Solothurn
Rosi Gadient – ihr Taxi ist nachts der Spiegel der Gesellschaft

Rosi Gadient arbeitet seit 45 Jahren als Taxifahrerin in Solothurn. Heute sitzt die 69-Jährige ausschliesslich in der Nacht hinter dem Steuer. Dann ist sie auch mal Ersatzmami und Psychologin.

Sven Altermatt
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Der Taxistand am Solothurner Hauptbahnhof ist einer von Rosi Gadients Lieblingsplätzen. Wenn niemand über die Zentrale ein Taxi bestellt, wartet sie hier gerne auf Fahrgäste

Der Taxistand am Solothurner Hauptbahnhof ist einer von Rosi Gadients Lieblingsplätzen. Wenn niemand über die Zentrale ein Taxi bestellt, wartet sie hier gerne auf Fahrgäste

Thomas Ulrich

Noch mag es ihr Chef nicht glauben. Doch in drei Monaten will Rosi Gadient definitiv aufhören. Dann nämlich, wenn sie ihren 70. Geburtstag feiert, wird sie das Taxibillett zurückgeben. Nach 45 Jahren. Der Plan steht.

Gadient ist in der Region Solothurn eine Institution: Oft bestehen Kunden bei der Taxizentrale darauf, mit ihr zu fahren. Seit 14 Jahren arbeitet sie nur noch nachts. Gadient sagt, man müsse dann besonders gut zuhören. Die Nacht öffnet Seelen, und manches macht sie intensiver, schlimmer auch.

Rosi Gadient, wie war die letzte Nachtschicht?

Rosi Gadient: Strub. Es waren unzählige Leute am Wochenende in der Stadt unterwegs, es wurde zünftig gefestet. Das Telefon klingelte und klingelte, wir hatten keine freie Minute. Ich hatte das Gefühl, alle wollen ein Taxi.

Dann haben Sie also die ganze Nacht durchgearbeitet?

Ja, von elf Uhr nachts bis morgens um sechs. Mit den obligatorischen Pausen.

Wer sind Ihre typischen Fahrgäste?

Vor allem Partygänger, oft junge Leute.

Da sind viele darunter, die ordentlich getrunken haben.

Klar, das gehört dazu. Nicht wenige hatten zwei, drei Gläser zu viel. Ich sehe einiges. Manches beelendet mich. Immerhin kann ich dazu beitragen, dass sich niemand hinters Steuer setzt, der sich nicht mehr hinter das Steuer setzen sollte. Die Jungen sind da übrigens vorbildhaft.

Warum?

Alle achten heute extrem darauf, dass wirklich niemand Auto fährt, wenn er etwas getrunken hat. Die gegenseitige Kontrolle ist gross.

Seit 14 Jahren arbeiten Sie nur noch nachts. Was hat dazu geführt?

Die Nacht ist unter den Taxifahrern nicht besonders beliebt. Dann wurde ich gefragt, ob ich die Nachtschiene übernehmen will. Eigentlich bin ich ja ein Morgenmensch ...

... der sich jetzt durch die Nacht quälen muss?

Nein. Ich war Feldweibel im Militär und bin sehr diszipliniert. Es macht mir nichts aus, nachts zu arbeiten. Mittlerweile schätze ich das sogar sehr. Als Taxifahrerin, die nachts fährt, bin ich ein Teil der 24-Stunden-Gesellschaft. Und ich bin Ausputzerin.

Ausputzerin?

Ich mache oft kurze Touren auf Stadtboden. Oft sind es Changierfahrten, wie ich das nenne: Im Taxi sitzen Gruppen, die nach Mitternacht etwa vom Landhausquai ins Kofmehl weiterziehen. Bei Taxifahrern sind solche Fahrten unbeliebt, es springt wenig dabei raus. Ich finde: Kleinvieh macht auch Mist. Jede Fahrt ist Ehrensache.

Kollegen von Ihnen sagen, niemand in der Region habe eine so grosse Stammkundschaft wie Sie.

Ich kenne viele gut. Gerade zu den Jungen habe ich ein gutes Verhältnis.
Stimmt es, dass junge Nachtschwärmer unter Taxifahrern nicht den besten Ruf geniessen?
Es spielt keine Rolle, ob ein Fahrgast nun 18 oder 60 Jahre alt ist. Ich behandle jeden Kunden gleich. Das haben einige Taxifahrer nicht im Griff.

Was machen sie falsch?

Sie sind ruppig zu den jungen Gästen, gestikulieren wild beim Einsteigen und sagen: «Rein mit dir, wohin willst du?» Das gibt es bei mir nicht. Meine Gäste sind Kunden, ich begegne ihnen mit Anstand und Respekt.

Werden auch Ihnen immer Anstand und Respekt entgegengebracht?

Ich darf nicht klagen, die grosse Mehrheit ist äusserst zuvorkommend. Aber unter Alkoholeinfluss zeigen manche Menschen ein anderes Gesicht.

Was macht der Alkohol mit den Menschen?

Schwierig wird es dann, wenn man auch unter der Woche mit Trinken anfängt. Zuerst sagt man sich: Nur ein Gläschen, nur ein Bierchen, nur heute. Und plötzlich kommt man nicht mehr davon los. Das unterschätzen manche, auch weil der Alkohol ein zu hohes Ansehen geniesst. Ich trinke auch mal ein Glas Weisswein. Darum will ich nicht einfach alles verteufeln. Aber im Taxi erlebe ich Situationen, die mir zu denken geben.

Zum Beispiel?

Einmal bestellten mich drei Herren, 40 oder 50 Jahre alt vielleicht, nach einem Fest in Solothurn an den Schanzengraben. Einer wollte aber noch nicht nach Hause. Die anderen insistierten: «Du kommst jetzt mit uns heim!» Nach paar Minuten gaben die beiden auf und stiegen ins Taxi. Ich fuhr sie nach Hause. Der Dritte feierte weiter. Etwa einen Monat später erfuhr ich, dass er noch am gleichen Abend in eine Polizeikontrolle geriet. Er musste sein Billett abgeben und eine happige Busse bezahlen.

Zur Person: Rosi Gadient

Rosi Gadient, 69, arbeitet seit 45 Jahren als Taxifahrerin. Damit ist sie die dienstälteste Chauffeurin im Kanton. Zwischenzeitlich war sie auch Krankenpflegerin und Wirtin, doch Gadient kehrte immer wieder ins Taxi zurück. «Zwei Wochen war ich nach meiner offiziellen Pensionierung weg vom Geschäft», erzählt sie.

«Ich fiel in ein riesiges Loch.» Gadient wollte noch nicht in den Ruhestand. Nun ist sie bei «Taxi Hammer» in einem Teilzeitpensum angestellt. Im Frühjahr will sie sich aber definitiv pensionieren lassen.

Rosa-Maria Gadient, wie sie mit vollem Namen heisst, wurde in Solothurn als Zwölftes von 17 Kindern geboren. Über ihre Kindheit sagt sie: «Wir waren arm, aber reich an Anstand.» Ihre erste Ausbildung absolvierte sie in der Schweizer Armee; Gadient bekleidete den Rang eines Feldweibels. Sie wohnt in Zuchwil. (sva)

Was dachten Sie da?

Dieser Alkohol, der verfluchte Alkohol. Ich kann nicht einfach die Türe meines Taxis schliessen und den Kopf abschalten. Ich führe unzählige Gespräche. Über alles. Mal ist es eine Plauderei über den Abend, mal über das Weltgeschehen. Immer wieder schütten Fahrgäste bei mir ihr Herz aus.

Da bekommen Sie einiges mit.

Ich will niemanden entblössen. Auch wir Taxifahrer pflegen Diskretion. Man kann es sich ja denken: Thema ist alles, was die Menschen beschäftigt. Die Liebe, die Familie, der Job. Wenn der Alkoholpegel hoch ist, kommt manches schonungslos auf den Tisch.

Bieten Sie auch Ihre Hilfe an?

Von Jungen werde ich immer wieder gefragt: «Frau Gadient, wie haben Sie das oder das gemacht?» Ich will aber keine Ratschläge geben, das wäre nicht gut. Jeder muss seine Erfahrungen machen. Was ich kann, ist darum bitten, einer Situation mit Menschlichkeit und Anstand zu begegnen. Bei einem Problem sind ja immer mehrere beteiligt. Wer auf das Gegenüber eingeht, der macht schon das meiste richtig. Nur selten frage ich einen Fahrgast, wo denn sein Respekt bleibe.

Wann haben Sie mal die Nase voll?

Wenn ein Mann die ganze Fahrt über frotzelt, zu Hause kriege er von seiner Alten wieder aufs Dach, weil er so spät nach Hause kommt, dann finde ich das daneben. In einem solchen Fall bitte ich den Gast, sich bitte ein wenig anständiger auszudrücken. Und empfehle ihm, das auch daheim zu tun.

Suchen Sie mit Ihren Fahrgästen eigentlich immer das Gespräch?

Leider neigen nicht wenige Fahrer dazu, ihre Gäste vollzuquatschen. Bei mir gibt es eine eiserne Regel: Ein Gespräch beginne ich nur, wenn sich ein Gast das wünscht. Viele wollen das aber, Alleinreisende sitzen ohnehin meist neben mir und fangen an zu plaudern. Mir ist es wohler, wenn Gäste in der Nacht vorne einsteigen.

Die jungen Stammgäste scheinen Ihnen besonders am Herzen zu liegen.

Bei ihnen ist es faszinierend, ihr Erwachsenwerden zu beobachten. Einer zum Beispiel sass mit 17 zum ersten Mal bei mir im Taxi, kürzlich feierte er seinen 30. Geburtstag. Ich sah Freundinnen kommen und gehen, erlebte seine Entwicklung im Studium und seine ersten Schritte im Job. Da denke ich schon: Aus den Jungen wird was.

Wie oft geht Ihnen das durch den Kopf?

Oft genug. Ich habe viele junge Frauen und Männer durch all die Jahre begleitet. Fast alle sind gut rausgekommen.

Sie sprachen über die 24-Stunden-Gesellschaft. Als Taxifahrerin, die nachts im Dienst ist, sind Sie ein Teil davon. Immer einkaufen, immer arbeiten, immer unterwegs: Das macht vielen Angst.

Diese Entwicklung ist nun mal so, warum sollte man die stoppen? Es stellt sich immer die Frage, was man daraus macht. Ich habe eher Mühe mit einzelnen Ausprägungen, etwa diesem ständigen Herumgedrücke auf den Handys. Da wird geredet und gelärmt.

Auch im Taxi?

Ich habe mich auch schon umgekehrt und einen Gast gebeten, sein Handy leiser zu stellen. Jeder soll so lange online sein, wie er will. Ich finde es aber daneben, wenn andere mit dem Handy belästigt werden.

Die Unterschiede zwischen online und offline verwischen eben.

Naja, viele sind Sklaven ihrer Handys. Sie schaffen es nicht mehr, ohne Unterbruch ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu führen.

Sie arbeiten seit 45 Jahren als Taxifahrerin. Haben sich die Fahrgäste in dieser Zeit eigentlich verändert?

Viel weniger, als man denken könnte. Es gab immer diese und jene Leute. Was sich dagegen geändert hat: die Bedingungen für Fahrerinnen.

Was heisst das?

Als ich Anfang der 1970er-Jahre im Taxi anfing, war für Frauen um 23 Uhr jeweils Dienstschluss. Es hiess, das sei zu unserem Schutz. Da ging ich einmal bei der Behörde vorbei und fragte, was das soll. Uns entging ja eine Verdienstmöglichkeit. Die Zuständigen lenkten ein. Von da an war das kein Thema mehr.