Mitwirkung
Sanierung der Baselstrasse ist unbestritten – das zweite Bahngleis aber schon

Der Mitwirkungsbericht zum Betriebs- und Gestaltungsprojekt Baselstrasse zeigt ein klares Bild: Die Sanierung der Baselstrasse ist unbestritten, das zweite Bahngleis und der vorgesehene Mischverkehr stossen jedoch auf Skepsis.

Wolfgang Wagmann
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«Dass Handlungsbedarf zur Sanierung der Baselstrasse besteht, stösst auf breite Akzeptanz», betonte Kantonsingenieur Peter Heiniger zum Sanierungsvorhaben zwischen swm Baseltor-Kreisel und St. Katharinen, bei dem der Kanton als Bauherr auftritt. Mit im Boot sitzt die Aare Seeland Mobil asm als Bahnbetreiberin des «Bipperlisis», das neu doppelgleisig auf dem einen Kilometer langen Streckenabschnitt fahren soll. Dies habe, so Heiniger, in der Mitwirkung wieder die Grundsatzdiskussion um einen Bus-Ersatz der Bahn aufflammen lassen. Doch das sei kein Thema mehr, bestätigte er eine Erklärung, welche die Bahn-Verantwortlichen Anfang Januar bereits abgegeben hatten. Wie sie hielt auch Heiniger nochmals fest, dass das Sanierungsprojekt «nicht bahngetrieben» sei, und «es hat auch nichts mit dem Viertelstundentakt zu tun. Dafür braucht das Bipperlisi in Solothurn nicht zwei Gleise, denn der Kreuzungspunkt dafür ist in St. Katharinen.»

Es gibt keine Alternativen zum Mischverkehr

Heiniger ortete jedoch bei den Mitwirkenden eine grosse Skepsis, ja sogar eine Ablehnung der vorgeschlagenen Mischverkehr-Variante. «Doch dafür gibt es keine Alternative», betonte auch Patrick Kissling Cotti, Leiter Verkehrstechnik im Amt für Verkehr und Tiefbau AVT. Er verwies auf drei Studien aus dem letzten Jahren, die dies alle belegen würden. Zudem zeigte er die Funktionstüchtigkeit des Mischverkehrs in einem Kurzfilm auf, wo das doppelgleisige Tram in Wabern den Strassenraum mit täglich 17000 Autos teilt – auf der Baselstrasse seien es bloss 12000. «Es kommt in Wabern zu keinen Staus und die Trams verkehren pünktlich», versuchte er diese in der Mitwirkung oft geäusserten Kritikpunkte zu entkräften. Ein entsprechendes Verkehrs-Management sorge für reibungslose Abläufe. Befürchtungen wegen des Fluchtverkehrs aufgrund der verstopften Autobahn werde man überprüfen und bei der Planung mit einbeziehen.

Wer alles mitgewirkt hat

Insgesamt 63 Parteien haben während der offiziellen Mitwirkungsfrist vom 20. Juni bis 16. August 2019 eine Stellungnahme zur Sanierung der Baselstrasse abgegeben, darunter auch die drei Gemeinden Solothurn, Feldbrunnen und Riedholz. In Solothurn beschäftigten Fragen zu den flankierenden Massnahmen betreffend den Ausweichverkehr in Quartiere, zum Fussgänger- und Veloverkehr sowie zur Unterführung Baseltor. Der Gemeinderat reagierte unterschiedlich und gab kein einheitliches, klares Statement ab – zugestellt wurde der Bauherrschaft einfach das Sitzungsprotokoll. Feldbrunnen verlangt eine Verlagerung der Pförtner-Anlage zum Ortseingang West, Riedholz ist die Verkehrsführung während der Bauzeit und deren Kommunikation ein grosses Anliegen.

Von den Parteien äusserten sich nur die Grünen in Solothurn explizit. Unter den Verbänden ortete der VCS als Schwachpunkt die gemeinsame Nutzung des Trottoirs von Velos und Fussgängern; Procap, der Verband für Menschen mit Handicap, machte gar eine Eingabe, dass dies nicht zulässig sei. Der TCS dagegen verlangte eine Entflechtung des Verkehrs, regte sogar eine unterirdische Lösung an und kritisierte die Kosten. Das Bistum Basel äusserte Besorgnis wegen der Verkehrssicherheit. Weiter liessen sich ein Unternehmen (Migros), 26 Vertreter von Anrainer-Liegenschaften und 27 weitere Privatpersonen mit unterschiedlichsten Anliegen vernehmen. (ww)

Nochmals mit der Denkmalpflege reden

Ein zentraler Knackpunkt für die Planer ist die Organisation des Velo- und Fussverkehrs neben dem Strassenraum für Bahn und Auto. Getrennt ist das wegen der Engpässe bei denkmalgeschützten Bauten und Ensembles nicht überall möglich, was vor allem Procap als Verband für Menschen mit Handicaps gar nicht goutiert. «Wir werden nochmals mit der Denkmalpflege reden, und auslosten, ob es Spielraum gibt», will Kissling versuchen, mehr Platz für diese Bedürfnisse zu schaffen. «Aber auch Procap muss sich bewegen», appellierte er an die Kompromissbereitschaft aller Parteien. Bei vielen Anstössern ist die Erschliessung ihrer Grundstücke ein grosses Thema, das man gemeinsam angehen möchte. Und weit oben im Sorgenbarometer der Mitwirkenden stehe die eigentliche Bauphase, die noch nicht konkretisiert worden sei.

Wie geht es nun weiter?

Bis im Sommer 2022 wollen der Kanton als Bauherr und die Bahnbetreiberin Aare Seeland Mobil asm unter Einbezug von Grundeigentümern und Fachverbänden das sogenannte Vorprojekt erarbeiten. Darin sollen auch Aussagen zur Bauzeit und der provisorischen Verkehrsführung gemacht werden. Auch Verkehrsimulationen und die Prüfung von flankierenden Massnahmen gehören zum Vorprojekt. In den Jahren 2021/22 soll die Ausarbeitung des eigentlichen Bauprojekts mit einem Kostenvoranschlag erfolgen. Ebenfalls noch 2022 ist die Auflage geplant, die Ausschreibung der Bauarbeiten dann bis spätestens 2023, dem Jahr, in dem man sich den Realisierungsbeginn des Projekts erhofft. Die Dauer der Bauzeit hängt vom gewählten Verfahren ab. (ww)

Weniger Lärm und verantwortbare Kosten

Auch Umwelteinflüsse wie Lärm und Erschütterungen durch den zweigleisigen Bahnbetrieb beschäftigten die Kritiker. Die Umweltauflagen müssten eingehalten werden – «das Bahngeleise wird in einen Tramtrog mit Isolationsschicht verlegt und die Strasse erhält einen lärmdämmenden Belag», versprach Patrick Kissling gar weniger Lärm und Erschütterungen nach der Sanierung mit Doppelgeleise.

Schliesslich relativierte Peter Heiniger auch die bisher genannten Kosten von 30 bis 40 Mio. Franken. «Es handelt sich erst um eine Grobkostenschätzung. Die Sanierung mit nur einem Gleis hätte auch 22,5 bis 20 Mio. gekostet.» Man erhalte mit der Mischverkehrsvariante viele zusätzliche Verbesserungen – «das Projekt ist wirtschaftlich und hat ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis.»

Im Kreisel «chlöpfts» am meisten

«Mit der Mischverkehrsvariante wird die Verkehrssicherheit stark verbessert», ist Kantonsingenieur Peter Heiniger überzeugt. Seit 2010 wurden nämlich im einen Kilometer langen Abschnitt der Baselstrasse, der jetzt saniert werden soll, 85 Unfälle registriert, wobei 38-mal das «Bipperlisi» involviert war. Dabei wurden 29 Personen verletzt, 27 davon nur leicht. Meistens enden die Begegnungen zwischen der Bahn und Autos nur mit Blechschaden, wobei der Unfallschwerpunkt eindeutig der Baseltor-Kreisel sei. «Aber auch bei den Ausfahrten auf die Baselstrasse kommt es immer wieder zu Zusammenstössen mit der Bahn, weil man diese nicht von rechts kommend erwartet», so Patrick Kissling, Leiter Verkehrstechnik im Amt für Verkehr und Tiefbau. Solche Unfälle würden vermieden, wenn die Bahn zweigleisig in der richtigen Fahrtrichtung verkehrt. Auch zusätzliche Ampeln sollen die Sicherheit erhöhen. (ww)

Bipperlisi Solothurn
8 Bilder
 So dürfte der Baseltorkreisel mit Doppelgleis dereinst aussehen.
 So sieht die Doppelgleis-Variante bei St. Katharinen aus.
 Die Zeichner sehen die engste Stelle schon einmal plastisch.
 Auch Stadtpräsident Kurt Fluri gehört – obwohl er fleissiger Fahrgast des Bipperlisis ist – zu den Kritikern der Doppelgleis-Pläne.
 Mit dem neuen Regime hoffen die Planer auch, die hohe Unfallquote zu senken.
 Etliche Kritiker möchten das Bipperlisi dort behalten, wo es heute schon durchfährt.
 Einer der heikelsten Punkte für die Planer: der Baseltor-Kreisel.

Bipperlisi Solothurn

zvg