Claude Tschanz wartet schon im Hafen Solothurn. Beim Einstieg wackelt das kleine Boot ganz schön, danach liegt es aber ruhig im Wasser. Angelruten, Köder, Sonnenhut und Stumpen, alles ist am Morgen schon bereit für den Ausflug zum Fischen. Zuerst geht es mit acht PS einige hundert Meter flussaufwärts. Dann wird der Motor abgestellt, Stille kehrt ein. Das Warten beginnt.

Abgesehen hat es Tschanz auf Egli. «Eigentlich ist es noch etwas früh dafür», meint er. «Der Fisch wird erst bei etwas wärmerem Wasser so richtig aktiv.» Bis es so weit ist, müsse man halt immer mal wieder schauen gehen. «Der kleine Raubfisch lebt im Schwarm und wandert von einer Stelle zur nächsten», weiss Tschanz. So könne es vorkommen, dass er an einem Tag gleich mehrere Fische herausziehe, am nächsten an derselben Stelle aber nichts mehr los sei.

Der Finanzverwalter der Bürgergemeinde Solothurn und Hobbyfischer angelt für den Eigengebrauch, oder um die Egli an die Söhne und Freunde zu verschenken. Das letzte Jahr sei so gut gelaufen, dass der Vorrat noch fürs ganze Jahr reichen würde.

Mit Fischer Claude Tschanz auf der Aare bei Solothurn

Mit Fischer Claude Tschanz auf der Aare bei Solothurn...

Ruhe und Gelassenheit

Mittlerweile ist das Boot an der Kulturfabrik «Kofmehl» vorbei und unter der Westumfahrung hindurch getrieben. Vereinzelt überqueren Leute die Velobrücke. Der Verkehrslärm nimmt etwas zu. Die Rute zuckt hin und wieder, doch nur, weil sie sich im Boden verfangen hat. Fische sind noch keine in Sicht. Dies bekümmert Tschanz jedoch nicht. Das Boot und die Fische seien nur Nebenprodukte. «Ich gehe auf die Aare, um abzuschalten.» Nach einem langen Tag im Büro geht er abends aufs Boot.

«Erst einmal auf dem Wasser, ist man in seiner eigenen Welt.» Ruhe, frische Luft um die Nase und eine ganz andere Perspektive auf die Stadt. Nach Ein-Zwei Stunden sei dann alles wieder gut. Und wenn ein künftiges Egli-Filet noch anbeisst: umso besser. Nerven würde er sich einzig über eigene Fehler. Wenn sich zum Beispiel die Angelschnur beim Auswurf im Geäst eines Baumes verfange. Und vielleicht ein wenig über die «Freizeitler» im Sommer. Wenn diese nämlich auf Konstrukten aus Luftmatratzen und mit Bierdosen die Aare unsicher machen.

Rechts zieht der Krummturm vorbei, die Eisenbahnbrücke ragt vor dem Boot auf. Man könnte kaum meinen, dass man sich in einer Stadt befindet. So weit weg scheint der Alltag am nahen Ufer. Tschanz zieht die Angelschnur ein und startet den Motor. «Im Rahmen der zweiten Juragewässerkorrektion in den Siebzigerjahren wurde der Fluss mit einem riesigen Bagger vertieft», weiss er zu berichten.

Aufgrund der Brücken sei dies im Bereich der Altstadt jedoch nicht möglich gewesen. Hier sei der Flussboden noch natürlich und uneben. Aus diesem Grund, und wegen den zahlreichen Gegenständen im Flussbecken im Bereich der Wengi- und Kreuzackerbrücke, werfe er hier seine Rute gar nicht erst aus. Hinter der Rötibrücke wird der Motor gestoppt, die Angel wieder ausgeworfen. Weiter geht die Suche.

Am Bleistück am Ende der Angelschnur steckt ein gesalzenes Gummistück. Das Salz soll sich im Wasser lösen und die Fische anziehen. Das Gewicht zieht den Köder gleichzeitig bis auf den Boden des Flusses, also dorthin, wo sich die Egli auch aufhalten sollten. Die Schnur wird dann langsam dem Grund entlang dem Boot hinterhergezogen. Verfängt sich der Köder im Boden, wird der Motor gestartet, und das Boot so weit zurückgefahren, bis die Rute wieder frei ist. Aus diesem Grund kann sich Tschanz auch nicht mehr vorstellen, vom Ufer aus zu angeln: «Wenn sich die Rute da verfängt, ist es vorbei. Dann hilft nur noch rupfen.»

Das Fischen im Blut

Links ziehen die Tennisplätze vorbei, es geht unter der roten Velobrücke hindurch. Ein Schmunzeln erscheint auf dem Gesicht von Tschanz: «Dies war unser Revier.» Er ist im Schützenmatt-Quartier aufgewachsen. Sein Vater habe ihn regelmässig zum Fischen mit ans Ufer genommen. Das hat ihn geprägt. Lange Zeit nur selten dazu gekommen, ist er seit zehn Jahren wieder regelmässig auf der Aare. Und zwar nur hier in der Region: «In Gewässern zu fischen, die man nicht kennt, bringt nichts.»

Tschanz zeigt ans nördliche Ufer. Hier habe er vor acht Jahren seinen bisher einzigen Unfall gehabt. In Ufernähe ist das Boot gekentert. Glück im Unglück, wie er meint. Ob er sich in der Flussmitte hätte retten können, bei voller Strömung und vollgesogener Kleidung, weiss er nicht. Doch selbst diesen Zwischenfall betrachtet er mittlerweile mit Humor. Eine Passantin habe ihn damals gefragt, ob sie für ihn die Polizei rufen solle oder ob er dies selber tun könne. Als Antwort habe er einfach sein Handy aus der Tasche gezogen. Aus dem Akkufach und dem Bildschirm rann Wasser.

Noch immer hat nichts angebissen. Also wird der Motor wieder gestartet, es geht zurück an den Anfang. Mitten durch das ruhige, morgendliche Solothurn. Vor dem Hafen wird die Rute nochmals ausgeworfen. Nach kurzem Warten aber immer noch nichts. Dann eben nicht. Sich jetzt darüber aufregen mag er nicht. Er konzentriere sich aufs Positive: die Ruhe, die Natur und das schöne Wetter. Und was er nicht ändern könne, das lasse er halt sein. Er startet den Motor und fährt davon. Zurück zum Anleger, zurück in den Alltag.