Nach 21 Jahren als Forstbetriebsleiter haben Sie nun die Bürgergemeinde Solothurn verlassen müssen. Doch über die Gründe für das «müssen» schweigt Ihr ehemaliger Arbeitgeber. Nicht gerade schön.

Ruedi Iseli: Ein Stillschweigen ist nie vereinbart worden, die Pressemitteilungen liessen es allerdings so erscheinen. Was der offenbar unüberbrückbare Konflikt war, ist nach wie vor unklar und wurde leider auch nicht offen und gemeinsam angegangen.

Aber schöne Seiten brachte Ihre Position sicher auch mit. Die grösste Waldfläche des Kantons unter sich zu haben, birgt ja bereits einen speziellen Reiz in sich.

Ja, das stimmt. Das Spannungsfeld zwischen kurzfristigen wirtschaftlichen Zielen und der Wahrnehmung langfristiger öffentlicher Interessen am Wald ist für jeden Forstbetriebsleiter eine interessante Herausforderung. Wald ist nicht nur Holz. Er ist beispielsweise auch Kulturerbe und «geschichtliches Gedächtnis»: Ein Grossteil dessen, was frühere Generationen zurückgelassen haben oder Naturprozesse hervorbrachten, ist durch die intensive landwirtschaftliche Bodennutzung verschwunden. Der Wald aber hat diese alten Spuren konserviert. Denken wir nur an die unzähligen Findlinge in unseren Wäldern, an archäologische Objekte oder an frühere Kohlplätze, kultische Relikte wie Grabhügel und anderes. Der Wald ist ein unschätzbarer Lernort für die junge Generation, der auch Identifikation schaffen kann.

Die Bürgergemeinde als Waldbesitzerin steht also in der Verantwortung?

Der ausgedehnte Waldbesitz der Bürgergemeinde Solothurn bedeutet einerseits Verpflichtung und Verantwortung. Andererseits ist dieses Erbe auch ein Privileg und eine riesige unternehmerische Chance, die natürliche Ressource «Wald und Landschaft» für die kommenden Generationen sinnvoll zu gestalten und regionalwirtschaftlich in Wert zu setzen.

In den letzten 21 Jahren hat sich in den früher Forstämter genannten Forstbetrieben viel verändert. Auch beim Management . . .

Die Forstwirtschaft in der Schweiz ist dadurch geprägt, dass sie traditionell zu grossen Teilen in der Hand öffentlicher Gemeinwesen liegt. Vor gut 20 Jahren begann sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass auch öffentliche Verwaltungen nach unternehmerischen Grundsätzen zu führen sind. Man begann richtigerweise auch in der Forstwirtschaft, mit den Managementtechniken der Privatwirtschaft zu arbeiten. Und so hielten auch in den Forstbetrieben Begriffe wie «Produktestrategie», «Controlling», «Kennzahlen» oder «Benchmarking» Einzug.

. . . und bei der Technik. Stichworte sind Begriffe wie Vollernter oder Kahlschlag . . .

Eine wirtschaftliche Holzernte ohne grosse Maschinen ist heute undenkbar. Doch auch mit diesen lässt sich der Wald ohne Rückgriff auf Kahlschläge und verantwortungsvoll bewirtschaften.

Der Wald muss rentieren – auch wenn Rahmenbedingungen wie die Holzpreise noch so schlecht sind. Hält der Wald das überhaupt aus, ohne dass er langfristig Schaden nimmt?

Der Wald selbst hält viel aus. Die Frage ist, ob die Entscheidungen, die der Waldeigentümer aus kurzfristiger Optik trifft, nicht langfristig gesehen seinen eigenen Zielen widersprechen. Der Forstbetrieb wird tatsächlich primär an seinen jährlichen Rechnungsabschlüssen gemessen. Dabei vergisst man oft, dass sich unser heutiges Wirken im Wald ganz stark auf das zukünftige «Kapital Wald» auswirkt, ohne dass dies mit der heutigen Rechnungslegung erfasst wird.

Die andere Richtung – oft nur als reine Kostensenkungsmassnahme eingeschlagen – ist das Überlassen des Waldes der Natur. Ist der Urwald ohne Nutzung, ohne Hege und Pflege, ohne Aufforstung ein Zukunftsmodell?

Ja, es ist eines von vielen möglichen Zukunftsmodellen. Dieses sollte nicht aus ideologischen Gründen verteufelt oder gegen andere Konzepte ausgespielt, sondern dort eingesetzt werden, wo es Sinn macht. Zum Glück ist der Waldeigentümer in der Wahl seiner Ziele viel freier als man gemeinhin annimmt. Er sollte diese Freiheiten unternehmerisch nutzen. Die Bürgergemeinde Solothurn ist Pionierin betreffend Waldzertifizierung und Waldreservaten. Letztere zahlen sich dank langfristiger Verträge mit dem Kanton auch finanziell aus.

Gerade die Bürgergemeinde sieht sich massiv mit der Waldnutzung für den Tourismus und die Freizeit konfrontiert. Stichworte sind die Einsiedelei, der Wengistein, der neue Megalith-Weg. Wie gingen Sie mit dieser Anspruchshaltung um?

Die Ansprüche der Allgemeinheit an den Erholungsraum Wald sind oft unbequem und belasten den Waldeigentümer finanziell, beispielsweise e durch erhöhte Sicherungskosten. Trotzdem müssen wir die Freizeitbedürfnisse der Menschen respektieren. Den Waldbenutzer als willkommenen Kunden zu sehen, eröffnet auch Chancen. Die Waldeigentümer werden in Zukunft nicht nur Produzenten, sondern vor allem auch Dienstleister sein. Die Substanzerhaltung und Inwertsetzung der einzigartigen Kulturlandschaft Verenaschlucht, Einsiedelei, Kreuzen und Wengistein ist ein gutes Beispiel dafür.

Was darf der Wald die Leute kosten, die sich dort viel aufhalten und ihm auch einiges abverlangen?

Bei der Nachfrage der Erholung suchenden Waldbenutzer und den entsprechenden Leistungsangeboten der Waldeigentümer handelt es sich - ökonomisch gesprochen – um sogenannte öffentliche Güter, die sich bekanntlich nicht mit den Mechanismen des Marktes regeln lassen. Daher sind wir hier bei einer Frage der Politik, die zu entscheiden hat, wie viel der Wald und seine Dienstleistungen dem Steuerzahler wert sind. Da sind vermehrt die Gemeinden, die ja direkt von der Naherholungswirkung des Waldes profitieren, ergänzend zu Kanton und Bund als Leistungseinkäufer angesprochen. Zudem finde ich, dass die Leistungen, die im öffentlichen Interesse liegen, nicht immer mit Steuergeldern finanziert werden müssen. Auch privatwirtschaftliches Sponsoring könnte vermehrt eine wichtige Rolle spielen.

Heikel ist auch die Waldplanung. Was man gestern noch mit viel Optimismus aufgeforstet hat, wird heute plötzlich zum wirtschaftlichen Risikofaktor. Wir reden von riesigen Flächen kranker, todgeweihter Eschen und anderen Baumarten.

Waldkrankheiten wie auch die Risiken des Klimawandels nehmen tatsächlich zu und erschweren eine langfristige Produktionsplanung massiv. Die naturnahe Waldbewirtschaftung ist bei weitem nicht nur eine Forderung der Ökologie und des Naturschutzes, sondern auch das richtige ökonomische Konzept, um kurz- und langfristig betriebliche, und damit letztlich auch finanzielle Risiken zu minimieren.

Noch fehlt Ihnen ein halbes Jahrzehnt bis zum Pensionsalter. Das Kapitel Bürgergemeinde ist vorbei. Schlagen Sie noch ein neues auf?

Es ist schon aufgeschlagen. Nebst meiner 50-prozentige Anstellung in Solothurn habe ich seit langem zusammen mit meiner Partnerin und jungen Mitarbeitern ein forstliches Planungs- und Beratungsbüro in Olten betrieben. Ich freue mich darauf, meine ganze Arbeitskraft dem Ausbau dieser Tätigkeit widmen zu können.