeschichten von Arthur Gloor die Tuberkulose omnipräsent. Infolge der in der Region ansässigen Schwermetall-, Feinmechanik- und Uhrenindustrie war Gloor auch mit zahlreichen Verletzungen des Auges konfrontiert.

Viele Leute glücklich gemacht

«Die wesentlichen Unterschiede zwischen der Augenheilkunde in der ersten und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen nicht in der Befunderhebung», entnimmt Balder Gloor den Schilderungen seines Grossvaters.

Die Augenärzte der damaligen Zeit hätten die Bedeutung und die Ursachen der Augenkrankheiten genau so gut gesehen wie ihre Nachgeborenen, «aber es fehlten die heute üblichen Antibiotika und Corticosteroide und auch das feine Nahtmaterial.»

Trotzdem habe Gloor unter schwierigen Bedingungen erfolgreich den Star operiert und bis ins hohe Alter sehr viele Leute glücklich gemacht. Wenn die Patienten versorgt waren, sass Gloor, selbst an einer Augenkrankheit leidend, nächtelang im Sprechzimmer seines 1905 erworbenen, mit wilden Reben umrankten Hauses an der Rathausgasse 17, die Gänsefeder in der Hand, schreibend und zeichnend. Bis er 1954, 85-jährig, starb.