Geschichte
Schanzenbau als «Integrations-Projekt»

In einem Referat erklärte die wissenschaftliche Mitarbeiterin am historischen Seminar der Uni Basel wie die Solothurner Steinindustrie blühte und mit der Zeit ihr Ende fand.

Katharina Arni-Howald
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Solothurner Zeitung

In Solothurn und der nächsten Umgebung gab es einst eine blühende Steinindustrie. Über den Solothurner Stein und seine Geschichte referierte Nicole Schwalbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin am historischen Seminar der Universität Basel, auf Einladung der Solothurner Steinfreunde.

Die Zeiten, als in Solothurn und Rüttenen elf Steinbrüche in Betrieb waren und zwischen 200 und 300 Arbeiter in der Steinindustrie ihr Auskommen fanden, gehören längst der Vergangenheit an.

Bis nach Sumatra

Zeugen davon begegnen wir jedoch noch heute auf Schritt und Tritt und zwar nicht nur in Solothurn, sondern auch in Basel, Bern, Zürich, Winterthur, Lausanne oder im nahen Ausland. Der begehrte Muschelkalk fand seinen Weg sogar bis nach Sumatra. Dort steht ein Siegesdenkmal, dessen Postament aus Solothurner Stein angefertigt wurde.

Aus der «Pfegetz»-Grube

Wie die wesentlich am Dorfbuch von Rüttenen beteiligte Wissenschaftlerin ausführlich erzählte, wurden bereits in der Antike Grabtafeln, Gedenksteine, Säulen und Meilensteine aus dem einheimischen Stein angefertigt und geben aufgrund ihrer Struktur und Färbung Auskunft über den jeweiligen Abtragungsort. «Die bläuliche Färbung einiger Steine aus römischer Zeit weist eindeutig auf die sogenannte ‹Pfegetz›-Grube hin», liess Schwalbach erkennen.

Daraus lässt sich ableiten, dass der längst überbaute Bruch am Blumenstein die älteste Steingrube von Solothurn war. Als gesichert gelte auch, dass zum Bau der Ringmauern des römischen Castrums ebenfalls Material aus den nördlich der Stadt gelegenen Steinbrüchen verwendet wurde, obwohl man noch weit davon entfernt gewesen sei, diese gewerblich zu nutzen.

Anziehungspunkt von Söldnern

Das damals wohl noch eher randständige Dasein des Steingewerbes änderte sich in der Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Bau der Grossen Schanze schlagartig.

Der sich über 60 Jahre dahinziehende Schanzenbau verschlang nicht nur eine ungeheure Menge an Stein, sondern zog zusätzlich zu den für die Bauarbeiten eingesetzten einheimischen Gefangenen, Bettlern und ehemaligen Söldnern auch zahlreiche auswärtige Arbeitskräfte an.

Nebst den ungelernten Arbeitern waren aber auch Fachleute wie Steinhauer und Steinmetze gefragt. Zu ihnen gehörten der aus dem Voralbergischen eingewanderte Maurer und Steinhauer Bargetzi sowie die Mitglieder der Familien Biberstein und Schnetz. Einer von Letzteren war später auch an der Ausgestaltung der Eglise Sainte-Madeleine in Paris beteiligt.

Lieber etwas abseits

Jeder, der sich für den Schanzen- oder später den Bau der St.-Ursen-Katherdrale anwerben liess, erhielt von der Stadt als Bauherrin ein Stück Land zur Selbstversorgung sowie Holz als Baumaterial für ein Haus.

Schwalbach vermutet, dass die Stadt seine Arbeiter bewusst ausserhalb der Stadt, mehrheitlich in Rüttenen, ansiedelte. «Zum einen erschien es wohl vorteilhaft, die am direkten Steinabbau beteiligten Arbeitskräfte in unmittelbarer Nähe der Steinbrüche anzusiedeln, zum anderen ist es möglich, dass die Stadt die fremden Menschen nicht innerhalb des Stadtbanns unterbringen wollte, in dem ausschliesslich Solothurner Bürger geduldet waren.»

Lobby für den Westbahnhof

Nachdem die beiden grossen Bauvorhaben abgeschlossen waren, sicherte eine rege Bautätigkeit im Profanbaubereich das Steinhandwerk. Gleichzeitig wurden neue Steinbrüche eröffnet wie etwa jener «bey Creützen». Neben der ansässigen Bautätigkeit eröffnete sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts noch ein neuer Absatzmarkt, der zu einer regelrechten Exportindustrie führte.

Dank seiner spezifischen Beschaffenheit, seiner absoluten Wasserundurchlässigkeit und seiner Dichte erwies sich der solothurnische Muschelkalkstein als geradezu ideal zur Fertigung von Brunnentrögen, die überall im Land zu sehen sind.

Entscheidend für den wirtschaftlichen Aufschwung war aber auch der Ausbau des Verkehrsnetzes. Schwalbach hat herausgefunden, dass der Standort für den Bahnhof West durch Einsprachen von namhaften lokalen Steingrubenbetreibern durchgesetzt wurde. Das sanfte Gelände von den Gruben zum Bahnhof erlaubte den optimalen Transport mit minimalem Kraftaufwand.

Zum Ende der Solothurner Steinindustrie trugen verschiedene Faktoren bei. Einer davon war das Aufkommen von anderen, weniger kräfteraubenden Erwerbsquellen wie jene der Uhrenindustrie. Viele Gruben mussten aber auch schliessen, weil keine Aufträge mehr hereinkamen oder weil die Gruben erschöpft waren.

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