Jeffrey hat den Interviewtermin zum Anlass genommen, endlich mal ein System ins Atelier in seiner Vierzimmerwohnung in der Weststadt zu bringen. Das sieht man: Die Kleider hängen geordnet an zwei Ständern, die Schminksachen sind auf einem erhöhten Tisch angeordnet, die bunten und glitzrigen Ketten hängen an der Wand. Über dem Fenster gucken drei Stecken-Einhörner auf die Besucher herunter und die Kiste mit Dutzenden falschen Wimpern steht aufgeräumt im Wandregal. 

Wie viele Kostüme er denn jetzt genau hat, weiss der 27-Jährige nicht. «Ich habe echt keine Ahnung», lacht er. Einige Kostüme für die Kunstfigur Jeff van Phil sind extra für ihn kreiert worden. Andere hat er selbst gefertigt. «Ich versuche, vieles selbst zu machen – auch aus Kostengründen.» Viel mehr Freude bereitet ihm allerdings das Basteln. «Ich bin besser am Heissleim als an der Nähmaschine», meint er lachend. Sein Federkragen, den er extra für das diesjährige Zurich Pride Festival gebastelt hat, beeindruckt. Stolz ist Jeffrey auch auf sein pinkes Einhorn-Kostüm. Damit war er an der Pride 2017 der Star. Viele Newsportale rückten den Stelzenmann prominent in Szene.

Jeffrey bezeichnet sich selbst als Performance-Künstler. Er tanzt Burlesque, singt, speit Feuer, oder gibt für einen Anlass auch mal eine Katze aus Cats zum Besten. Mitte August stand er am Rock Oz'Arènes in Avenches jede Nacht auf der Bühne. Es sei anstrengend aber toll gewesen, blickt der Mitarbeiter im Aussendienst zurück. An einem Abend trat er in rot-schwarz als Teufels-Dame auf.

Das Makeup ist bei den Auftritten äusserst wichtig, entwickelt sich aber meistens spontan. «Ich habe selten einen Plan, wenn ich mich vor den Spiegel setzte», so Jeffrey. Hat er genug Zeit, werden die Augenbrauen abgeklebt. Stets in Szene gesetzt werden seine Augen und der Bart. Da gehörten meistens ganz viele Glitzerpartikel drauf. 

So viel Unterschied bestehe nicht zwischen ihm und seiner Kunstfigur. «Ausser, dass ich privat viel weniger Zeit vor dem Spiegel verbringe und viel schüchterner bin», so Jeffrey. Kleider möge er aber ebenso gerne wie Jeff van Phil. 

Jeffrey (27) aus Solothurn: «Am Drag Queen-Sein fasziniert mich vor allem die Verwandlung und das, was ich auf der Bühne darstelle»

Jeffrey (27) aus Solothurn: «Am Dragqueen-Sein fasziniert mich vor allem die Verwandlung und das, was ich auf der Bühne darstelle»

Alte Frau

Schon immer faszinierte ihn das Theater. Gerne beschäftigte er sich mit den Kisten voller Kostüme und Kleidungsstücke, die zuhause in Recherswil standen. «Die Verwandlung in eine Frau war für mich immer die grösste. Am liebsten in eine alte Frau. So musste ich den ganzen Charakter sowie den Gang und das Aussehen ändern.» Jeweils an der Fasnacht zog er so durch die Gassen.

Seinen allerersten Auftritt als Frau hatte er als 12-Jähriger am Märetfescht an der Mini-Playbackshow. Er gab Dodo Hug zum Besten. «Wir wurden nur Dritte, aber von da an hatten wir fast jeden Monat einen Auftritt an Geburtstagen oder anderen Festen.»

Mit 15 Jahren stand er dann zum ersten Mal als Dragqueen Tracy O. Livia auf der Bühne. Als nächstes nannte sich Jeffrey Tracy Gender. Noch immer bot er eine klassische Travestieshow. «Ich habe mich nicht wegen der Reaktionen in eine Frau verwandelt», erzählt Jeffrey. Er habe es des Prozesses wegen getan. Er versuchte dabei stets, Auftritt und Wirkung zu perfektionieren. 

Nach der Krise kommt der Erfolg

Als 23-Jähriger hatte er eine künstlerische Krise. Der gelernte Fachmann für Behindertenbetreuung wollte ganz aufhören mit den Shows. «Einen Sommer lang hatte ich keine Auftritte. Danach reizte es mich, wieder etwas zu machen.» In dieser auftrittslosen Zeit liess er sich zum ersten Mal einen Bart wachsen – und Jeffrey baute diesen in seine neue Figur Jeff van Phil ein. Die Nachfrage stieg rasch, er rutschte fest in die Burlesque-Szene rein und ist mittlerweile europaweit unterwegs. Seine Nonnen-Nummer, bei der er live singt und insgesamt drei Kostüme präsentiert, kommt super an. Es ist seine Lieblingsshow.

Jeff van Phil am HEAVEN DRAG RACE 2017

Er sehe sich als Clownyqueen, erzählt der 27-Jährige. Eine Dragqueen also, die überzeichnet und mit viel Glitzer geschminkt und eher komisch sei. «Ich finde nicht, dass ich einen erotischen Körper habe, deshalb mache ich mehr lustige Sachen auf der Bühne.» Ihm sei es wichtig, den Leuten ein gutes Gefühl zu vermitteln. «Ich will zeigen, dass man sich wohlfühlen kann, egal wie man aussieht.» 

Elegante und lustige Shows sollen es für die Rampensau sein. Aber Jeff van Phil schockiert auch gerne mal sein Publikum, indem er beispielsweise Kerzenwachs schluckt oder Feuershows macht. Einmal hat er sich auch schon Postitch-Klammern in die Haut geheftet. «Da brauchten die Zuschauer aber schon viel Nerven.» Die Shows mache er aus zwei Gründen. «Erstens weil es mir gefällt, was ich mache, und zweitens, weil ich gerne Leute unterhalte.» 

Ein eleganter Abend in Solothurn

Als Moderator hat er schon einige Abendveranstaltungen begleitet. Nun wird er selbst zum Gastgeber. Ende Oktober läuft seine erste Show «Varieté der Verwandlung» in der Kulturfabrik Kofmehl. Das Publikum erwarte eine abwechslungsreiche Show mit Feuer, Comedy, Gesang, Schönheiten und einer Akrobatin aus Solothurn, verrät Jeffrey. «Es soll ein sehr eleganter Abend werden. Wenn die Zuschauer wollen, können sie auch etwas Spezielles anziehen.» 

Bereits ist eine zweite Show in Solothurn geplant. Am 9.Februar 2019 wird im «Zunfthaus zu Wirthen» eine Dinnershow gegeben. 

Jeffrey liegt es am Herzen, Solothurn etwas Neues zu bieten. Er denkt, dass die Stadt durchaus ein gutes Pflaster für ein solches Varieté ist. Schliesslich gebe es bereits eine Travestieshow in der Region. Und die deutsche Miss Liss trete auch immer wieder in der Ambassadorenstadt auf.  

Jeffrey ist stolz auf seine Wurzeln und betont bei Auftritten im Ausland immer wieder, dass er aus Solothurn komme. «Wenn die Leute Zürich sagen, ist das am schlimmsten. Dass ich aus Solothurn komme, macht mich noch spezieller», meint er. Auf heimischen Bühnen wurde er bisher noch nicht oft gesehen. Aufgefallen ist er den Besucherinnen der Menstrip-Show an der letztjährigen HESO. Als sich eine Frau weigerte, den halb nackten Mann anzutanzen, stürmte Jeff van Phil im langen Abendkleid auf die Bühne und übernahm. «Die Frau hat mir wirklich leidgetan. Da habe ich sie halt erlöst.» 

Jeff van Phil an der HESO 2017 bei Sixxpaxx auf der Bühne. Seine Schwester hatte ihn eingeladen. Weil der Anlass nur für Frauen gedacht war, kam er als Dragqueen.

Jeff van Phil an der HESO 2017 bei Sixxpaxx auf der Bühne. Seine Schwester hatte ihn eingeladen. Weil der Anlass nur für Frauen gedacht war, kam er als Dragqueen.

Auch an der diesjährigen Herbstmesse hatte er einen Auftritt. Im Anschluss ans Gespräch mit JumpTelevision konnten die Besucher beim Fotoshooting mit Jeff van Phil auf Tuchfühlung.