Jahre sind so eine Sache. Von vielen gefürchtet, vergegenwärtigen etwa Geburtstage Jahr für Jahr das, was man beim täglichen Blick in den Spiegel sieht: ein paar Krähenfüsse hier, ein graues Haar dort. Die eine oder andere Sorgenfalte vielleicht. Kurz: das Älterwerden. Doch ohne Jahre keine Erlebnisse: Im Lauf der Zeit gestalten wir unser Leben. Jahre machen uns zu dem, was wir heute sind. Und trotzdem: Was? Die «Zauberlaterne» gibt es schon seit 25 Jahren?

1993: Ich kann mich noch erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Als achtjähriges Mädchen durfte ich zum ersten Mal alleine ins Kino. An einem Samstagnachmittag, als die «Zauberlaterne» erstmals einen Film im Kino Palace präsentierte. Den samtenen Bezug der violetten Sessel fühlen, den Popcorn-Duft riechen, welch Erlebnis! Dass es den Filmclub für Kinder nun schon seit einem Vierteljahrhundert gibt und ihn die Kleinen immer noch mit funkelnden Augen und ersten Anflügen von Selbstständigkeit besuchen, macht Freude.

Samstagnachmittage in der Stadt, anno 1994. Wenn ich sie nicht mit Charlie Chaplin oder der Roten Zora verbrachte, so zwischen ausgestopften Wildschweinen und versteinerten Dinosauriern. Im Naturmuseum luden mich meine Eltern jeweils ab, wenn sie ein, zwei Stunden auf ein quengelndes Kind verzichten und ungestört durchs Stedtli schlendern wollten (vielen Dank dafür, ehrlich jetzt!). Auf diesen drei Stockwerken am Klosterplatz eröffnete sich mir die ganze Welt. Ich lernte viel, vor allem, was Zeit bedeutet: Aha, so lange waren die Dinosaurier auf der Erde, so lange gibt es die Menschheit und so wenige Jahre erst dauert mein Leben. Durch diese Relation weiss ich eigentlich, dass ein paar Jahrzehnte gar nichts sind.

24 Jahre später: Das Naturmuseum gibt es noch, seit diesem Sommer ist der Umbau fertig (zehn Jahre hat er gedauert, so viele!), und falls ich einmal Kinder haben sollte, so schicke ich sie auch dorthin. Und ich schicke sie ins Kunstmuseum. Ich würde dann Cuno Amiets Gemälde «Der gelbe Hügel» bestaunen, das vor 115 Jahren entstand und damals und auch heute noch mein Lieblingsbild ist. Mein Nachwuchs würde derweil Neues erschaffen, dort in der Ecke für Kinder, wo Stifte, buntes Papier und Leim auf ihn warteten. So wie ich damals, als ich vor über 20 Jahren dachte, ein bisschen kritzeln sei die schönste Beschäftigung auf der ganzen Welt. Rund ein Dutzend Jahre später studierte ich Kunstgeschichte. Doch das ist auch schon ein bitzeli her.

Die Zukunft besagt: In zwei Wochen beginnt die HESO. Ein Paradies für Kinder. Kugelschreiber sammeln, Berliner verdrücken, Säulirennen schauen. Letzteres gab es zu meiner Zeit noch nicht. Dafür lag die Zeit noch vor mir, als ich zum ersten Mal alleine in den Ausgang durfte, mich ins Schwingerzelt im Schanzengraben schmuggelte. Heute bin ich froh, wenn die letzten angeheiterten HESO-Gänger des Nachts nicht allzu viel Lärm vor meinem Schlafzimmerfenster machen. Wie die Jahre vergehen.