«Ein stimmiges Ganzes» soll Solothurn auch in den kommenden Jahrzehnten bleiben, so die Maxime des Leitbilds, zu dessen Behandlung immerhin eine ausserordentliche Gemeindeversammlung angesetzt war. Es sollte sich bald ein «unstimmiges Ganzes» aus der Diskussion herausschälen, nachdem Andrea Lenggenhager, Leiterin Stadtbauamt, ausführlich den Werdegang und vor allem die einzelnen Leistsätze skizziert hatte.

Zu wenig visionär

Thomas Kägi befand als erster Votant das Leitbild als «zu wenig visionär», würde ihm aber zustimmen. Dieser Ansicht waren jedoch längst nicht alle im Saal, und bald einmal stellte Nico Allemann aus grundsätzlichen Erwägungen einen Nichteintretens-Antrag auf das Leitbild, denn er vermisste in der Stadt Solothurn so einiges. Subsummiert unter Stichworten wie kein Wagenplatz für Gruppierungen wie die Wagabunten oder den Antira-Cup sowie Restriktionen im Nachtleben. Unterstützung erhielt er aus ganz anderen Kreisen, die schon mehrfach sehr kritisch gegenüber der Stadtplanung aufgetreten war. So der Verein Masterplan, angeführt durch Präsident Urs Allemann, oder der neue Präsident des Architekturforums, Daniele Grambone. Ihnen ging es vor allem um die fehlende politische Verbindlichkeit des Leitbilds, nachdem sich der Gemeinderat gegen diese ausgesprochen hatte. Auch der Kanton verlange diese nicht explizit, betonte Stadtpräsident Kurt Fluri. «Das sähe wohl anders aus, wenn Ihr Euch nicht an den kantonalen Rechtsdienst, sondern ans Amt für Raumplanung gewandt hättet», wurde Lenggenhager und Fluri aus den gegnerischen Reihen schnippisch beschieden. Grambone wie Allemann stellten sich hinter den Nichteintretens-Antrag, sekundiert von Sympathisantinnen, die auch die Mitwirkung kritisierten – an vier solchen Veranstaltungen hatten im Winter rund 100 Personen teilgenommen. Vermisst wurde mehrfach auch ein Raumentwicklungskonzept (REK).

Und eine geheime Abstimmung

Der andere Schauplatz war das Thema Mobilität. Angesichts der Aussage von Andrea Lenggenhager, dass bei einem Horizont von 15 Jahren in der Nutzungsplanung in diesem Zeitraum bis zu 8000 zusätzliche Einwohnerinnen und Einwohner sowie bis 4500 neue Arbeitsplätze möglich wären, hinterfragten einige Votanten die Absicht im Leitbild, den motorisierten Individual-Verkehr zu plafonieren. «Das geht nicht, da streuen wir uns Sand in die Augen», meinte etwa Peter Bohnenblust unter Applaus von Industrievereins-Präsident Josef Maushart, der wie Andreas Wyss genug Mobilität für Industrie und Gewerbe gefordert hatte. Nun, die Redeschlacht wurde zeitlich noch durch ein Novum verlängert: Die Gegnerschaft des Leitbilds akzeptierte nicht die klar sichtbare Mehrheit für dieses und liess auf Ordnungsantrag schriftlich abstimmen. Dann war alles klar: 135 sagten «Ja» zum Leitbild, 66 «Nein.» Stadtpräsident Kurt Fluri war sichtlich erleichtert nach diesem Novum: Zuvor hatte er gefordert, «wir müssen jetzt endlich mit der Nutzungsplanung vorwärtsmachen» und «wenn ihr das (Leitbild) ablehnt, weiss ich wirklich nicht was machen!»

Wieder «Nein» zu Baur

Der Abend wurde noch um ein Kapitel angereichert: Christian Baur forderte Dringlichkeit für seine Motion, die 1,25 Mio. Franken für Flüchtlingshilfe verlangte. Die Dringlichkeit wurde aber mit 93 Nein bei 78 Ja abgelehnt.