Mustervorschriften

Regio Energie attestiert Regelwerk mehrere «Konstruktionsfehler»

Laut Regio Energie müsse der Stellenwert des Erdgases in den Mustervorschriften aufgewertet werden.

Laut Regio Energie müsse der Stellenwert des Erdgases in den Mustervorschriften aufgewertet werden.

Mit den «Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich» (Muken) wird den Kantonen ein Regelwerk vorgelegt, um Energiesparen und Effizienz zu fördern. Die Energieversorgerin Regio Energie Solothurn ortet aber Konstruktionsfehler.

Noch sind sie Blaupausen, denen eine Prüfung durch die kantonale Energiefachstelle bevorsteht. Doch schon 2020 könnte die vierte Auflage der «Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich» (Muken) vielleicht auch im Kanton Solothurn gültig sein (wir berichteten). Im Zentrum des Vorhabens steht die Frage, wo der Hausbesitzer künftig Energie sparen kann, respektive sparen muss. Das über 90-seitige Dokument der Konferenz der kantonalen Energiedirektoren enthält ein Grundmodul an Richtlinien sowie optionale Zusatzmodule, die in die kantonalen Energiegesetzgebungen einfliessen und diese untereinander harmonisieren könnten.

Und dies legen die Muken unter anderem fest: Neue Gebäude sollen sich durch Energie vor Ort möglichst selbst mit Wärme versorgen können. Weiter sollen bestehende Bauten einen Grossteil des Warmwassers durch erneuerbare Energien beziehen. Und wenn ein Hausbesitzer seine Gas- oder Ölheizung ersetzt, so dürfe der Verbrauch der bisherigen nicht erneuerbaren Energie nur noch maximal 90 Prozent betragen.

Kritisches Positionspapier

Noch bevor die Muken im Kanton Solothurn geprüft und politisch im Detail diskutiert wurden, meldet sich nun die Regio Energie Solothurn (RES) zu Wort und äussert sich kritisch zum Regelwerk. Die Energieversorgerin attestiert den Muken mehrere «Konstruktionsfehler». Dabei hofft sie darauf, dass der Kanton bei der Umsetzung seinen Gestaltungsspielraum wahrnimmt. Die RES will deshalb über Branchenverbände und die kantonale Politik, nicht zuletzt auch über die Medien sensibilisieren. Ihr Positionspapier, das vier Hauptkritikpunkte aufnimmt, liegt auch der Solothurner Zeitung vor.

Laut Regio Energie müsse der Stellenwert des Erdgases in den Mustervorschriften aufgewertet werden. So würden zu hohe Hürden für Gasheizungen gesetzt. Schliesslich eigne sich der Wechsel von Öl auf Gas für die Reduktion von CO2 auch aus wirtschaftlicher Sicht. Eine Gasheizung müsse als Standardlösung anerkannt werden, findet die RES daher. Fakt ist: Strom und Gas machen als klassische Geschäftszweige den grösseren Teil des Geschäftsumsatzes der RES aus.

Beweggründe finden sich aber auch in aktuellen Projekten und künftigen Ausrichtungen der Energieversorgerin: In der Hybridanlage Aarmatt der RES in Zuchwil – diese befindet sich in der kontinuierlichen Ausbauphase – soll dereinst Gas als erneuerbare Ressource hergestellt werden. Bei der «Power-to-Gas»-Technologie werden Wasserstoff und – als Hauptbestandteil des Erdgases – Methan synthetisch hergestellt, und zwar zu Zeiten, in denen ein Überschuss an Netzstrom vorliegt. So wird Energie in Form von Gas speicherbar. Und: «Unser Gasnetz ist eine Infrastruktur, die schon gebaut ist, aber als Investition bloss brachläge, wenn man sie nicht nutzt», so RES-Direktor Felix Strässle.

Gerade im Zusammenhang mit dem Gassegment macht sich die RES auch für den Stellenwert von Biogas als lokalem und erneuerbarem Energieträger stark. So sei Biogas, wie es beispielsweise aus der Kompogas-Anlage in Utzenstorf angeliefert oder neuerdings auch in der Zase (Zweckverband Abwasserregion Solothurn-Emme) Zuchwil durch Klärschlamm produziert wird, in den Muken nicht als Standardlösung aufgeführt.

Muken killt Wärmekraftkopplung

«Eine faire Chance» fordert das kritische Manifest der RES weiter für sogenannte Wärmekraftkopplungs-Anlagen (WKK), die ebenfalls mit Erdgas betrieben werden. Bei diesen werden durch Verbrennungsprozesse Elektrizität und Wärme erzeugt. Diese würden in den Muken benachteiligt – dabei wären sie eine eingeschlagene Stossrichtung der Energiestrategie 2050 des Bundes. Dagegen würden die Mustervorschriften als regelrechte «WKK-Killer» auftreten. Die RES teilt in dieser Frage die Meinung des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie VSG.

Während die Themen Gas und WKK in den Muken benachteiligt würden, leg man aus Sicht der RES das Gewicht stark auf andere Technologien. Der besondere Fokus beispielsweise auf Wärmepumpen würde die Nachfrage nach Strom zusätzlich erhöhen, insbesondere nach Importstrom, den es während der Wintermonate bräuchte.

Letztlich ist laut RES ein wunder Punkt auch im Gesamtkonstrukt Muken zu finden. Strässle gibt zu bedenken, dass sich die Fachleute intensiv mit dem Dokument auseinandersetzen müssen: «Die Unterlagen sind sehr technokratisch. Es wird eine hohe Kunst sein, den Inhalt verständlich in den Kantonsrat zu tragen, damit dieser die Mängel korrigieren kann.» Darüber hinaus hofft der RES-Direktor, dass der Kantonsrat in dieser Sache unternehmerfreundlich und gleichzeitig ökologisch denkt. «Schliesslich ist es keine Frage von links oder rechts.»

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