Der Titel von Anja Gysins neuster Produktion spricht für sich: «Willkommen zu Hause» heisst das Tanztheater, das im hiesigen Stadttheater-Provisorium Reithalle und im Bieler Stadttheater seine Premiere feiern wird. Gleichzeitig ist es auch ein «Willkommen» für die neue Sparte des Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS).

Mit Gysins Stück wird am 23. November in der Reithalle ein Kapitel aufgeschlagen, das man jahrzehntelang vergeblich im Saisonprogramm suchte: die Sparte Tanz. Noch bis in die Sechzigerjahre war sie Bestandteil des Städtebundtheaters, «heute zeugt nur noch der frühere Bieler Ballettsaal davon», sagt TOBS-Intendant Dieter Kaegi. Zwei bis drei Tanzproduktionen sollen es inskünftig pro Saison sein.

«Tanz ist eine dankbare Sparte»

Gleich mehrere Gründe nennt Kaegi für den Ausbau: «Ich hatte eine Wut in mir. Theater in aller Welt streichen unter Spardruck als Erstes die Sparte Tanz.» Gerade dieser Bereich sei gewerkschaftlich weniger stark organisiert als die anderen. «Dabei ist die Arbeitsmoral kaum irgendwo so gross wie unter Tänzern.» Auch habe die Sparte in den letzten Jahrzehnten viel an Impulsen in die Theaterbranche gebracht.

(Quelle: youtube/Anja Gysin)

Dance Company betweenlines

Weiter ist man – insbesondere beim zeitgenössischen Tanz – nicht an die Grösse einer Bühne gebunden, da auch kleinere Formationen programmiert werden. Gerade beim dereinst sanierten Solothurner Stadttheater ein nicht unwesentlicher Punkt: Werden dort doch Ensembles mit zehn Mitgliedern wohl die obere Grenze darstellen. Im Falle des zweisprachigen Biel komme der Sparte Tanz als Ausdrucksform über Sprachgrenzen hinweg eine zusätzliche Bedeutung zu.

Vorrangig Werbeauslagen sowie die technische «Nachrüstung» für die neue Sparte dürften zusätzliche Kosten fürs TOBS generieren. «Wir wollen das Budget aber durch die Schaffung eines Freundesvereins in beiden Spielstätten entlasten», informiert Dieter Kaegi. Zudem wolle man im Hinblick auf die nächste Subventionsperiode die Erweiterung auf den Bereich Tanz auch in den Leistungsvertrag aufnehmen.

Der laufende Vertrag der Stiftung TOBS mit den Städten Solothurn und Biel, dem Kanton Bern und den beitragspflichtigen Seeländer Gemeinden ist notabene bis Ende 2015 gültig. Wie Kaegi weiter ankündigt, soll Solothurn bereits auch Standort des nächsten «Steps»-Tanzfestivals werden. Dieses findet vom 24. April bis 17. Mai 2014 an mehreren Orten der Schweiz statt.

«Heimat» in der Ferne entwickeln

«Längerfristig wäre es wünschenswert, eine eigene, feste Tanzkompanie zu haben», findet Dieter Kaegi weiter. Denn noch verfügt das TOBS über kein eigenes Ensemble, dafür über Kooperationen mit mehreren Gruppen. Auf drei Jahre hinaus ist auch die Zusammenarbeit mit Anja Gysins Dance Company «betweenlines» angelegt. «Mit der Choreografin haben wir jemanden, der mit der Region und seinem potenziellen Publikum verbunden ist», nennt Kaegi den Vorteil.

Und genau ums Thema «Heimat» geht es auch in Gysins Stück «Willkommen zu Hause». Entstanden ist die Idee dazu sinnigerweise in der Ferne, und zwar im Rahmen eines vom Kanton finanzierten Künstlerateliers in der Pariser Cité International des Arts. Dort rief Gysin auch die Dance Company «betweenlines» ins Leben. «Wenn man viel unterwegs ist, was bei Tänzern der Fall ist, stellt man sich die Frage nach der Heimat oft», meint Gysin zur Entstehung der Idee, die sich später in der Heimat zum Tanzstück konkretisierte.

«Dem Tanz ein Sprachrohr geben»

Auch die Frage nach der beruflichen Heimat hat die 34-jährige gebürtige Solothurnerin lange beschäftigt. Lediglich das Grundthema Tanz und Bewegung stand für sie immer im Vordergrund: Ballett und Kunstturnen entdeckte sie mit fünf, später liess sie sich in Bewegungspädagogik ausbilden. Anlässlich einer Tanzausbildung in Salzburg hintersann sie sich: «Ich wollte lieber eigene Stücke machen, statt nach den Anweisungen eines Choreografen zu arbeiten.»

Einige «Wanderjahre» lang begab sie sich auf die Suche nach ihrer tänzerischen Bestimmung, bevor sie in Freiburg im Breisgau die Schule für Tanz Bewegungs-Art absolvierte: «Ich merkte, dass ich mehr Künstlerin bin und mir der eigene Ausdruck sehr am Herzen liegt», so Gysin. Seit 2007 ist sie zurück in Solothurn und macht es sich zur Aufgabe, «dem Tanz ein Sprachrohr zu geben.» So müsse sich ein Publikum gerade für diese Kultursparte hier erst einmal entwickeln.

Diverse kleinere Produktionen markierten den Startpunkt ihrer Bestrebungen. Sie bespielte die Verenaschlucht oder die St.-Ursen-Treppe, wo auch ein Publikum, das sonst die Schwelle zum Tanztheater kaum überschreitet, von ihrer Arbeit Notiz nahm. Hinzu kamen zahlreiche weitere Produktionen im In- und Ausland, mit denen Gysin viele ihrer choreografischen Ideen verwirklichen. Und nun die mehrjährige Zusammenarbeit mit dem TOBS, die bis mindestens auf drei Jahre hinaus auch in Solothurn dem Tanz eine Heimat gibt.