Solothurn
Restaurieren aus Leidenschaft – Zu Besuch im Atelier von Brigitta Berndt

In einer alten Stadt wie Solothurn gibt es einiges zum Restaurieren. Viele Objekte gingen schon durch die Hände von Fachfrau Brigitta Berndt. Ob ihr nach 26 Jahren hier doch langsam die Arbeit ausgeht? Wir fragten nach.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Restaurieren aus Leidenschaft – Zu Besuch im Atelier von Brigitta Berndt
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Der Löwe der gleichnamigen Wirtschaft in Solothurn: Die Füsse des Wappentieres waren verrostet und mussten nachgegossen werden.
Der Löwe strahlt wieder.
In diesem Zustand waren die Holzverkleidungen des Stadttheaters Solothurn vor der Restaurierung.
Eine Sopraporta mit Fehlstellen (oben rechts), die momentan restauriert werden.

Restaurieren aus Leidenschaft – Zu Besuch im Atelier von Brigitta Berndt

AZ

Wir sind noch immer ganz voll vom Theater», sagt Restauratorin Brigitta Berndt über ihre Stimmungslage, die sie zusammen mit ihrem Mitarbeiter Franco Fontana noch immer beherrscht.

Damit meint sie die 14 Monate dauernde Arbeit an der Restaurierung der barocken Theaterdekorationen im Stadttheater Solothurn, die überraschend gefunden wurden.

«Es war wohl meine bisher grösste und sicher auch wichtigste Arbeit», sagt sie rückblickend. Jedoch hat die Restauratorin aus Leidenschaft in der Stadt Solothurn und Umgebung schon so vieles zutage gefördert und wieder zum Glänzen und Bestaunen gebracht.

Katakombenheilige, Deckenmalereien, Skulpturen, Uhren, barocke Brüstungen, Gemälde, Handarbeiten aus Klöstern. Alles aufzuzählen, ist unmöglich.

Sie meint dazu: «Klar, hier in Solothurn mit seiner langen Geschichte findet man immer wieder etwas zum Restaurieren. Hier lebten schon immer reiche Herrschaften, die es sich leisten konnten, ihre Häuser oder Räume mit Malereien oder Dekorationen auszustaffieren, an denen nun der Zahn der Zeit nagt.» Da habe es ein Kollege, der in Biel lebe, schon etwas schwieriger. Sie lacht.

Brigitta Berndt ist selbst in Solothurn aufgewachsen und weiss noch genau, was die Inititalzündung zu ihrer Berufswahl gab.

«Es war Fellinis Film ‹Roma› aus dem Jahr 1972. In einer Szene wird dort der Bau der Untergrundbahn gezeigt, und wie die Arbeiter auf ein wunderschönes römisches Fresko stossen und dieses zerstört wird. Da wusste ich: So etwas wollte ich lernen, zu verhindern.»

Sie absolvierte nach der Kantonsschule Solothurn eine fünfjährige Restauratorenausbildung an der Hochschule der Künste in Bern, mit Praktika in einem Restaurierungsatelier in der Schweiz, dem Musée d’art et d’histoire in Genf und einem Austauschsemester in Italien. Ihre Spezialgebiete waren immer Gemälde, Skulpturen und Wandmalereien. Heute liefe die Ausbildung anders ab, weiss Berndt.

«Jetzt muss man sich schon bei der Ausbildung spezialisieren. Zu meiner Zeit – wir waren sechs Frauen in meinem Jahrgang – war man eher noch ein Allrounder.»

1987 beendete Brigitta Berndt ihr Studium und begann sofort, freiberuflich als Restauratorin zu arbeiten. «Zuerst arbeitete ich in Bern, hatte aber auch Aufträge in Fribourg und anderen Orten. Wir Restauratoren kannten uns damals noch untereinander, und man half sich gegenseitig mit Aufträgen aus.»

1989 übersiedelte sie dann wieder nach Solothurn. «Zuerst bezog ich ein loft-ähnliches Atelier in der Schanzmühle. Doch von dort musste ich weg, weil die Polizei einzog. Danach hatte ich mein Atelier lange Zeit im alten Rittersaal des Von-Roll-Hauses.»

Dort lebte es sich fast schon wie im Museum. «Es war sehr schön, inmitten der alten Deckengemälde, doch nicht sehr praktisch. Als ich dort wegmusste, konnte ich das jetzige Atelier am Burrisgraben beziehen.» Brigitta Berndt arbeitet neben ihrem Atelier noch zu 40 Prozent als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums Blumenstein Solothurn.

In der Regel bewirbt sich Brigitta Berndt auf eine Restaurierungs-Anfrage hin mittels einer Offerte. Aufträge bekommt sie von der öffentlichen Hand, aber auch von vielen Privatpersonen. «Wir diplomierten Restauratoren handeln nach einem Ehrenkodex und dürfen keine Werbung machen. Deshalb ist Mund-zu-Mund-Propaganda besonders wichtig.»

Hat sie dann beispielsweise ein zu restaurierendes Bild in den Händen, wird zuerst der Zustand mittels UV-Licht ermittelt. So kann erkannt werden, ob es Übermalungen gab, was mit der Signatur ist und ob vielleicht ein Fälscher am Werk war. «Solche Untersuchungen können bis zum Röntgen eines Bildes gehen», erklärt Berndt.

«Vor allem, wenn ein Objekt mehrmals übermalt wurde und das Alter des Bildes mit dem Alter der Leinwand nicht übereinstimmt, forscht man länger. Eine richtige Detektivarbeit kann das sein.» Das gefällt Brigitta Berndt.

Momentan arbeiten sie und Franco Fontana an sogenannten Sopraporten. Das sind Genrebilder – eher zur Dekoration entstanden –, die über den Türen in Häusern oder Schlössern angebracht worden sind.

«Diese Art der Gemälde ist bisher wenig erforscht, und die Bilder weisen auch ganz unterschiedliche Qualität in der Malerei auf», sagt die Restauratorin. Doch hat sie an jeder alten Malerei Freude. «Es ist immer spannend, zu sehen, wie ein Künstler mit dem Licht arbeitete.»

Jedes Bild wird nach der Untersuchung zuerst vom alten Firnis befreit. «Die Maler früherer Epochen überzogen alle Bilder, insbesondere die Ölbilder, mit diesem Schutzanstrich aus Naturharz, teilweise mattiert mit Bienenwachs, um die Malschicht zu schützen und das Tiefenlicht zu verstärken.»

Dann schaut sich die Restauratorin die Fehlstellen an, kittet diese wenn nötig und retouchiert dann mit feinem Pinsel und der richtigen Farbe. Schliesslich wird wieder ein Firnisschutz angebracht. Für alle Restaurierungen an Bildern verwendet Brigitta Berndt nur die historisch richtigen, heisst natürlich hergestellten Farben.

Im Lauf ihrer Berufsjahre kann sie auf ein ganzes Arsenal von Farbpigmenten in allen Schattierungen aus der ganzen Welt zurückgreifen. Alle Arbeitsschritte des Restaurators an einem Objekt werden protokolliert und dokumentiert.

Man unterscheidet heute beim Restaurieren zwischen den Arten «museal erhalten», also konservieren, oder «restaurieren», das hiesse ästhetisch einzugreifen. «Es gibt immer wieder mal Diskussionen unter den Fachleuten, ob ein Stück ‹nur› konserviert oder besser restauriert werden soll», sagt Berndt. Da entscheiden der Wert, der Zustand oder auch die gesellschaftspolitische Einordnung eines Objektes.

Im Falle der Wiederherstellung der barocken Theaterbemalungen im Stadttheater Solothurn stiessen Berndt und Fontana an die Grenzen des Möglichen für zwei Restauratoren, meinen beide rückblickend.

«Wir beschäftigten uns 14 Monate lang damit. Unser ganzes Atelier war mit den Holztafeln des Theaters ausgelegt, an denen wir arbeiteten. Dazu kam der Zeitdruck, der ziemlich gross war. Das ist etwas, was wir normalerweise in unserer Arbeit nicht kennen.»

Auf die Frage nach ihren Lieblingsarbeiten der letzten Jahre nennt sie neben derjenigen des Stadttheaters den Marienzyklus des Klosters Visitation, den sie komplett restaurieren konnte, diverse Deckenmalereien in Stadthäusern oder das neu erstrahlte Wirtshausschild des «Löwen». «Wahrscheinlich ist mir immer dasjenige das Liebste, mit dem ich mich gerade beschäftige», meint sie.

Soeben ist Brigitta Berndt aus Paris zurückgekehrt. Nicht etwa aus den Ferien, sondern von einem Auftrag. Für eine grosse Galerie konnte sie Arbeiten von Jean Tinguely, die verkauft werden sollten, restaurieren. Es sei nicht das erste Mal, dass sie mit den Werken dieses Künstlers konfrontiert werde, sagt sie.

Mittlerweile sind eben auch gewisse Kunstwerke der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts restaurierungsbedürftig. Wer nun also glaubt, der Restauratorin könne die Arbeit ausgehen, täuscht sich gewaltig.