«Wer ist dieser Häsler?» Die Frage stellt sich Regisseur Enrique Ros zu Beginn seines Films «Rudolf Häsler – Odisea de una Vida». Rudolf, auch bekannt als «Ruedi» Häsler, ist Maler. Der Regisseur Ros stösst bei einer spanischen Ausstellung auf dessen Werke. Ros ist fasziniert von den fotorealistischen Bildern, die Spanien in den 60er Jahren zeigten. Und erstaunt über den Namen, der so gar nicht spanisch klingt.

Häsler ist Schweizer, geboren in Interlaken. Später zieht er nach Welschenrohr, besuchte die Kantonsschule Solothurn und wurde Lehrer. Er unterrichtet in Boningen und Balsthal, aber nicht lange. Wie kam es dazu, dass er später zu einem bekannten spanischen Künstler wird? Ein Künstler, den man im eigenen Heimatland kaum kennt?

Der Minister unter Fidel Castro

Diese Antworten will der Film liefern. Er berichtet von Häslers Lebensgeschichte. Eine Geschichte voller Reisen. Der Maler reist nach Nordafrika, Spanien und Kuba, später auch Japan. Auf einer Spanienreise begegnet er seiner zukünftigen Frau, einer Kubanerin. Mit ihr zieht er in deren Heimatland, in dem die Revolution tobt. Häsler steigt in diesem kommunistischen System auf: Er wird Minister für Kultur und Handwerk, nach Che Guevara ist er der zweithöchste Ausländer im Regime von Fidel Castro.

Zwölf Jahre lang prägt Häsler Handwerk und Kunst in Kuba. Bis er nicht mehr überall mitmacht – und etwa keine Uniform tragen will. Häsler wird vorgeworfen, ein CIA- Agent, ein ausländischer Spion zu sein. Er flüchtet mit seiner Frau nach Spanien, und zieht in eine Villa in Sant Cugat bei Barcelona. In dieser Villa lebt bis heute die Familie Häsler: Frau und Kinder, die Vornamen spanisch, der Nachname schweizerisch. Sie alle sind Künstler geworden. Häsler ist 1999 in seinem spanischen Heim verstorben. Bis zum Tod widmete er sich dort ganz der Kunst. Fotorealistische Malereien, von Gebäuden und Strassen, Läden und Menschen. Heute gilt er als einer der Gründerväter des Neuen Realismus. Bekannt in Spanien – weniger in der Schweiz.

Rudolf Häsler – Odisea de una vida

Rudolf Häsler – Odisea de una vida

Solothurner Stimmen im Film

Auch dieser Widerspruch veranlasste Regisseur Ros, den Film zu drehen, erklärt er an den Solothurner Filmtagen im fast ausverkauften Konzertsaal. «Ich habe mich gefragt, wie eine Figur wie Häsler in seiner Heimat so unbekannt sein kann», so der Regisseur mit spanischen Wurzeln. Nur an einem Ort kannte man den Maler: in Solothurn. Der Film bestätigt das. Verschiedene Solothurner haben kurze Auftritte, erzählen von Häsler und seinem Schaffen. So etwa Eddy Schneitter, Besitzer des ältesten Coiffeursalons der Stadt Solothurn.

Oder Theres Munzinger vom städtischen Trachtenverein. Häsler malte sie, alleine und mit Kleinkind. So verkaufte er seine Bilder, während er von Spanien aus seine Heimat immer wieder besuchte: an Freunde in der Stadt, alte Bekannte und Lehrerkollegen im Thal. Den grossen Durchbruch schaffte er als «Sozialist» – und dazu noch als Künstler des umstrittenen Realismus – im «freisinnigen Solothurn» nicht, erzählt etwa der Solothurner Lehrer Alain Gantenbein. Von den Bekannten im Film wird Häsler als Mensch beschrieben, der gerne ass und trank und das Leben genoss. «Dabei blieb er bescheiden», sagt eine Stimme. «Er war ein Angeber», meint gleich darauf eine andere. Er habe gern geredet, gerne erzählt – in welcher Sprache auch immer. Eine interessante Person, ein Weltenbummler, so wird er beschrieben. Der in der eigenen Heimat kaum Anerkennung fand. Bis ihn ein Kunstsammler entdeckt.

René Brogli aus Roggwil ist begeistert von den «Häslers» – den Kunstwerken des Schweizer Malers. Er will sie zu einer «Weltmarke» machen. Nach Häslers Tod hortet seine Familie die Kunstwerke in der Villa. Dann reisen die Bilder, deren Erschaffer mittlerweile verstorben ist, in die Schweiz. Brogli plant eine Ausstellung im Kunsthaus in Interlaken. Dazu schaltet er verschiedene Inserate – auch in dieser Zeitung – um Besitzer der Gemälde ausfindig zu machen. Über diese Ausstellung wurde übrigens auch ein Film gedreht. «Coca-Castro» heisst die Dokumentation, die sich ebenfalls mit Häslers Werken und seinem Leben beschäftigt. Im Zentrum steht die Ausstellung in Interlaken, auf die der Film «Odisea de una Vida» zusteuert. Am Schluss wird sie beklatscht – von den Ausstellungsbesuchern im Film, und von den Zuschauern der Filmtage – die Hommage an den fast vergessenen Künstler.