Fleht der glockenreine Sopran von Lidia Voronzova den Engel an, singt Leila Eivarsova ein Ave Maria oder bittet die graue Eminenz, Bassist Anatoly Artamonov «Gott, lass mich nicht los im Alter» - ergreift die Inbrunst, mit der die Sängerinnen und Sänger von Voskresenije die gesungenen Gebete der Ostkirche interpretieren.

Ruth Hofer aus Solothurn gehört zum Stammpublikum und schwärmte: «Die Voskresenije habe ich nun doch schon oft in Solothurn gehör. Doch erstaunt es immer wieder aufs Neue, dass es solche Prachtstimmen, so etwas Wunderbares, gibt. Mir fehlen die Worte ...»

Laut und leise

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion werden in den russischen Kirchen wieder Gottesdienste gefeiert. Weihbischof Martin Gächter rollte die Geschichte der orthodoxen Kirche und ihrer liturgischen Musik auf. Gesänge, die unmittelbar zu Herzen gehen. Jurij Maruk hat vor 20 Jahren den Chor Voskresenije, Kirchenchor der Auferstehungs-Kathedrale, gegründet und reist regelmässig mit einer kleinen Formation ins Ausland. Mühelos erfüllen die Stimmen den Sakralraum, beherrschen alle Zwischentöne und ordnen sich trotz des solistischen Könnens der Chordisziplin unter.

Vadim Radvilovich sagt die Lieder auf Deutsch an. Schlendert als Tenor die «St. Petersburger Strasse entlang» und fügt sich wieder nahtlos ins Ensemble ein. So, wie Tenor Andrei Volikov den ganzen Abend über einer unter vielen bleibt, um dann im Lied «Die Abendglocken» mit einer einzigartigen, agilen Stimme zu verzaubern.

Der junge Bariton Leonid Todorov spielt im Lied der Wolga-Schlepper mit der Klaviatur der Emotion und der ganzen Breite seiner in die Tiefe und Höhe reichenden Stimme. Die herausragende Qualität von Voskresenije liegt in den Nuancen: vom donnernden Forte bis zum verhauchten Pianissimo, von den schwierigsten Crescendi bis zum plötzlichen Abschwellen, alles klingt leicht und natürlich.

Im tiefen Keller

Jurij Maruk legt Wert auf technische und interpretatorische Feinarbeit. Dabei kommt auch die Choreografie nicht zu kurz. «La Spagnola» Leila Eivasova und Altistin Anastasia Samarina («Those Were the Days») kokettieren mit samtigem Timbre und erotischem Hüftschwung.

Steigt Publikumsliebling Anatoly Artamonov in den tiefen Keller und leert die Flaschen, sekundieren die Choristen, schütteln den Kopf. Jurij Maruk kennt die Akustik und die Möglichkeiten der Marienkirche, kommt gerne hierher.

Um dem Solothurner Publikum zu danken und ihm - neben den Ovationen im Stehen - ein überraschtes Lachen zu entlocken, servierte Voskresenije als Zugaben das auf Schweizerdeutsch gesungene «S isch mir alles eis Ding» und den als Tenorwettstreit inszenierten Gassenhauer «Kalinka».