Ushuaia – der Klang ist mystisch, spirituell. Doch aus anderen Gründen wird die Stadt an der Südspitze Südamerikas jährlich zum Ziel von rund 150 bewegungsfreudigen Pilgern auf dem Velosattel. Die «Panamericana» führt über mindestens 22'000 Kilometer von der arktischen Küste nach Feuerland, meist abseits der Komfortzone von E-Bike-Ladestationen und Velostreifen. Urs Hochstrasser zählt zu jenen Zeitgenossen, die sich das mit nichts als Muskelkraft angetan haben – bis zum bitter-süssen Ende.

«Du lebst den Traum»

Über asphaltierte Highways Schotterpisten und viele Höhenmeter bahnte sich der 33-Jährige seinen Weg. Und so steht er – abgehärtet von Schnee-, Sand- und Tropenstürmen und rund 80 Reifenplatten – am 4. Mai 2017 bei einem Tachostand von rund 31'000 Kilometern und nach zwei Jahren vor der «End of the World»-Tafel in Ushuaia. Noch 50 Kilometer vorher hat Petrus versucht, die Triumphfahrt zu bremsen: Plötzlich befindet sich Hochstrasser unvermittelt in einen Schneesturm. «Da fluchst Du eine Millisekunde, um dann zu lachen. Und dann geniesst Du die Natur und lebst den Traum.»

Dass er den Traum gelebt hat, wird klar, wenn er von den 691 Tagen «on the road» erzählt. Dabei konnte Hochstrasser mit Velos lange wenig anfangen. Ein notwendiges Übel wars, dass sich der Inline-Skater früher trainingshalber auf den Sattel schwang. «Fixe Routen in festgelegter Zeit abstrampeln» – langweilig. Und: «In den letzten fünf Jahren vor der ‹Panamericana› besass ich nicht einmal ein Velo.» Vielmehr sei es der Bewegungsdrang selbst gewesen, der die Idee über Jahre reifen liess.

In Schweden hatte er während sechs Tagen in die Pedale getreten. Dabei war es die unmittelbare Nähe zu den Menschen und zur Natur, die ihn faszinierte, nach draussen lockte. Eine, die man nur schwer entwickeln kann, wenn man hinter dem Lenkrad eines Wagens sitzt. «Es war nie die körperliche Herausforderung, die ich suchte», sagt er heute, «sondern das Dort-Sein – und nicht zu wissen, was hinter der nächsten Kurve liegt.»

«Panamericana»-Route von Urs Hochstrasser

Wadenschmerz auf Schotter

Sein Papalagi-Bike wiegt mit Ausrüstung 40 Kilogramm. Stahl, keine Karbonfaser oder Alu, und vor allem: ohne Federung, «etwas weniger, was kaputt gehen kann.» Man gewöhne sich daran, etwas holpriger unterwegs zu sein, meint er. Im Extremfall kommen 35 Kilogramm Proviant hinzu, gerade zum Reisestart unabdingbar: Der Dempster Highway führt über 800 Kilometer von Inuvik nach Dawson und «erinnert eher an ein Zugtrassee als an einen Highway.»

Unterwegs bietet genau eine Tankstelle Nachschub für Wasser ein hinterlegtes Proviantpaket. Allen widrigen Umständen trotzend, gönnt sich Hochstrasser spontane Umwege: Auf seinem Weg schert er westwärts nach Alaska aus. Oder er nimmt für ein Konzert der «Foo Fighters» zusätzliche 600 Kilometer in Kauf.

Über eine Strecke von 15'000 Kilometern leistet ihm auch eine Freundin Gesellschaft, die er vor seiner Reise kennen gelernt hatte. «Von San Francisco bis Chile begleitete sie mich – wir sind gute Freunde geblieben», sagt Hochstrasser. Auch sonst war seine Reise von herzlichen, wenn auch kurzen Begegnungen geprägt: Kanadier, die ihn zum Bleiben bewegen wollten; ein pedalendes Pärchen, dem Hochstrasser technische Starthilfe bot. Ein Motorradfahrer wurde durch den Schweizer ermutigt, den eigenen Drahtesel zu entstauben und damit die Küste Oregons abzufahren.

Ein «Gringo» auf Achse

Lateinamerika beispielsweise hat er dann als Region der Gegensätze erlebt. «Südlich von Mexico ist man oft nur ein ‹Gringo›.» Was meistens freundschaftlich gemeint ist, kann aber auch als Ablehnung verstanden werden: «Schon Fünfjährige decken dieses Spektrum an Bedeutungen ab», sagt Hochstrasser. Dennoch: Überall fühlte er sich aufgenommen – bis auf Guatemala. «In den ersten drei Tagen hat sich ein negatives Bild manifestiert, das ich leider nicht mehr ablegen konnte.»

Es sei das Bild eines Landes, in dem ein korrupter Staat den Ausländer zum Sündenbock stempelt. Und am Titicacasee zwischen Bolivien und Peru erlebt er, wie sich die vermeintlichen Urus auf den Schwimmenden Inseln nur in die Tracht werfen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die Diskrepanz zwischen authentischem Kulturgut und dem, was der Tourismus einem als «schlechten Erlebnispark» vorsetzt, erlebt er hautnah. «Es zerreisst einen, wenn man die Geschichten indigener Völker hört», erinnert er sich; über den Genozid an Ureinwohnern zur Schaffung von Schafweiden. Oder über die Zerstörung archäologischer Stätten, die aus Sicht der Behörden bloss zweitklassig sind.

Nie sieht er sich unterwegs mit der Angst vor der Natur konfrontiert: «Wenn überhaupt, so geht die Gefahr von Menschen aus.» Der Wechsel der Klimazonen und die launige Witterung kann er gut einstecken. «Aber wenn man nach einem Abstecher durch eine konsumgeprägte, mit Werbung plakatierte Stadt wieder in die Wüste hinausfährt, so hat dies etwas unglaublich Belebendes.»

Zeitweilen macht ihm die Gesundheit zu schaffen: In Kolumbien gefährdet ein beidseitiger Leistenbruch seinen Traum. Nach einigen Tagen jedoch macht der Körper wieder mit – mit dem ärztlichen Hinweis: «etwas runterfahren.» Dann: Ab Nazca führt ihn der Weg von 500 in kurzer Zeit auf 5000 Höhenmeter. Die Höhenkrankheit verursacht einen Druck im Kopf, den er durch Kauen von Kokablättern wieder in den Griff bekommt.

Heute präsentiert Hochstrasser sein mit Kratzern übersätes Papalagi-Tourenrad. Der Radkranz mit abgewetzten Zähnen erzählt die Geschichte noch einmal nach – ebenso wie es der umfassende Bild- und Textblog tut, den Hochstrasser führen konnte. Und wenn der nächste Internetzugang mehrere Tage entfernt war, musste halt mal eine einfache Textbotschaft genügen: «Es geht mir gut, Mama.»

Der bewunderte «Spinner»

Gestartet war er am 14. Juni 2015 im kanadischen Inuvik, zwei Jahre später wird er von Freunden mit «Welcome-Back»-Plakat bei der St. Ursentreppe empfangen. Zuvor hatte Hochstrasser auch noch einen «Schlussspurt» von Amsterdam nach Solothurn hinter sich gebracht – um langsam zu Hause anzukommen. Ob er zu seiner Tätigkeit als Softwareingenieur und Projektleiter zurückkehrt, lässt er derzeit offen. Viele Ideen hat er unterwegs gesammelt, und diese Liste will er nun durchgehen.

«Möglich ist alles von selbstständig bis angestellt.» Eins weiss er: «Ich möchte in Schulen über meine Reise referieren – und den jungen Menschen zeigen, dass man seine Träume leben soll.» Ja, den «Spinner» hatte man ihm schon angehängt, als er die Reise plante, aber meistens in Bewunderung: «Meine Freunde haben an mich geglaubt.» Und auf neidische Äusserungen antwortet er stets so: «Selber schuld! Hast du einen Traum? Dann steh auf, verlass deine Komfortzone und tu, was nötig ist.»