Mausefalle
Richter und Täter in einer Person in Kleists «Der zerbrochene Krug»

Eigentlich wäre Heinrich von Kleists Lustspiel «Der zerbrochene Krug» als Freilichtaufführung vorgesehen gewesen und musste wegen Erkrankung im Ensemble verschoben werden. Jetzt ist der klassische Gerichtsfall auf der Stammbühne zu sehen.

Helmuth Zipperlen
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«Der zerbrochne Krug», das Lustspiel von Heinrich von Kleist, wird mit Franziska Bussmann und David Gnägi in den Hauptrollen gespielt. zvg

«Der zerbrochne Krug», das Lustspiel von Heinrich von Kleist, wird mit Franziska Bussmann und David Gnägi in den Hauptrollen gespielt. zvg

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Am Anfang stand eine Art Wette. 1802 lebte Heinrich von Kleist auf der Aareinsel in Thun und bekam Besuch von Ludwig Wieland und dem helvetischen Kulturminister Heinrich Zschokke. In Kleists Zimmer hing ein Kupferstich nach einem Gemälde von Louis Philibert Debucourt, in welchem sich ein Richter und mehrere Personen um einen zerbrochenen Krug versammelt hatten.

Die drei Herren begannen mit fantasievollen Interpretationen des Bildes. Schliesslich wollten sie ihre Fantasien schriftlich niederlegen. Wieland wollte eine Satire schreiben, Zschokke eine Erzählung und Kleist ein Theaterstück. Nach mehreren Überarbeitungen erlebte Kleists Bühnenstück seine Uraufführung 1805 im Hoftheater von Weimar in der Regie von Goethe.

Die Aufführung wurde zwar verrissen, doch konnte sich Kleists Werk bis heute auf allen grossen Bühnen behaupten. Die Dichtung von Kleist ist weder klassisch noch romantisch, sondern nimmt das naturalistische Theater vorweg, was das Publikum damals nicht begriff. Die dichterische Sprachgestaltung stellt zudem an Schauspielerinnen und Schauspieler hohe Anforderungen.

Wer zerbrach den Krug?

In einem Dorf nahe des niederländischen Utrecht erwacht Dorfrichter Adam mit brummendem Kopf und Blessuren. Sein Schreiber, bezeichnenderweise Licht geheissen, denkt sich seine Sache. Da wird der überraschende Besuch des Gerichtsrates Walther aus der Hauptstadt gemeldet. Dieser will dem heutigen Gerichtstag beiwohnen. Der erste Fall bringt die Klage von Marthe Rull über einen Krug, welchen der zukünftige Schwiegersohn Ruprecht bei einem nächtlichen Besuch bei ihrer Tochter zerbrochen haben sollte.

Dieser indessen behauptet, vor ihm sei ein anderer Mann bei Eve gewesen und dieser habe den Krug zerbrochen. Deshalb wolle er die Verlobung lösen. Adam meint, die Sache noch irgendwie deichseln zu können, doch das Verhängnis nimmt seinen Lauf und aus dem Richter wird ein Täter. Da sich diese Geschichte auch heute noch in ähnlicher Form zutragen könnte, lässt das Teatro Mobile unter der Leitung von David Gnägi das Stück in heutigem Dekor und in modernen Kleidern spielen. Allerdings sind das Lesen bei Kerzenlicht und das Verschicken von Söldnern nach Batavia dann etwas absurd.

Das wäre zu überhören, wenn die Aufführung aus einem Guss wäre. Sie hat zwar ihre packenden und überzeugenden Szenen, weist aber auch Passagen auf, in denen Text deklamiert und nicht intoniert und gespielt wird. Eine hervorragende schauspielerische Performance bieten David Gnägi als Adam und Franziska Bussmann als Marthe Rull. Warum Silvan Andraschko als Ruprecht seine Verteidigungsrede nicht zum Gericht, sondern vorne an der Rampe zum Publikum halten muss, ist nicht schlüssig. Dass Nils Leuenberger aus dem Jugendkurs für die kleine Rolle des Dieners zugezogen wurde, ist hingegen erfreulich. Lukas Rhiner vermag seiner Rolle als Licht die nötige Verschmitztheit zu geben.

Das Ensemble vervollständigen Patrick Streit (Walther), Alina Ebner (Eve), Joseph Tschudin (Veit), Diana Weissbaum (Brigitte) und Mireille Membrez (Grete). Die Technik liegt in den Händen von Vico Hélier, welcher das in hellen Farben gehaltene Bühnenbild ausleuchtet. Das Publikum verdankte die Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler mit langem Applaus.

Weitere Aufführungen: Fr./Sa., 23./24. September, je 20 Uhr; So., 25. September, 17 Uhr; Mi., 28./Fr., 30. September, je 20 Uhr, und Sonntag, 2. Oktober, 17 Uhr.