Analyse

Rettet uns Kurt Fluris Schluss-Sause aus dem städtischen Sommerloch?

Eine Analyse zum Solothurner Sommerloch, das schon fast bedrohliche Ausmasse angenommen hat.

Plötzlich ist es da: das ganz grosse Sommerloch. Alles auf und davon, und die Hinterbliebenen reiben sich in einem sommerlichen Solothurn die Augen: nix mehr los im Stedtli. Das letzte Bier vom Märetfescht ist nur noch schale Erinnerung, bis zum nächsten grösseren, nennenswerten Stadt-Event, dem Street-Food-Festival oder den Sommerfilmen auf der Krummturmschanze dauerts noch Wochen – eine gefühlte Ewigkeit. Das war einmal ganz anders. Und ist noch nicht lange her.

Kultur im Käffli

Etziken, Kestenholz, Burgäschi – Kultur im Käffli. Aber nicht mehr in der Kulturstadt Solothurn. Sogar Grenchen bringt ein Freilichttheater mitten im Sommer auf die Beine. Da ist doch etwas faul im Stadtstaate Solothurn.

Wir sonnen uns selbstzufrieden, ja schon fast ein bisschen selbstverliebt am Landhausquai, frönen an der Hafebar dem Dolcefar- niente, und auch im «Solheure» lebt man vergnügt nach dem Motto: Sun, fun and nothing to do. Solothurn lebt ja, nicht nur zur Sommerszeit, aber eben auch. Für sich, genügsam. Sollen die doch «theaterle» in Burgäschi und Grenchen. Oder nationale und internationale Stars im Wasseramt und im Gäu zelebrieren. Kann uns doch egal sein. Prost!

Ist es uns aber nicht. Denn, es gibt das Loch. Von der Leitung der neu eröffneten «Couronne» aufgeschnappt: «Wir sind gut gestartet, und nach den Ferien stimmen die Buchungen. Aber jetzt hätten wir gerne ein Paar Hotelgäste mehr.» Ein bisschen Jammern auf hohem Niveau – die Logiernächte-Zahlen sind in den letzten Jahren in Solothurn ja regelrecht explodiert. Aber wenn nix los ist, wer übernachtet dann hier? Wegen einem Orgelkonzert oder einer Stadtführung sicher nicht. Es fehlt das Ereignis – der Bettenfüller.

Zu grosse Fussstapfen

Der grosse Zampano, er fehlt eben. Der international vernetzte Macher, mit einem Weltkonzern wie Siemens als Sponsor und Gästegarant im Rücken. Impresario Dino Arici ist nicht mehr. Der clevere Werbestratege, der 1991 Weltstar José Carreras auf der Schanze singen liess. Und damit das Classic Openair lancierte. Womit es fortan als das Sommerfestival galt, an dem Carreras aufgetreten war. 2010 musste Arici aufhören. Seine Fussstapfen waren für die Nachfolger im kleinen Solothurn zu gross. Die letzte Arie ist längst verhallt.

Die Jazz-Grössen, einst auch weltbekannte, sie jammen nicht mehr auf der Bühne des Märetplatzes. Grosses Kino über zwei Wochen unter freiem Himmel, im Kantihof, dann auf dem Dornacherplatz – verschwunden. In bester Erinnerung: zuerst Fussball, dann Filme in der riesigen UBS-Arena vor dem Baseltor 2008. Geschichte. Freilicht-Theaterspektakel auf dem Zeughausplatz – tempi passati. Und klein, aber fein, aber vorbei: das Street Music Festival in der Vorstadt. Dort bleibt uns im Hochsommer nur noch die Chilbi für eine handverlesene Brüder-Sippschaft. Auch nicht gerade das Gelbe vom Ei.

Nicht, dass zu wenig los wäre in Solothurn. Aber es ballt sich alles Mai/Juni und August/September zusammen. Wir brauchen auch nicht ein «Wyber-heer» analog zu Grenchen, Operettenzauber oder ein Staraufgebot à la St. Peter at Sunset im Gäu. Gibts alles schon. Und kannibalisiert sich bereits. Wir brauchen etwas mit «Soledurness». Barockwoche statt isolierte Barockoper auf der Waldegg? Vielleicht etwas zu sehr nach altem Zopf riechend.

Oder ein Wasserfestival? Das hat die Provinz nicht zu bieten. Die Aare als berückende Arena mit der Altstadt von Solothurn. Synchro-Show, die Rötbrücke als illuminierter Wasserfall, Regattas im K.-o.-System zwischen den Aaremürli, tollkühne Männer in selbst gebastelten Kisten beim Abflug von der Wengibrücke? Unsere Partnerstadt Heilbronn machts vor – mit dem Neckarfest.

Rettende Römer?

Wir denken aber auch an einen ganzen Festsommer. Ab 15 n. Chr. werden erste römische Funde in Salodurum datiert. Wir werden oder sind also 2000-jährig. Grund für eine Riesen-Sause! Vielleicht sollte man dafür vom Ertragsüberschuss 2017, der sicher eintrifft, schon mal ein Milliönchen zur Seite legen. 2021 wär dann die 2000-Jahr-Feier von Solothurn. Ein grosser Abschied für Kurt Fluri.

Wobei: Erst 2024 ist teilbar durch 11 =184 × 11 Jahre. Aber so lange Kurt Fluri? Nun, Kaiser Augustus regierte nicht nur 31, sondern 45 Jahre lang – von 31 vor bis 14 nach Chr. Genau dann begann Solothurns Geschichte.

Autor

wolfgangwagmann

wolfgangwagmann

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