Solothurn
«Rapper sind stolz auf den Ort, wo sie herkommen»: Brain MC widmet seiner Lieblingsstadt einen Song

Nach über 20 Jahren Musik gibt Andy Gygli, alias Brain MC, sein erstes Album heraus. Heraussticht der Song über Solothurn.

Fabio Vonarburg
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Andy Gygli mit Cadillac beim Dreh für den Video-Clip für seinen Track «sowieso SO».

Andy Gygli mit Cadillac beim Dreh für den Video-Clip für seinen Track «sowieso SO».

zvg

«Auch dem Pfarrer kamen die Tränen», erinnert sich Andy Gygli an seine Hochzeit und an sein Ehegelübde. Seine Liebe an seine Frau kam als Rap daher, genau wie jetzt an seine zweite Geliebte. Unter dem Namen Brain MC erklärt er der Stadt Solothurn seine Liebe. Und rappt:

...vilich ischs nech z ohre cho... ...i bi scho gebore do...

...i liebe, läbe, wohne do...

...niene chläbi so wie do...

«Sowieso So» so der Name des Songs, und wohl der massentauglichste auf dem ersten Album des Solothurner Rappers, der bereits seit über 20 Jahre in der Szene dabei ist, aber erst jetzt sein Schaffen einer breiteren Öffentlichkeit offen legt.

Warum erst jetzt, das fragt sich nicht nur der Autor dieses Textes. «Hast du eine Midlifekrise?», sei er schon gefragt worden, erzählt der 38-Jährige und Vater zweier Töchter. Die ältere ist zwei, die jüngere noch nicht jährig. «Selbst wenn es so ist. Es fühlt sich verdammt gut an», sagt Andy Gygli, alias Brain MC, und widmet sich danach wieder seiner Spätzli-Pfanne im Restaurant Kreuz – dem Ort, mit dem er so vieles verbindet.

Einst rappte er in der Küche des Restaurants Kreuz

Hier wurde er aufgefangen, nachdem seine Laufbahn als Kantischüler anders lief als geplant. Er ist jetzt Teil der Geschichte des Genossenschaftsrestaurants. Gygli war der erste Lehrling, der hier ausgebildet wurde. Und als das «Kreuz» 2003 Jubiläum feierte, hatte der damalige Kochlehrling einen denkwürdigen Auftritt. Er habe für Furore gesorgt, schrieb das «Solothurner Tagblatt»: «Seine gerappten Geburtstagsgrüsse an das ‹Kreuz› waren nach übereinstimmender Meinung unter dem Publikum und den etablierten Musikern auf der Bühne ‹absolut hitverdächtig›.»

Als Koch arbeitet Gygli schon lange nicht mehr. Nach seiner Zeit im «Kreuz» wurde er etwas später Coach für Mitarbeiter eines Callcenters und war selber überrascht ab seinem schnellen Aufstieg innerhalb des Unternehmens. Mittlerweile ist Andy Gygli Jobcoach und arbeitet am liebsten mit der jüngeren Generation, «zu der mir der Zugang als Rapper vielleicht etwas leichter fällt».

Group Therapy ist die zweite Familie

Als Brain MC ist Andy Gygli in der Solothurner Szene bekannt. Ein Name, den er sich nicht selbst gegeben hat, sondern der ihm verliehen wurde. Von seinem Kindheitsfreund, einem Mitglied seiner Crew, welche auch von ihm benannt wurde: Group Therapy, die zweite Familie von Andy Gygli, der auf dem Album «Bscheid gä», das man etwa auf Spotify findet, ebenfalls ein Song gewidmet ist.

...i ha mini gruppe...

...starch wie en truppe...

...i ha mini gruppe...

...alles in butter...

...i ha mini gruppe...

...jede tag e chli suppe...

...i ha mini gruppe...

...mini therapie gäge jedi art vomne jucke...

Der Freitagabend ist seiner Musik gewidmet. Dann verlässt Gygli seine Familienwohnung, feilt als Brain MC im Studio an seinen Songs, die nur so aus ihm heraussprudeln, wie er erzählt. In allen rappt er auf Schweizerdeutsch, wobei Gygli dies so nicht akzeptieren, sofort eingreifen und präzisieren würde: «Solothurner Dütsch».

Wer auch mal mit Gygli im «Kreuz» zu Mittag isst, wird auf denselben Schluss kommen. Brain MC rappt dies nicht nur, er fühlt die Liebe zu Solothurn auch wirklich. «Egal mit wem ich in dieser Stadt spreche, wir finden schnell sofort jemand, den wir beide kennen. Das liebe ich an Solothurn.»

Wie auch, dass Solothurner am Boden blieben. Er erwähnt den Rapper Manillio und andere Solothurner Grössen, die zwar Erfolg hätten, aber nicht abgehoben seien. Die Stadt verhindere es, arrogant zu werden, philosophiert Brain MC, lacht und sagt: «Vielleicht liegt es daran, dass jeder Solothurner, auch wenn er mal hoch fliegt, irgendwann wieder auf dem harten Kopfsteinpflaster der Altstadt landet.»

Brain MC träumt nicht (mehr) vom Durchbruch

Er selber hat den Traum, selber einmal abzuheben, aufgegeben. Von der Musik zu leben, sei in der Schweiz schwierig, sagt Gygli, der total zufrieden wirkt mit dem, was er ist, mit dem, was er tut. Die Musik mache er vor allem für sich, aber klar, würde er sich über einen Auftritt im Kofmehl freuen, und klar, freue er sich ab jedem, der sich seinen Sound reinziehe, ab jedem Click, der sein Musikvideo auf Youtube zählt.

Im Clip zu «Sowieso So» lässt sich Brain MC mit Sonnenbrille, Fliege, Hosenträger und weissen Hemd im Cadillac chauffieren. Das befestigte Nummernschild am Wagen: SO 11. «Rapper sind stolz auf den Ort, wo sie herkommen», sagt Brain MC. Weiter als wenige Kilometer von seinem «Stedtli» wegzuziehen, kann er sich nicht vorstellen. Und als Solothurner kann er ihn sich in der gerappten Liebeserklärung nicht ganz verkneifen, den lieb gemeinten Seitenhieb an die anderen Städte im Kanton.

...mir si fridlech – hei zum stänkere jo ou ke grund...

...usser villich, wenn vo gränche oder oute chunnsch...

...es chöi nid aui so geili sieche si wie mir...

...nummer 1-stadt, heimat, i liebe di so sehr...