Rückbau Spital
Junge Drosseln und Turmfalken: Die Kinderstube auf dem Balkon des Zimmers 0238 im Bürgerspital

Diesen Frühling hat man wilden Nachwuchs im und um das leerstehende Bürgerspital entdeckt. Um die jungen Drosseln und Turmfalken zu schützen, hat man Massnahmen ergriffen. Genützt hat es nur teilweise.

Judith Frei
Drucken
Der Turmfalke ist in Mitteleuropa weit verbreitet.

Der Turmfalke ist in Mitteleuropa weit verbreitet.

Fritz Liechti (Symbolbild)

Im April schaute eine Besucherin aus dem Fenster des neuen Spitals und wurde Zeugin einer kleinen Naturshow: Zwei Turmfalken verjagten Tauben und Krähen rund um das alte Bettenhaus des Spitals Solothurn. Die Greifvögel landeten immer wieder auf einem Balkon im obersten Stock des Spitals. Für die Besucherin war klar, was das zu bedeuten hat. Die Turmfalken sind werdende Eltern, das Bettenhaus die Kinderstube.

Die Grenchnerin weiss auch, dass das Bettenhaus bald abgerissen werden soll. Doch was geschieht nun mit der gefiederten Familie im obersten Stock? Die Frau richtete sich an verschiedene Stellen, wurde immer wieder weiterverwiesen, bis sie Peter Fluri vom Naturförderverein Solothurn am Draht hatte und das Gesehene schilderte. Dieser hat Kontakt zum technischen Dienst des Spitals und meldete ihm den Fund. Und tatsächlich: Im Zimmer 0238 liegen fünf Turmfalkeneier.

Diese Eier sind nicht der erste Fund, den man während den Vorbereitungen zum Rückbau des Bettenhauses gemacht hat. In den Bäumen vor dem leerstehenden Bürgerspital fand man Anfang Mai zwei Drosselnester, in einem Nest sind die Tiere damals schon geschlüpft.

Diese Funde sind nicht zufällig geschehen. Das Jagdgesetz des Kantons Solothurn schützt Vögel während der Brutzeit. Da beim Bürgerspital Bäume und Sträucher während der Vogelbrutzeit gefällt werden mussten, wurden entsprechende Kontrollen gemacht.

Schutzmassnahmen für die Tiere während des Rückbaus

Bevor man also mit dem Rückbau des Spitals beginnen konnte, mussten Massnahmen zum Schutz der Vögel getroffen werden. Dafür wurde auch der Experte der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach, Jacques Laesser, herbeigezogen. Er ist Spezialist für den Lebensraum der Tiere im Siedlungsgebiet und berät in der Folge die Bauleitung, welche Arbeiten unter diesen Umständen möglich sind.

Ausserhalb des Gebäudes war die Frage, ob der Baukran wegen der Drosselnester überhaupt aufgestellt werden und die Nottreppe rückgebaut werden kann. In diesem Zusammen wurde kein Problem gesehen, die Arbeiten konnten wie geplant durchgeführt werden. Im Bettenbau hingegen wurden Massnahmen beschlossen, um die Falken zu schützen. Das Gerüst sollte nicht bis oben gebaut werden, bei der Entkernung im Innern das Zimmer 0238 ausgelassen werden und auch der vorgesehene Rückbau von oben nach unten sei so nicht möglich.

Diese Bestimmungen traf man in der ersten Maihälfte. Doch dann kamen Mitte Juni die traurigen Nachrichten. Die Falken wurden nicht mehr gesichtet, ein Ei ging sogar verloren. Und seit der ersten Sichtung der Eier sind 42 Tage vergangen, die normale Bebrütungszeit dauert nur 30 Tage. Der Vogelspezialist Laesser sah kein Grund mehr, die Brut weiter zu schützen, die Arbeiten können normal fortgesetzt werden.

Die Einschätzung des Experten

Dass es schlussendlich doch nicht geklappt hat und keine Jungen geschlüpft sind, war für Laesser eine Enttäuschung. Aber er betont:

«Es hat sich gelohnt, dass wir alles versucht haben. Zum Schluss haben alle super mitgemacht – ausser die Turmfalken. Es gibt nie eine Garantie, dass die Eier schlüpfen. Das gehört zur Natur.»

Was er hier in Solothurn gesehen hat, erstaunte ihn nicht. Turmfalken würden mehrheitlich aber in ländlichen Gebieten nisten. «Die Turmfalken bauen keine eigenen Nester und übernehmen typischweise Nester anderer Vögel oder nisten im Felsen auf Sanduntergrund», erklärt der Ornithologe. Er vermutet, dass das Falkenpaar das Gebäude ausgesucht hat, weil es dort ruhig war.

Wieso die Jungen nicht geschlüpft sind, kann Laesser nicht abschliessend beantworten. Es gebe Hinweise, dass es sich hier um ein junges und unerfahrenes Falkenpaar gehandelt hat. «Der Nistplatz war nicht ideal, das ist ein Hinweis, dass die Falken noch nicht viel Erfahrung haben», führt er aus.

Man habe alles gemacht, um den Tieren ein möglichst ruhiges Umfeld zu ermöglichen. Laesser ist überzeugt, dass alle Beteiligten die Angelegenheit ernst genommen haben und dass für die Tiere genug getan wurde. Dass die Falken sich trotzdem gestört gefühlt haben, könne auch ein Grund sein, dass deswegen die Jungen nie geschlüpft sind.

Es gibt noch Verbesserungspotenzial

Peter Fluri vom Naturförderverein pflichtet Laesser bei, dass hier alles Erdenkliche getan wurde, um die Vögel zu schützen. Trotzdem sieht er bei uns noch Verbesserungspotenzial: Das Bewusstsein, dass der Lebensraum der Gebäudebrüter wie eben der Turmfalken oder der Mauersegler durch bauliche Veränderungen an Gebäuden bedroht wird, sei noch nicht da. Das habe schon nur gezeigt, dass es für die Entdeckerin der Turmfalken schwierig gewesen sei, die zuständige Stelle zu finden.

Im Kanton Zürich gibt es ein Merkblatt für den Schutz und Förderung dieser Tiere. Der Naturförderverein findet es sinnvoll, dass es auch in unserem Kanton ein solches Merkblatt mit verbindlichen gesetzlichen Grundlagen gibt und er will auch bei den Bauämtern und Architekten ein Bewusstsein für diese Angelegenheit schaffen.