Liebhaber von Klavierwerken hatten am Freitag in Solothurn die Qual der Wahl, da zeitgleich in der Rythalle Henri Sigfridsson mit Griegs Klavierkonzert sowie im Konzertsaal Adalbert Roetschi mit Mozarts KV 467 zu hören waren. Wer sich für das Konzert unter dem Titel «Schicksal Norwegens» mit Henri Sigfridsson und dem Sinfonie Orchester Biel Solothurn entschied, erlebte eine Sternstunde mit Klaviermusik aus Skandinavien. Stammen doch sowohl der norwegische Komponist wie auch der finnische Pianist aus dem hohen Norden. Der 1974 geborene Sigfridsson gehört zu den bemerkenswertesten Klaviervirtuosen seiner Generation. Der internationale Durchbruch gelang ihm – nach ersten Preisen beim Franz-Liszt- und beim Geza-Anda-Wettbewerb – mit dem «Dreifachgewinn» am Internationalen Beethoven Klavierwettbewerb 2005. Dort setzte er sich im Finale mit der Interpretation von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 durch, holte auch gleich noch den Publikumspreis und den mit der Südkoreanerin Hyo-Sun Lim geteilten Sonderpreis für Kammermusik. In der Schweiz hat sich Sigfridsson nicht nur als Tastenzauberer, sondern auch als Kammermusik- und Trio-Partner von Patricia Kopachinskaja und Sol Gabetta Reputation erworben.

Die Bewunderung des Solothurner Publikums indessen hat der Ausnahmekönner mit Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll op. 16 gewonnen. Musik, die mit düster-donnerndem Pathos, nordischer Folklore und Melancholie unmittelbar packt. Ob in Arpeggien, Trillern, Läufen oder Oktaven – bei Henri Sigfridsson erklingt selbst Schwierigstes spritzig leicht, originell und leidenschaftlich. Bei aller Meisterschaft neigt er jedoch nie zu virtuoser Selbstgefälligkeit, findet Raum für lyrische Akzente. Unglaublich flink in den Kadenzen, ging Sigfridsson auch das Finale ungemein rasch (und mit Furor das tänzerische Schluss-Presto) an. Der Gegensatz zu den verhaltenen Tönen des langsamen Satzes hätte nicht kontrastreicher gedeutet werden können. Henri Sigfridsson gestaltet dabei hoch musikalisch, mit viel Agogik und stilvollem Rubato. Das Orchester hatte hörbar Vergnügen am Zusammenspiel, war höchst aufmerksam und motiviert. Gastdirigent Charles Olivieri-Munroe hielt intensiven Kontakt zum Pianisten, und beim Schlussapplaus freuten sich beide sichtlich. Die Zuhörenden bejubelten den Solisten, Dirigenten und das Orchester, hörten nicht auf zu klatschen, bis sich Henri Sigfridsson erneut an den Flügel setzte. Als Zugabe wählte er mit Jean Sibelius den Nationalkomponisten seiner Heimat Finnland und verzauberte mit dessen melancholisch-elegischem Ohrwurm «Granen» (Die Fichte) vollends.

Dass Maestro Charles Olivieri-Munroe sehr klangintensiv arbeitet, zeigte sich auch nach der Pause mit Beethovens Sinfonie Nr. 5. Die ganze Interpretation war durchdacht und die Klangbalance innerhalb des gut disponierten Sinfonie Orchesters Biel Solothurn zumeist gut – vom pochenden Anfangsmotiv an, das oft mit dem Satz «So klopft das Schicksal an die Pforte» verdeutlicht wird, über das langsame Andante con moto im zweiten Satz, bis hin zum Schluss. Die sogenannte «Schicksalssinfonie» setzte den Schlusspunkt unter ein furioses Konzerterlebnis, das noch lange nachklingen wird.