Jubiläum
Regionale Player in der Suchthilfe sind unter einem Dach zusammengewachsen

Die «Perspektive Region Solothurn Grenchen» unterstützt seit 20 Jahren Menschen mit Suchtproblemen. Damals taten sich mehrere Vereine zusammen, die sich dem Thema Sucht widmete.

Andreas Kaufmann
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Haus der «Perspektive Region Solothurn Grenchen» in Solothurn
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«Perspektive Region Solothurn Grenchen» wird 20 Jahre alt
2018 beseht die Perspektive seit 20 Jahren. Damals war der Verein als Verein Suchthilfe bekannt.
Dieser brachte sechs Trägervereine (DOCK, Notschlafstelle, begleitetes Wohnen, Madrugada, gassennahe Anlaufstelle und Gassenküche) unter ein Dach.
Geschäftsleiterin Karin Stoop: «Die Zusammenführung drängte sich auf, weil man Ermüdungserscheinungen in den Vorständen vieler Trägervereine feststellte.»
Zu Anfangszeiten war die offene Drogenszene ein riesiges Thema.
Um eine offene Drogensene zu verhindern, waren Angebote wie die Gassenküche nötig. Die Gassenküche hilft randständigen Menschen dabei, ihrem Alltag eine Struktur zu geben und trägt so dazu bei, gesellschaftliche Ausgrenzung und Isolation zu verhindern.
Die Notschlafstelle wurde durch begleitetes Wohnen abgelöst.
Die Perspektive unterstützt Menschen und befähigt sie, ihre Lebenssituation aktiv mitzugestalten.
Die Perspektive organisiert Arbeitseinsätze.
Durch die Beschäftigungsangebote wurden bedarfsgerechte Tagesstrukturen für die Klienten geschaffen.
Die Beratungsstelle für Jugendfragen unterstützt Jugendliche und ihre Bezugspersonen.
Suchtprävention ist ein Teil des Angebots
Dazu gehört seit 2005 auch die Schulsozialarbeit
Schulsozialarbeit bearbeitet in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten schwierige Lebens- und Schulsituationen, in denen sich Kinder und Jugendliche und ihre Familien befinden.

Haus der «Perspektive Region Solothurn Grenchen» in Solothurn

Felix Schönberg

Es war ein Bündel unabhängiger, visionärer, oft ehrenamtlicher Vereine, die sich vor über 20 Jahren im Kanton den Themen rund um «Sucht» widmeten. Bis man im Kanton Solothurn Neuland beschritt und die regionalen Player zusammenfasste – erstmals schweizweit.

In der Region markierte dies die Geburtsstunde des heute als «Perspektive Region Solothurn Grenchen» bekannten Vereins Suchthilfe, der sechs Trägervereine (DOCK, Notschlafstelle, begleitetes Wohnen, Madrugada, gassennahe Anlaufstelle und Gassenküche) unter ein Dach brachte.

Die Gründe für den Schulterschluss kennt Geschäftsleiterin Karin Stoop: «Die Zusammenführung drängte sich auf, weil man Ermüdungserscheinungen in den Vorständen vieler Trägervereine feststellte.» Weiter schränkte die Politik die Unterstützungsgelder ein. Und das neu aufgegleiste Sozialgesetz nahm Gemeinden in die Pflicht, Strukturen der Suchtarbeit zu schaffen. «Unter diesen Rahmenbedingungen sollte eine gemeinsam geführte Institution personelle und finanzielle Synergien bündeln.»

Die Ämter für Gemeinden und soziale Sicherheit arbeiteten zusammen mit dem kantonalen Drogenstab, der Firma GeKom und unter Mitwirkung der Trägervereine ein Konzept aus. Im gleichen Klima entstand im unteren Kantonsteil die heute als Suchthilfe Ost GmbH bekannte Schwesterorganisation. Und im Gegensatz zur Situation in anderen Kantonen, wo oft überschneidende Angebote miteinander konkurrieren, fällt dieser Kampf um Pfründe im Kanton Solothurn weg. «Wir setzen unsere Themen und Prioritäten im Rahmen unseres Auftrages selbst. Entscheidend sind Sachfragen, nicht der Kampf um die Strukturerhaltung der eigenen Institution», so Stoop. Darüber hinaus sieht sie eine Konkurrenzsituation unter Bezügern öffentlicher Gelder als wenig sinnvoll an.

Turbulente Anfangszeiten

Am 1. Januar 1998 übernahm Lukas Leber die Geschäftsleitung der neu getauften «Perspektive», die er als prägende Figur bis 2006 innehatte. Bis auf die niederschwelligen Einrichtungen wurden sämtliche Bereiche im Haus an der Weissensteinstrasse zusammengezogen, was die Abläufe vereinfachte. Beim Umbau half auch der Armenverein tatkräftig mit. Stoop, während ihres Studiums als Aushilfe, ab 1999 als Jugend- und Suchtberaterin in der Organisation tätig, erinnert sich an turbulente Anfangszeiten und hohe Personalfluktuationen.

«Viele der ursprünglichen Institutionen waren von Idealisten beispielsweise im Zuge einer Diplomarbeit mit hoher Identifikation für ihre Idee gegründet worden.» Und das Zusammenfassen unter einem Dach sei für viele einer Geschäftsaufgabe gleichgekommen.

«Die Institution musste ihre Gestalt eines durchgängigen, zusammenhängenden funktionellen Gebildes mit Identifikation erst noch finden: Als würde man nicht das Haus als Einheit bauen, sondern einzelne Zimmer unter einem Dach vereinen.»

Dazu zählt auch die Entwicklung hin zu einer Sozialarbeit, in der Konzepte wie Qualitätsmanagement und digitale Tätigkeitsdokumentation dazugehören. Dennoch: «Heute ist die ‹Perspektive› eine gefestigte Institution. Sie hat den Wandel mitgemacht.»
Beispielsweise stand gerade zu Anfangszeiten die offene Drogenszene weiter oben auf dem sozialpolitischen Sorgenbarometer. «Wir waren stark beteiligt am Wandel», erinnert sich Stoop, «dies in Zusammenarbeit mit der Polizei.»

Doch um eine offene Szene zu verhindern, waren Angebote wie die Gassenküche nötig. Die Entwicklung «weg von der Gasse» wurde zudem mit der Ablösung der Notschlafstelle durch das begleitete Wohnen begünstigt. Auch wurden durch die Beschäftigungsangebote bedarfsgerechte Tagesstrukturen für die Klienten geschaffen. Die frühere Tageslöhnerei entwickelte sich weg von einer eigentlichen Struktur mit Lohnarbeit hin zu Arbeitseinsätzen.

Prävention wichtiger geworden

Da alle Suchtformen ohne Wertung durch einen Leistungserbringer abgedeckt werden sollen, wurden ferner auch die Beratungsstelle für Suchtprobleme und jene für Alkoholprobleme zusammengefasst. Ausserdem ist der Bedarf an Leistungen in der Prävention stetig gestiegen.

Auf diese Weise haben sich alle Angebote der «Perspektive» bis heute weiterentwickelt. Einzig die Internetberatung look-up.ch wurde eingestellt. Denn: Heute decken nationale Plattformen spezifische Jugendthemen ab.

«Ausserdem war der Betrieb sehr aufwändig», so Stoop. Lediglich das begleitende Beratungsbuch wird bis heute an Oberstufenschüler abgegeben.
Ein wichtiges Datum in der Organisationschronik ist im Jahr 2005 zu finden, als die Schulsozialarbeit (zunächst als Projekt) zum Leistungsfächer hinzukam. Heute ist dieser Bereich der personell grösste bei der «Perspektive»: Sogar im unteren Kantonsteil oder über die Kantonsgrenzen hinaus (Lengnau) bestehen Mandate. Ein weiterer Meilenstein datiert auf 2010, als man durch Fusion zur «Perspektive Region Solothurn-Grenchen» wuchs.

Kontinuität für die Zukunft

Der Umsatz der «Perspektive» betrug letztes Jahr 5,6. Mio. Franken. Für die Basisfinanzierung sind die Gemeinden zuständig. Sie steuern aktuell 17 Franken pro Einwohner und Jahr bei – was total 2,03 Mio. Franken ausmacht. Zudem kauft der Kanton Leistungen im Bereich Prävention für 180'000 Franken im Jahr ein. Zusammen mit den Beiträgen aus der Sozialhilfe decken diese Gelder zwei Drittel der gesamten Finanzierung ab. Hinzu kommen die Erträge für Arbeitseinsätze sowie die Erträge, die von nutzniessenden Schulen für Leistungen der Schulsozialarbeit entrichtet werden. Auch Spenden und Sponsorengelder steuern zur Finanzierung bei.

Für die Zukunft der Institution sieht Stoop auch sonst Kontinuität. Sie schätzt, dass die Suchtzahlen stabil bleiben – und die Problematik auf dem gesellschaftlichen Sorgenbarometer eine untergeordnete Bedeutung einnimmt. «Das Angebot entspricht dem Bedarf», sagt sie. Ein Themenfeld ortet sie bei den digitalen Medien - einerseits als Strategie, um den Zugang zu den «Perspektive»-Angeboten zu erleichtern; andererseits aber auch als Thema innerhalb der Suchtarbeit - nämlich in Form von Online- und Gamersucht. Weitere Herausforderung ist die mobiler werdende Gesellschaft, durch die sich Finanzierungszuständigkeiten geografisch nur noch schwer verorten lassen.

Nächster Anlass: Gassenrundgang der «Perspektive», morgen Samstag, 11 Uhr, Treffpunkt Amthausplatz.