Die aufklärerischen Sechziger- und Siebziger-Jahre waren Nährboden für Ideen, wie Schulunterricht auch aussehen kann. In Solothurn sprossen reformpädagogische «Pflänzchen» aber relativ spät: Erst 1969 fiel im Kanton – und damit schweizweit zuletzt – das Schulmonopol. Auch wenn es acht weitere Jahre dauern sollte: Die Aufhebung dieser Schranke ermöglichte den Aufbau einer Schule, die sich an der anthroposophischen Lehre ausrichtete.

Fritz Linder war während seiner Lehrerausbildung mit Steiners Werk und der Waldorf-Pädagogik in Berührung gekommen. Als noch das Verbot Bestand hatte, unterrichtete Linder an der Steiner-Schule Basel. Ab 1969 aber witterte er Morgenluft, und fand durch viele Vorträge für interessierte Eltern einen Gesinnungskreis für seine idealistischen Pläne.

1976 gründete Linder dann den Steiner-Schulverein – und am 25. April vor 40 Jahren begann im Gebäude der ehemaligen Uhrenfabrik Roamer der Unterricht. Von anfänglich drei Klassen wuchs die Schule an, sodass vier Jahre später der Umzug ins leerstehende Gebäude der Zifferblattfabrik Cosandier an der Allmendstrasse folgte. Die 40-jährige Geschichte ist Grund fürs Kollegium, die Eltern und die Schüler, das Jubiläumsjahr mit einer Schulfeier als Auftakt (morgen Freitag, 19 Uhr, im Landhaus für alle Interessierten) zu beginnen.

Einsatz für das andere Lernen

Ebenso ist das Jubiläum Anlass für einen Blick auf die Schulentwicklung. Seit je stehen im Zentrum das etwas andere Menschenbild und die Unterrichtsmethoden. «Das Vorurteil, dass die Waldorf-Pädagogik die Kinder in Watte packt, hält sich hartnäckig», weiss Ursula Remund, die die Schule mit Achim Stoltenberg leitet. «Die lernen und können nichts», ist denn auch eines der gängigsten Klischees. Fakt ist: Es wird lediglich anders gelernt. Stoltenberg erklärt: «Die Kinder sollen sich für das, was sie lernen, interessieren können.»

So werden die in staatlichen Schulen dominanten Lernziele zurückgestellt. «Stattdessen gewichten wir die Bedürfnisse höher, die Kinder in ihrer Entwicklung haben.» Aufgabe der Lehrerschaft sei es, das natürliche Interesse zu wecken und zu fördern.

«Natürlich lässt sich nicht jeder Jugendliche für alles begeistern», weiss Remund. «Aber vorrangig ist, dass die Fächer gleichwertig behandelt werden: So können alle Kinder das Gefühl erlangen, irgendwo gut zu sein, sei es beim Rechnen oder beim Werken.» Oder im Gartenbau: Draussen beschäftigen sich Fünftklässler gerade mit Baumpflege. «Keiner stellt die Frage, ob er mal Gärtner werden will und oder wozu er das Erlernte braucht», sagt Stoltenberg. «Ausserdem könnte man sich dies auch beim Bestimmen von Satzteilen fragen.»

Spätestens ab der sechsten Klasse machen sich die ersten Aussteiger bemerkbar. «Dann kommt manchmal die Panik auf, der Rückstand gegenüber dem staatlichen Unterricht lasse sich nicht mehr aufholen. Einzelne Eltern nehmen ihre Kinder dann leider raus.»

Dabei holen die Schüler in den oberen Klassen bis zur zwölften wieder auf, sodass sie «fit für den Übertritt sind», so Remund. Auch schlagen viele Steiner-Schüler schweizweit die akademische Laufbahn ein, was aber ebenso mit den vielen bildungsnahen Elternhäusern zusammenhängt. Kurz: Was im entschleunigten ersten Teil der Schullaufbahn fehlt, wird in den höheren Stufen aufgeholt.

Nicht zuletzt bereichern Praktika und Projekte ab der neunten Klasse den Schulalltag – auch ausserhalb der Schule und sogar im Ausland. Und ab dem zehnten Schuljahr erleben sie während eines Trimesters die Arbeitswelt in einem Betrieb.

Wieso entscheiden sich Eltern für die Steiner-Schule? Die Schulleiter kennen viele Gründe. Einerseits, weil Eltern selbst hier die Schulbank drückten. Dann gibt es Schüler, die von schlechten Schulerfahrungen geprägt wurden; oder Quereinsteiger, die mit Versagensängsten zu kämpfen hatten. Oder Eltern, die der Verschulung des Kindergartens kritisch gegenüberstehen. Ablehnen muss die Steiner-Schule Kinder, die einer heilpädagogischen Richtung zugeteilt wurden und deren Eltern deshalb eine Alternative suchen.

Kampf gegen Geldengpässe

Die existenziellste Herausforderung, mit der die Steiner-Schule zu kämpfen hat, sind die Finanzen. Die Eltern zahlen pro Familie einen einkommensabhängigen Schulgeldbetrag, mindestens aber 675 Franken pro Monat. Den tiefen Ansatz müssen ungleich höhere Beträge aus besser situierten Familienhaushalten ausgleichen können. Zuvor galt: Jeder zahlt, soviel er will. «Gerade unter dem alten Finanzierungsmodell sind wir nicht selten an der Schliessung vorbeigeschrammt», weiss Remund. Doch auch in den vergangenen Jahren rang man stets um Geldfragen, nicht zuletzt wegen eines Rückgangs an Familien. Seit diesem Jahr ist die Tendenz aber wieder steigend.

Dennoch: «Ein sorgfältiger Umgang mit Geld ist nötig», sagt Stoltenberg. «Wir unterrichten in alten Gebäuden und oft mit gebrauchtem Mobiliar.» Die im selbstständigen Erwerb tätige Lehrerschaft kennt bloss variable Honorare. Klar ist: Wer hier unterrichtet, tut es aus Idealismus. Andererseits sind aber auch Spenden und die freiwillige Unterstützung der Eltern hilfreich und nötig für den Schulbetrieb. Bei Anlässen, im Schulladen oder bei Unterhaltsarbeiten an den Gebäuden helfen die Familien mit. Soviel ist sicher: Idealismus ist es, der diese Schule in Schwung hält.