Auf dem Feld bringen Briten mit der Postur von Kleiderschränken den Untergrund zum Beben, Köpfe werden in den Boden gehauen, Fäuste fliegen – und Zähne. Das Prinzip des Stärkeren wird beim Rugby unzimperlich nachinszeniert. Zum Glück schaut die Sportart aber nur in der überzeichneten Comicdarstellung des Galliers Asterix so aus. Und in der Vorstellung der meisten, die den Sport nur vom Hörensagen kennen.

Die Realität sieht für die Spieler ein gnädigeres Schicksal vor als das Comicheft. Dies weiss auch der 26-jährige Präsident des Rugby Clubs Solothurn, Andreas Miescher, wenn er über den Sport und den Verein spricht. «Leute, die zum ersten Mal einen Match schauen kommen, grübeln lange, bis sie die Spielregeln begriffen haben, revidieren aber bald vorgefertigte Meinungen.» Zwei Grundregeln bleiben hängen. Erstens: Sicherheit ist vorrangig. Zweitens: Gepunktet wird, wenn der Ball am Gegner vorbei tief in die andere Feldhälfte gelangt. Doch hinter dem «Wie?» liegt eine Wissenschaft.

«Wie ein geköpftes Huhn»

Dabei musste auch Miescher, der aktiv mitspielt, den Sport vor Jahren zunächst beschnuppern, bevor er ihn lieben lernte – und zwar dort, wo Rugby zu Hause ist: Während der Kantizeit weilten er und Schulkollege Matteo Ferraro als Austauschschüler in der Weltmeisternation Neuseeland und standen dort erstmals auf dem Feld – ziemlich unbeholfen, wie Miescher selbst zugibt.

Ganz anders zurück in der Schweiz, wo die beiden schnurstracks in die Juniorenmeisterschaft geschickt wurden. Und dann stiess ihr neu eingehauchter Sportgeist auch noch auf einen Förderer: Kantilehrer Reto Stampfli war bereits vorher passionierter Rugbyspieler. Unter seiner Ägide entstand alsbald ein Freikurs. «Ohne ihn wäre es weder zur Idee, noch zur Umsetzung dieses Freikurses gekommen», sagt Miescher. Oder zur Maturaarbeit «Rugby in der Schweiz», die er als Kantischüler bei Stampfli verfasste. Autodidaktisch verfeinerten die Pioniere ihr Wissen. Bald interessierte der wöchentliche Freikurs auch Sportbegeisterte ausserhalb der Kantonsschule. Vereinzelt kamen auch weibliche Mitspieler auf den Geschmack, was aber wieder verebbte.

Am 12. Dezember 2007 wurde der Rugby Club ins Leben gerufen, 2008 war der Verein erstmals bei einer Meisterschaft dabei, um den «Ernstfall» zu proben. Denn Übung allein macht noch lange nicht den Rugby-Meister: Bloss durchs Training ist man vom Turniererlebnis noch meilenweit entfernt. «Man kann keinen Match im Training simulieren», sagt Miescher. «So kann es sein, dass man beim ersten Spiel wie ein geköpftes Huhn umherirrt und sich geradesogut auch in die Ecke setzen könnte.» Er selbst sei bei seinem Matchdebüt während 80 Minuten am falschen Ort gestanden. Hinzu kommt die Anspannung, sobald man hilflos einer Mauer an Gegnern gegenübersteht.

Beeinflusst vom rugbyverrückten Frankreich hat der Sport hierzulande vor allem in der Romandie Fuss gefasst. «Dort gibt es die besten Spieler», sagt Miescher. Und auch das Angebot im Bereich Nachwuchsförderung sticht dort heraus, während in der Deutschschweiz eine Juniorenliga fehlt.

Dafür deutet Miescher nicht ohne Stolz auf das Alleinstellungsmerkmal des Solothurner Vereins, der in der dritten Nationalliga rangiert: «Unser Club ist wohl der einzige, in dem vorwiegend Schweizerdeutsch gesprochen wird.» Häufig von Expats gegründet, werde sonst oft französisch oder englisch gesprochen. Eins sei sicher: «Wir haben alle Charakteristika einer Randsportart. Die Schweiz hat nicht sehnlichst darauf gewartet, Rugby zu spielen. Wir befinden uns da im Bugwasser der Sportarten», so Miescher.

Rugby ist Kontaktsport

Dass der Sport indes missverstanden wird, liegt nicht bloss an Klischees und Unwissenheit. Miescher weiss: Meist schaffen es vor allem Bilder blutiger Köpfe und Schlagzeilen über Wadenbeisser in die Presse. «Eines lässt sich nicht wegreden: Rugby ist ein Kontaktsport. Doch das Ausmass an Gewalt wird überschätzt.»

Vielmehr birgt Rugby als Sportart Schätze, die über die Freude am Sport hinausgehen – sondern die Geselligkeit in den Fokus rücken: «Es gibt hier keine Alleingängermomente, sondern nur Teamplay.» Es braucht den Einsatz eines jeden einzelnen in seiner Funktion. «Die Solidarität ist wichtig.»

Ebenso das Wissen um die eigene Rolle: Nicht weniger als 15 verschiedene Feldpositionen enthält der Sport, abgestimmt auf die Gewichtsklasse, Grösse, vor allem aber auf die Persönlichkeit des Spielers. In der Position vier stehen beispielsweise grossgewachsene «Zweite-Reihe-Stürmer», die den Ball möglichst für die eigene Mannschaft fangen müssen. In der Position neun hingegen ist ein flinker Spieler von Vorteil, der den Ball aus einem sogenannten Gedränge herausholen muss. Aber: «Es wäre ein grosser Fehler, jemanden allein aufgrund seiner Postur auf eine bestimmte Position zu stellen.»

Schwalben und Drama gibts nicht

Der Club umfasst zurzeit 63 Spieler, der jüngste Spieler ist 12, das älteste regelmässige Aktivmitglied 39. Interessierte, die reinschauen, haben ihre Wurzeln oft in einer anderen Sportart. «Ein 20-Jähriger, der zu uns stiess, war Leistungsträger in einer Sportart, die ihm nicht mehr zusagte.» Beim Rugby Club hingegen habe er endlich sein Ventil gefunden und sei zum Schluss gelangt: «Das bringt mir was.» «Wenn andererseits Leute zu uns kommen, die in anderen Sportarten möglicherweise wegen ihrer Postur zurückgewiesen wurden, tut dies weh.»

Umso schöner sei es, wenn sie im Rugby eine neue Leidenschaft entdecken. «Oder jene, die am Anfang noch abwehrend einwenden, keinen sportlichen Ehrgeiz zu haben, sind wenig später die verbissensten Hunde im Club und befolgen strikte Fitnesspläne.» Mentale Stärke ist denn auch von grosser Wichtigkeit: «Wer zu Boden geht, steht schnell wieder auf», sagt Miescher. Schwalben und Dramen sind gerade auf dem Rugbyfeld nicht gern gesehen. «Und wenns wehtut, sucht man die Fehler nicht bei den anderen, sondern bei sich selbst.» Schmerz nimmt man tapfer in Kauf – auch wenn sich Kollisionen durch eine gute Technik vermeiden lassen. Auf der anderen Seite lassen es sich die Rugbyspieler dann aber auch nicht nehmen, ihrer Sportart auf gemütliche Weise zu frönen – als Zuschauer vielleicht: So ist am 18. September die Weltmeisterschaft in England. «Da freuen wir uns wie kleine Kinder drauf.»