Noch dauert es eine Weile, bis sich der Zug in Bewegung setzt. Kamele und Esel warten geduldig hinter der reformierten Stadtkirche. Drinnen bereiten sich die drei Weisen aus dem Morgenland, römische Legionäre, Hirten, und das gewöhnliche Volk auf den grossen Auftritt vor.

Bescheiden sitzen Maria, Josef und das Jesuskind in einer Ecke. Jayvis-Lee hat vor vier Wochen das Licht der Welt erblickt und schläft friedlich in den Armen seiner Mutter Nicole Sala.

Bald wird Vater Gabriel den Schoppen zubereiten, und der kleine Bub wird ein letztes Mal gewickelt werden, bevor er auf dem Märetplatz während zwei Stunden, wie anno dazumal in ein Tuch gewickelt, die Bewunderung der Bevölkerung auf sich ziehen wird.

«Heute ist Jesus geboren»

Nicole und Gabriel Sala sind stolz, dass sie an diesem nebligen Sonntagnachmittag im Mittelpunkt stehen dürfen. «Es freut mich, einmal Maria sein zu dürfen», sagt die dreifache Mutter.

Später einmal werde sie ihren Kindern davon erzählen. «Ich finde der Kajalstift passt gut». Damaris Ramahenina ist als Schminkspezialistin bei der «Weihnachtsreise» von Anfang an dabei und weiss, wie man das Volk und Herodes mit seinen Dienern ins beste Licht rückt.

«Schaut her», sagt eine der Organisatorinnen und zeigt, wie die Tücher richtig auf dem Kopf drapiert werden.

Römische Patrouillen, Kamele und der aufgebrachte König Herodes an der Solothurner Weihnachtsreise

Römische Patrouillen, Kamele und der aufgebrachte König Herodes an der Solothurner Weihnachtsreise

Die Kleider hängen perfekt geordnet an Ständern. «Sie werden während des Jahres auf dem Estrich der Stadtkirche gelagert», verrät der Verwalter der Reformierten Kirchgemeinde Solothurn, Richard Hürzeler.

Keine Hektik, kein wirres Durcheinanderreden, jeder weiss, was er anzuziehen hat. Ohne eine reibungslose Organisation läuft nichts an diesem Tag. Die Aufbauequipe beispielsweise ist seit dem frühen Morgen auf den Beinen.

Unter anderem musste die Krippe aufgebaut und das Stroh für die Tiere auf den Friedhofplatz gebracht werden. Richard Hürzeler schätzt, dass auch in diesem Jahr rund 80 Männer und Frauen dafür sorgen, dass die vor 12 Jahren ins Leben gerufene «Weihnachtsreise», ihren Zweck erfüllt, nämlich die Menschen auf der Gasse daran zu erinnern, dass Weihnachten mehr ist, als Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu legen.

«Heute ist Jesus geboren», sagt Richard Hürzeler, während die Mitwirkenden im Kreis stehen und ihre Köpfe senken. Die Stärkung im Gebet werden sie gebrauchen können, um die Weihnachtsgeschichte in die Stadt hinaus zu tragen.

Mitten unter emsig herum huschenden Akteuren stehen drei Männer aus Langnau. «Jemand hat uns von diesem Anlass erzählt», sagt der Sternsinger aus dem Emmental, Armin Brunner. Nun seien sie hier, um zu sehen, ob dieser Brauch kopiert werden könnte.

Kind mit keltischem Namen

Langsam leert sich der Raum im Untergeschoss der Stadtkirche. Vor dem Hintereingang bildet sich ein langer Zug von Menschen, die eine Botschaft zu verkünden haben. Vor dem Bieltor werden sie sehnlichst erwartet.

Auch in der Hauptgasse stehen unzählige Menschen am Strassenrand und zücken ihre Handys, um das Ereignis im Bild festzuhalten. Innert wenigen Minuten gibt es auf dem Märetplatz fast kein Durchkommen mehr. Alle warten auf Maria, Josef und das Jesuskind, das in Wirklichkeit statt eines römischen einen keltischen Namen trägt.