Wer sich heute den Abspann eines Filmes genauer anschaut, bemerkt, dass an immer prominenterer Stelle das «Casting» erwähnt wird. Eine Sparte, die früher neben Schauspieler, Produzent, oder Regisseur eher unbemerkt blieb. Heute hat sich dieser Bereich einen immer wichtigeren Stellenwert in einer Filmproduktion erobert, ja sie ist gar matchentscheidend für den Erfolg eines Films. Beleg dafür ist, dass der Spezialpreis der Jury an der Verleihung des Schweizer Filmpreises 2004 an Corinna Glaus und ihr Casting ging. Sie war damals verantwortlich für das Casting, also die Auswahl des Schauspieler-Ensembles, im Schweizer Kino-Hit «Achtung, fertig Charlie!».

«Das Casting hat heute auch viel mehr Medienpräsenz als noch vor Jahren», sagt die Zürcherin in ihrem Büro beim Interview. Das sei nicht nur positiv, bemerkt sie weiter und erwähnt die vielen Casting-Shows im Fernsehen. «Was da gezeigt wird, entspricht nicht der Casting-Realität. Wir verlangen von niemandem, dass er bei uns vortanzt oder vorsingt. Uns interessieren ganz andere Persönlichkeitsmerkmale.»

Die Produktion hält die Zügel

Sie schildert, was ihre Arbeit als Casting-Agenturchefin beinhaltet. «Ich bekomme schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt Kenntnis von einem Filmprojekt. Meist durch den Filmproduzenten. Das Drehbuch wird aufmerksam durchgelesen. «Dabei mache ich mir schon erste Gedanken, wie die Rollen besetzt werden könnten.» Während dieser Phase könne es immer noch zu grundlegenden Veränderungen im Drehbuch kommen, so Glaus. «Da spielt natürlich die Regie eine grosse Rolle. Ein Film kann unter einem bestimmten Regisseur ein ganz anderer werden.» Die Zügel einer Filmproduktion sollen aber in den Händen des Produzenten liegen; denn er ist der Geldgeber und steckt den Rahmen ab.

Die Casting-Agentur meldet sich bei den infrage kommenden Schauspielern, fragt nach Interesse und Terminmöglichkeiten und stellt so eine Auswahl an Schauspielern zusammen. In mehreren Auswahlrunden wird dann das endgültige Ensemble zusammengestellt. «Profi-Schauspieler wissen, wie ein Casting funktioniert, und bereiten sich entsprechend vor», sagt Glaus, die schätzt, dass sie rund 90 Prozent der Schweizer Schauspieler kennt. «Wer zu einem Casting und zu Probeaufnahmen eingeladen wird, ist schon mal in einer engeren Auswahl.»

Viel Flexibilität bei Kindern

Anders sei das Vorgehen bei Laien-Schauspielern und insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. «Soll eine Rolle mit einem Laien besetzt werden, braucht es eine grössere Flexibilität gegenüber dem vorgegebenen Rollenprofil. Ein Profi kann sich im Unterschied zum Laien in eine Rolle hineinversetzen. Ein Laie natürlich weniger. «Schwierige Entscheide gibt es, wenn ich den richtigen Darsteller hätte, der von Alter oder Typ her genau passen würde, aber die Mundart oder beispielsweise der Migrationshintergrund passen nicht.» Solche Vorgaben könnten rückwirkend wiederum das Drehbuch beeinflussen.

Probleme mit Eltern

«Eltern, die glauben, mit der Schauspielerei ihrer Kinder eigene Träume verwirklichen zu können, gibt es immer wieder», sagt Glaus und bestätigt damit das Klischee der ehrgeizigen Eislaufmütter oder -Väter. «Doch ein Kind, das gegen seinen Willen spielen soll, kann man nicht einsetzen. Es soll sich nicht wie beim Zahnarzt fühlen.» Anfragen von Kindern oder Jugendlichen, bei einem Film mitzumachen, landen bei ihr täglich auf dem Tisch. «Und es ist mein Job, zwischen Spreu und Weizen zu trennen. Dabei hilft mir sicher meine langjährige Erfahrung.» Welches sind denn aber die Merkmale, nach denen die Casting-Spezialistin Ausschau hält? «Die Personen sollen Spielfreude und Fantasie ausstrahlen. Die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen, ist ebenfalls sehr wichtig.» Dann nennt sie als weitere Eignungskriterien Glaubwürdigkeit, Spielintelligenz, Wachheit und Konzentrationsfähigkeit. «Wir suchen keine Modell-Schönheiten, aber Menschen mit Gesichtern, die faszinieren, die man nicht vergisst.» Bei (Laien-)Kindern sei oft der Unterschied zwischen dem Bild, das auf einem Foto zu sehen ist, und dem Auftreten in der Realität sehr gross. Das gelte es, zu beachten.

Und: Gerade bei Kindern und Jugendlichen darf das Umfeld nicht ausgeblendet werden, ist ihre Erfahrung. Fragen zum Schulunterricht, zur Unterstützung der Eltern müssen geklärt sein. «Man darf nicht vergessen: Filmarbeit ist anstrengend und ein Job, der viel Selbstdisziplin erfordert.» Corinna Glaus spricht noch einen weiteren, oft nicht beachteten, aber wichtigen Punkt an. «Jeder, der in einem Film mitspielt, muss sich vergegenwärtigen, dass er damit zu einem gewissen Teil der Öffentlichkeit ausgeliefert ist. Damit muss man umgehen lernen. Laien oder Kindern fehlt die professionelle Distanz zur dargestellten Filmfigur, wie sie ein Schauspieler aufbaut.»

Unverbrauchte Gesichter

«Es gibt Regisseure, die nehmen sich wirklich die Zeit und bauen eine Vertrauensbeziehung auf und oft bin auch ich als Casting-Verantwortliche Ansprechperson oder Vermittlerin zwischen Darsteller und Regisseur.

Der Bedarf an neuen, unverbrauchten Gesichtern sei gross. Doch Glaus sagt: «Beim Casting für Kinder fängt man naturgemäss immer wieder von vorne an. Denn kaum ist ein Darsteller in einer Rolle gut besetzt, ist er in den kommenden Jahren nicht mehr für dieselben Kinderrollen geeignet. Denken Sie nur an die 13-jährigen Buben aus «Mein Name ist Eugen». Das sind heute alles junge Männer.»

Info: Am 26. 1. findet ab 13.30 Uhr im Stadttheater eine Diskussion zum Thema «Kids im Schweizer Film» statt.