Solothurn
Schon wieder krachte ein Risikobaum aufs Dach – was passiert mit den anderen?

Nur mit viel Glück gab es am 3. Januar bei Sturm Burglind in Solothurn keine Verletzten oder gar Tote. Dafür viel Hin und Her. An der Bergstrasse hadern Hausbesitzer mit Amtsstellen, die vor Sturmrisiken gewarnt waren.

Wolfgang Wagmann
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So sah es an der Bergstrasse nach Sturm Burglind aus.
12 Bilder
Kein schöner Anblick.
Burglind-Schäden an der Bergstrasse in Solothurn
Gespenstische Stimmung nachts nach dem Sturm an der Bergstrasse.
Ein unerfreulicher Durchblick.
Das Dach dieses Hauses an Bergstrasse wurde durch den Sturm arg lädiert
Plastikplanen und -kessel stehen im Einsatz gegen den Regen.
Stüper sicher die Decke vor dem Durchbrechen
Risse durchziehen das Mauerwerk
Es gibt viel zu tun.
Überall wird provisorisch abgedichtet.
Diese Nadelbäume im Südteil des Könighofparks bedrohen die Nachbarliegenschaften

So sah es an der Bergstrasse nach Sturm Burglind aus.

zvg

Draussen rüttelt der Wind an den Plastikplanen, welche die Löcher und Risse im Dachgiebel notdürftig abschirmen. Das Rauschen der Bäume ist bis in die Küche zu hören. «Da stehen noch drei Kandidaten», verweist Hans Sperisen auf die Föhren und Tannen im Königshofpark, die gleich neben seinem Haus an der Bergstrasse stehen. «Friederike» ist ein Säuseln gegen Sturm «Burglind», der am 3. Januar eine alte Tanne im Königshof-Park entwurzelt hatte. Diese durchschlug das Dach und verfehlte um Haaresbreite eine Mieterin, die im Obergeschoss am Tisch sass. «Sie ist traumatisiert.» Und ausgezogen, wie ihre Vermieterin Elsbeth Hammer-Müller bestätigt.

Die Denkmalpflege: Park ist geschützt

Die Kantonale Denkmalpflege hält gegenüber Haubesitzer Hannes Sperisen fest: «Es ist richtig, dass der Park des Königshofs in Rüttenen gemäss Regierungsratsbeschluss von 1993 unter kantonalem Denkmalschutz steht. Gemäss Verordnung über den Schutz der historischen Kulturdenkmäler ist das geschützte Kulturdenkmal durch die Eigentümer so zu erhalten, dass sein Bestand gesichert ist. Es darf ausserdem ohne Zustimmung der zuständigen kantonalen Fachstellen nicht verändert werden.» Weiter führt die Denkmalpflege aus: «Die Verantwortung für den Zustand und Unterhalt der Parkanlage liegt klar bei der Eigentümerschaft. Veränderungen im Park sind möglich, wenn sie sie mit der Denkmalpflege abgesprochen und von ihr bewilligt sind. Das gilt auch für Massnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit.» (szr)

Schon 2014 hatte der grosse Ast einer Nachbarstanne ihr Hausdach durchschlagen. «Wie Speerspitzen», so die Hausbesitzerin. Dies veranlasste Nachbar Sperisen und sie noch 2014 zu einem Schreiben an die Solothurnische Gebäudeversicherung SGV. Ihre Forderung: Die Hochrisiko-Bäume nebenan seien zu fällen. Denn: «Es ist nur eine Frage der Zeit, dass es zu einem weiteren Schadenfall kommen wird. Dies insbesondere weil die Bäume alt sind und die Stürme tendenziell immer stärker werden. Aus unserer Sicht ist es nicht nur wegen der anzunehmenden hohen Versicherungsleistungen, sondern insbesondere wegen der Gefährdung der Bewohner der oberen Stockwerke der beiden erwähnten Liegenschaften notwendig, die Bäume so rasch wie möglich zu fällen.»

Wer den Schaden hat ...

Nun, nach einem Briefwechsel mit der Versicherung (vgl. Kasten unten), blieben die Bäume stehen. Doch sorgte jetzt «Burglind» für enormen Schaden und – Umtriebe. Am Haus Hammer-Müller sind es rund 200'000 Franken, für die zwar die Gebäudeversicherung aufkomme, «aber wir müssen noch Vergleichsofferten einholen.»

In seiner Hostet beziffert Hans Sperisen den Gesamtschaden auch an Obstbäumen auf rund 10'000 Franken. Er habe Kontakt mit der Haftpflichtversicherung des Nachbarn aufgenommen, doch diese habe vorerst eine Schadenregelung abgelehnt. «Vielleicht sind sie aber angesichts unseres Briefs von 2014 kulant», hofft Sperisen. Auch mit der Denkmalpflege standen die Geschädigten in Kontakt, weil die Nachbarn sich auf den Ensembleschutz des Königshofs berufen.

Die Amtsstelle teilte den beiden Liegenschaftenbesitzern dazu noch mit: «Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse hat die Eigentümerschaft (des Königshofs) Kontakt mit uns aufgenommen für eine Besprechung der Problematik. Da die Besprechung noch nicht stattgefunden hat, können auch noch keine Aussagen über mögliche Massnahmen gemacht werden.»

Ein Restrisiko besteht immer

Den Geschädigten ist klar: Die Rechtslage hilft ihnen nicht weiter. Hans Sperisen versucht es mit einem Vorschlag: «Die Gebäudeversicherung könnte doch das Fällen der Bäume bezahlen.» Denn oft seien die Kosten der Faktor, warum Risikobäume stehen blieben. Beide räumen jedoch ein, dass die Königshof-Besitzer zum Park schauen. «Im Sommer kraxelte noch ein Spezialist in der Tanne herum», weiss Elsbeth Müller-Hammer. Er hatte offenbar den nun entwurzelten Baum untersucht.

Der Königshof ist im Besitz von Felicitas und Alexander Frei, die allerdings nicht im ehemaligen Patrizierhof, sondern im fernen Engelberg ihren Wohnsitz haben. Da es sich um einen laufenden Versicherungsfall handle, möchte sie sich nicht näher zum Fall äussern, erklärt Felicitas Frei auf unsere Anfrage. Nur: «Wir sind unseren Verpflichtungen stets nachgekommen und haben uns an die Auflagen gehalten.»

Diese betreffen auch den Baumbestand im Königshof, an dessen Unterhaltsarbeiten sich regelmässig der Kanton beteilige. Der 130-jährigen Wettertanne, die aufs Nachbargrundstück gestürzt war, sei von Fachleuten eine Bruchsicherheit von 220 Prozent bescheinigt wurden. Die Tanne war auch nicht gebrochen, sondern entwurzelt worden. «Ein Restrisiko besteht immer», so die Königshof-Eigentümerin. «Zum Glück wurden keine Personen oder Tiere verletzt.»

Die Gebäudeversicherung zahlt, aber...

Der Brief der Hauseigentümer an die Solothurnische Gebäudeversicherung (SGV) hatte bei dieser 2014 Aktivitäten ausgelöst. SGV-Direktor Markus Schüpbach: «Aufgrund des Schreibens vom 5. Dezember 2014 wurde die Eigentümerin der Parzelle Königshof am 11. Dezember 2014 auf die Pflicht zur Verhütung von Schäden nach dem Gebäudeversicherungsgesetz hingewiesen.» Hans Sperisen habe von diesem SGV-Schreiben eine Kopie erhalten. Weiter erklärt der Direktor: «Die Eigentümerin des Königshofs hat uns am 14. Dezember 2014 darauf aufmerksam gemacht, dass die Parkanlage unter separatem kantonalem Denkmalschutz steht und eine Baumpflegefirma in regelmässigen Abständen durch Spezialisten die Parkanlage beurteilt, schneidet und allfälliges Totholz entfernt. Dazu wurden wir auch mit einer entsprechenden Kopie einer Offerte bedient.» Damit sei die Thematik für die SGV am 19. Dezember 2014 abgeschlossen gewesen.

Grundsätzlich könne die SGV nicht verfügen, dass ein Nachbar Bäume fällen muss, nur weil sie ein Risiko darstellen. Bei kranken oder geschwächten Bäumen in der Nachbarschaft komme das Nachbarrecht gemäss Schweizerischem Zivilgesetzbuch ZGB zum Zuge. Dem Unterhalt hat der Gebäudebesitzer nachzukommen und alles Zumutbare vorzukehren, damit keine Schäden entstehen. Das gelte auch für denkmalgeschützte Anlagen wie den Königshof. Nochmals Markus Schüpbach: «Die SGV bezahlt. Sollte die geschützte Parkanlage Königshof nicht korrekt beurteilt und geschnitten worden sein, ist ein Regress der SGV nicht ausgeschlossen.» So werde man die Wartungsarbeiten erwägen und bei Vorliegen einer Fahrlässigkeit aktiv. Doch hält der SGV-Direktor fest: «Da die Parkanlage Königshof regelmässig von Spezialisten überprüft und die notwendigen Arbeiten auch nachweislich ausgelöst wurden, beweist der Eigentümer, dass zur Verhütung von Schäden alles Notwendige unternommen wurde.» (ww)

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