Stadtbummel Solothurn
Schlangennest

Lucien Fluri
Lucien Fluri
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Bei einigen Programmpunkten an der Kulturnacht hiess es anstehen.

Bei einigen Programmpunkten an der Kulturnacht hiess es anstehen.

Hansjörg Sahli

Was für ein Schlangennest Solothurn geworden ist. Überall sind sie im Mai hervorgekrochen. Wunderbar gedeihen sie im feucht-fröhlichen Klima der Hafebar. Und erst an den Biertagen: Auch da tummelten sich am frühen Freitagabend Schlangen vor dem Eingang, und in Schlangenlinie ging manch einer etwas später den umgekehrten Weg. Und was für ein riesiges Schlänglein sich erst am Samstag vor der «Couronne» bildete. Schon früh standen sie über den ganzen Kronenplatz. Jeder wollte da rein. Und mit 6000 Besuchern war am Ende wirklich fast die halbe Stadt da. Aber was für Schlangen sich da durch die Krone schlängelten: Seifenfläschlein und Goldschildlein nahmen sie gleich mit.

Das Spiel wiederholte sich am Samstagabend. Die Kulturnacht ward eine Schlangengrube. Da ist ein Anlass an seine Grenzen gekommen. Und das, obwohl er die Generation
U-40 noch gar nicht erreicht hat.

18 Uhr, Kantonsratssaal. Willst Du die Slam-Poeten drinnen hören? Vergiss es. Die Schlange ist zu lang. Ganz knapp gelingt es noch, sich ins pumpevolle Künstlerhaus zu Jürg Halter zu drücken. Aber nicht allen. Später, bei der wunderbaren Slammerin Lisa Christ, weist die Zentralbibliothek wieder Leute ab. 20 Uhr. Endlich gelingt der Einlass in den Kantonsratssaal. Aber wieder nicht allen. Wieder steht draussen eine Schlange, deren Ende nicht in den Saal kommt. Denn mehr als 120 Leute dürfen da nicht rein. «Aus statischen Gründen», hiess es.
Was für ein Saal, der sein Volk nicht erträgt. Deshalb sind da eben Volksvertreter drin und nicht das Volk. Aber wie kommt das heraus, wenn der neue Kantonsrat am kommenden Dienstag erstmals tagt? Schwergewichte werden es schwer haben.

Dann schlängelte sich der 1. Mai Umzug durch die Stadt. Die Gewerkschaften, die SP, die Grünen, die Kurden, die Autonomen liefen da mit. Nicht ganz klar war da die Rolle der Stadtpolizei. Lief sie eigentlich mit? Sie hätte ja Grund, für ihre Arbeitsplätze zu demonstrieren. Und Unia und Stapo sind ja nun ganz dicke Freunde. Zuvorderst im Umzug lief Gewerkschaftsbundspräsident Markus Baumann, ein Derendinger (!), der vehement für die Stapo kämpft. Auf Facebook kanzelte der SP-Mann seinen Genossen Koschmann, den obersten Stapo-Abschaffer, ab: «Ich hoffe diese Blindgänger-Motion wird versenkt und der Genosse in die Schranken gewiesen!» Schlangenlinie und Zick-Zack-Kurs also auch bei der Solothurner SP. Was will die Partei eigentlich? Wer so strategisch geschickt handelt und kurz vor den Wahlen die Stadtpolizei abschaffen will, der kann doch eigentlich nur wollen, dass sie uns noch lange, lange erhalten bleibt. Dann liefen noch die Autonomen mit, zündeten Bömber und verdrückten sich nach dem Umzug mit ihrer «Fuck-Nazi»-Fahne in ihr Heim am Dornacherplatz. Das Haus übrigens, das gehört der Stadt. Also uns. Die Schlangen, die die Stadt an ihrer Brust...
Aber sei es drum. Jetzt schlängeln sich dann wieder die Bike-Fahrer durch die Stadt. Und wir schlängeln uns weiter durchs Leben.

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